Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 11 › Seite 208
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Mai 1915, Seite 208
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Er „Tutheranss
größtenteils bis heute geblieben ist. Zwar berechnet die Regie⸗
rung die Zahl ihrer Untertanen, die nicht lesen noch schreiben
können, „nur“ auf 18 Prozent der Bevölkerung (in Deutschland
sind es bedeutend weniger als 1 Prozent); in Wahrheit aber
werden es nach allgemeiner Beobachtung bedeutend mehr sein,
vor allem in den flämischen Bezirken des Nordens, in denen der
Katholizismus seine Hauptstärke hat. Diesem geringen Stand
der Volksbildung entspricht denn auch eine Höhe des Aberglaubens
und des Hasses gegen Nichtkatholiken, von der man sich kaum eine
Vorstellung macht. Nur einige Beispiele: In Ostende hat kürz⸗
lich eine evangelische Leiche öffentlich ausgestellt werden müssen,
damit endlich einmal das Volk sähe, daß die Evangelischen nicht
im Tode kohlschwarz wären, und daß der Teufel ihnen nicht das
Genick und den Kopf völlig herumgedreht hätte! Es pflegen des
Sonntagmorgens die zur Kirche gehenden Evangelischen und das
zur Messe hereinströmende Landvolk sich auf dem Kirchgang zu
begegnen. Dann suchen die Landleute stets sehr aufmerksam nach
Kopf und Füßen der Evangelischen, um bei ihnen den Ansatz zu
Hörnern und den Pferdefuß zu sehen! Ebenfalls in Gent waren
sämtliche Fenster der evangelischen Kirche stark vergittert und mit
engem Draht überzogen; „sonst wären unsere Fenster sofort ein⸗
geworfen“! In Antwerpen sieht man in der evangelischen Kirch⸗
tür die Löcher, welche von Steinen herrühren, die dagegen ge⸗
worfen waren. Eine Ansichtskarte der Kirche ist nicht zu haben.
„Vergebens haben wir seit Jahren die gegenüberwohnenden Katho⸗
liken, von deren erstem Stockwerk aus wegen der engen Straße
die Aufnahme der Kirche allein möglich ist, gebeten, uns das
Aufstellen eines photographischen Apparates zu gestatten; man
hat den Ketzern stets diese Bitte abgeschlagen“, erzählt P. van
Griethusen. Er selbst ist auf der Straße mehrfach von Fana⸗
tikern angespien worden; dasselbe hat auch P. van der Bruggen
in Brüssel mehrfach erlebt. (Sonntagsblatt.)
Aus dem Gemeindeleben.
3. Die Berufsversammlung am Ostermontag.
An die evangelisch-lutherische St. Matthäusgemeinde in Y.
In dem HErrn JeEsu geliebte Brüder!
Die Gemeinde in C. hat Euren Lehrer berufen und wendet
sich mit diesem Schreiben an Euch, liebe Brüder, um Euch zu
erklären, warum wir gerade Euren Lehrer in unserer Mitte haben
möchten, und warum wir der Meinung sind, daß Ihr Euren
Lehrer, so lieb und wert er Euch persönlich auch sein mag, in
Frieden an uns entlassen solltet. Viele Worte und lange Aus⸗
führungen wollen wir nun nicht machen, sondern kurz und bündig
darlegen, was wir zu sagen haben.
Erstens möchten wir erklären, daß wir nicht blindlings zu—
gegriffen haben, als wir den Beruf an Euren lieben Herrn Lehrer
ausstellten. Im Gegenteil, wir haben auf gottgefällige Weise
aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß Euer Lehrer ein wahrhaft
christlicher und überaus tätiger Mann ist, der seine ganze Zeit
und Kraft und sein volles Interesse dem Berufe widmet, in den
ihn der liebe Gott gestellt hat. Zudem haben wir das gute Zeug⸗
nis über ihn erhalten, daß er eine feine Lehrgabe besitzt und im
Schulzimmer eine solche Disziplin ausübt, daß er einerseits christ⸗
liche Zucht und musterhafte Ordnung aufrechterhält, anderseits
aber auch die Liebe und das Vertrauen seiner Schüler genießt.
Schließlich ist uns nur Günstiges berichtet worden sowohl über
seine Fähigkeit, den Organistendienst zu versehen und den Chor
zu leiten, wie auch über seine Willigkeit, sich der konfirmierten
Jugend anzunehmen. Wir sind nun zu der überzeugung ge⸗
kommen, daß Euer Herr Lehrer gerade der Mann ist, den wir
gebrauchen und haben sollten.
Zum andern möchten wir dartun, warum Ihr Euren lieben
Lehrer in Frieden an unsere Gemeinde entlassen solltet.
a. Unsere Gemeinde ist ganz begeistert für ihre
Gemeindeschule und ist mit allen Mitteln darauf bedacht,
sie auf der Höhe zu erhalten, auf der sie jetzt steht. Soll das
aber geschehen, so sind uns nur die besten Lehrer gut genug.
Darum sollten wir Euren Lehrer haben. Und dies
um so mehr, da ö
b. unsere Gemeinde sich in einer Großstadt be⸗
findet, und wir durch unsere christliche Schule den großen
übeln und mannigfachen Versuchungen einer Großstadt entgegen⸗
arbeiten müssen. Wollen wir dies mit Gottes Hilfe auch in Zu⸗
kunft tun, so bedürfen wir der Dienste solcher Männer, wie
Euer Lehrer der uns gegebenen Schilderung
nach ist. Dazu kommt, daß
c. unsere Gemeinde und folglich auch unsere Schule
größer ist als Eure Gemeinde und Schule. Darum ersuchen
wir Euch, liebe Brüder, wohl zu bedenken und ernstlich zu er⸗
wägen, daß der Berufene seine Gaben und Kenntnisse zu größe⸗
rem Nutzen und reicherem Segen im Reiche Gottes verwerten
kann im Dienste unserer Gemeinde, als dies in Eurer kleine⸗
ren Gemeinde der Fall sein kann. Und so sprechen wir die
