Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 11 › Seite 207

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Mai 1915, Seite 207

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w

sieren.

207

kamen. Was über diese Verhandlungen von dem Springfeld
(Mass.) Republican berichtet wird, dürfte unsere Leser interes⸗
Es fielen Aussprachen wie diese: „Wenn der Staat einen
einsperrt, so kann er das nicht ohne einen Prozeß tun, und doch
erlauben wir diesen Anstalten, gerade das zu tun.“ Frau Susan

K. Stevens bezeichnete die Houses of the Good Shepherd, in

denen bekanntlich minderjährige Mädchen strafweise gefangen ge—
halten werden, als „hell holes“ und berichtete über ihr persönlich
bekannte Fälle von Grausamkeiten, die in diesen Anstalten an den
Insassen verübt worden sind. Eine gewisse Dorothy Nichols von
Chicago sagte aus, sie sei drei Jahre gegen ihren Willen in einem
House of the Good Shepherd gefangen gehalten worden. Ein
Priester habe sie hingebracht unter der Vorspiegelung, er wolle
sie ihrer Mutter zurückbringen. In dem House of the Good
Shepherd angelangt, mußte sie von Morgen bis Abend arbeiten
und erhielt keine Schulung. Sooft Besucher kanien, habe man an
diesen Betrug geübt, indem mian die Mädchen mit Handarbeit
und an musikalische Instrumente hinsetzte, wo der Besuch sie sehen
mußte und so den Eindruck erhielt, die Mädchen beschäftigten
sich mit leichter Arbeit und Musik. Bedeutsam ist, daß prominente
Blätter wie der Republcan sich jetzt nicht mehr scheuen, über
solche Dinge zu berichten. Man kann sich eben nicht länger der
überzeugung verschließen, daß die Nenace mit ihren sensatio—
nellen Angriffen auf die übelstände in den katholischen Anstalten
durchaus nicht faselt, sondern ihre Anklagen auf Tatsachen
gründet. Unser Volk im allgemeinen erkennt zwar nicht den
Greuel der Werkgerechtigkeit, der dem gesamten Mönchs⸗ und
Klosterwesen zugrunde liegt; man künimert sich auch zu wenig
um die Geschichte anderer Völker, um zu wissen, daß durch die
römischen Klöster Volk und Land verarmen; aber nian fängt an,
in der Forderung, daß die römischen, von Nonnen geleiteten
Strafanstalten und Kinderheinie staatlich inspiziert werden sollten,
eine berechtigte Forderung zu erkennen. Daß die römische
Presse in so gehässiger Weise über jeden herfällt, der solcher Gesetz⸗
gebung das Wort redet, läßt tief blicken. Wenn hinter diesen
hohen Mauern mit ihrer Bekleidung von Stacheldraht und Glas⸗
splittern alles geheuer wäre, würde man sich wohl nicht so sträu—
ben gegen staatliche Inspektion. Man stelle sich einmal vor, ein
Hospital versuche mit Gewalt und List, sich der Inspektion durch
das staatliche Gesundheitsamt zu entziehen. Was würde da ein
jedex wohl urteilen? G.
Zunahme der Trunksucht unter den Frauen Englands.
Neulich berichteten wir an dieser Stelle, daß die Trunksucht in
Rußland durch das Schnapsverbot nicht abgenommen hat, da
man sich mit Holzspiritus (wood alcohol) behilft, wenn man
den Fusel nicht bekommen kann. Nach den neuesten Nachrichten
nimmt die Zahl der gesetzwidrigen Brennereien nach Art der
moonshine stills in einigen unserer Südstaaten bedeutend zu und
damit auch die Trunksucht im Volk. Zwar im verbündeten Eng—
land sieht man von den Versuchen, Prohibition einzuführen, ab.
Doch läßt sich aus zerstreuten Notizen in den Kabeldepeschen
herauslesen, daß es in bezug auf den Alkoholmißbrauch in Eng—
land überaus ernst steht. Bekanntlich ist die Trunksucht immer
ein unter den Frauen der niederen Volksklasse Englands weit⸗—
verbreitetes Laster gewesen. Wahrhaft erschreckend sind aber die
Nachrichten, die jetzt über die Zunahnte der Unmäßigkeit in Eng⸗
land, gerade auch unter den Frauen, seit Anfang des Krieges
einlaufen. Die Londoner Times bringt Betrachtungen über den
Einfluß des Krieges auf die Londoner Bevölkerung, indem sie
wörtlich sagt: „In den Stadtvierteln, wo die Armut schon in
Friedenszeiten zu Hause ist, sieht es noch unfreundlicher aus.
Jeden Montagmorgen werden die Läden der Pfandleiher von
Scharen von Weibern belagert, um die Sonntagskleider der
ganzen Familie zu versetzen. Am Sonnabendmorgen, wenn der

Wochenlohn ausbezahlt worden ist, werden sie wieder ausgelöst.
Trotzdem greift das Trinken unter der armen Bevölkerung weiter
um sich, und die Trunksucht der Frauen hat sich seit Ausbruch
des Krieges bedeutend vermehrt. Die neue Verordnung, daß
die Frauen vor 11½ Uhr keine alkoholischen Getränke erhalten
sollen, hat dazu geführt, daß schon gegen 11 Uhr lange Reihen
vor den Schankstätten sich aufstellen, um als erste an die Reihe
zu kommen. Die Folge davon ist, daß die Kinder, die mittags
aus der Schule kommen, keine Mahlzeit fertig finden, da die
Mütter in irgendeiner Schankwirtschaft sitzen.“ „Die Trunk⸗
sucht des weiblichen Geschlechts ist eine der größten Gefahren, die
das Wohl der britischen Nation bedroht“, diese Außerung machte
ein Mitglied der Londoner „Gesellschaft für das Studium von
Nüchternheit“ gelegentlich einer Versammlung und wies die Be⸗
rechtigung seiner Aussage an der Hand von Zahlen nach. Ferner
zeigte die Rednerin, daß nicht nur unter den Frauen und Mäd⸗
chen der niederen Klassen die Trunksucht ihre Opfer suche. Dem
allzu häufigen und allzu reichlichen Genuß geistiger Getränke
gibt sich ebenso die „Gesellschaftsdame“ wie die Fabrikarbeiterin
hin. Nur daß die Vertreterin der „feinen“ Welt meist bestrebt
ist, ihrer Leidenschaft im geheimen zu frönen, während das Mäd⸗
chen aus dem Volke sich nichts daraus niacht, in die Kneipe zu
gehen. Trotzdem nun die unter den adeligen und wohlhaben—
den Frauen sich ereignenden Fälle nur zum geringen Teil zur
Kenntnis gelangen, reden die Zahlen, mit denen die Frauen in
der britischen Trunksuchtsstatistik vertreten sind, eine furchtbare
Sprache. Und wie es scheint, nimmt die Schar der von dem
Laster beherrschten Frauen ungeachtet aller Bemühungen der
Mäßigkeitsgesellschaften eher zu als ab. Natürlich ist auch die
Sterblichkeit unter den Säuglingen der dem Trunke ergebenen
Frauen außerordentlich groß. Abgesehen von der geringen
Lebensfähigkeit vieler dieser armen Geschöpfe, werden durch-
schnittlich 600 im Jahr von ihren betrunkenen Müttern im
Schlaf erdrückt. G.
Das belgische Volt ist weitaus zum größten Teil katholisch,
und die Priester haben dafür gesorgt, daß es in tiefer Unwissen—
heit und in einem fanatischen Haß gegen alles Protestantische
erhalten wird. Die evangelische Kirche Belgiens ist nur klein
und hat schon deshalb wenig Einfluß auf das Leben des Volkes.
Sie zählt nur etwa 50,000 Mitglieder, während es zum Beispiel
schon allein 80,000 Priester, Mönche und Nonnen in Belgien gibt.
Für die Unwissenheit großer Teile des belgischen Volkes, vor allem
in Nordbelgien, ist folgendes recht bezeichnend: In der herrlichen
Kathedrale von Gent findet sich, wie in allen größeren katholischen
Kirchen, auch eine ganze Reihe von Nebenaltären und Bildsäulen
von Heiligen, daneben Opferteller und Sammelbüchsen zur Auf⸗
nahnie von Liebesgaben. Während man aber sonst in solchen
Fällen Inschriften liest wie: „Opfert dem heiligen Joseph, der
heiligen Barbara“ oder dergleichen, sieht man hier an den Wän—
den und Pfeilern gemalte bunte Hände, die zwischen den Fingern
Geldstücke (natürlich nicht zu kleine Münzen) halten. Diese ge⸗
malten Hände zeigen recht, auf wie viele Kirchgänger man in
Gent rechnet, die nicht lesen können und daher eines solchen
Anschauungsunterrichts in der Wohltätigkeit bedürfen. — Als
einst in den Jugendtagen der Reformation auch Belgien fast ganz
evangelisch geworden war, konnten bald fast alle Einwohner des
Landes lesen; das Luthertum fördert ja stets das Schulwesen.
Aber als dann mit dem finstern Fanatiker Alba der „spanische
Schrecken“, wie jene furchtbare Zeit in einer noch heute vor—
handenen Inschrift am Rathaus zu Antwerpen genannt wird,
über das Land kam, und Alba in den sechs Jahren seiner Herr⸗
schaft 18,600 Todesurteile an den evangelischen Belgiern voll⸗
strecken ließ, da versank das Volk wieder in die frühere Unwissen⸗
heit, in der es bei dem Fehlen jeglichen staatlichen Schulzwanges

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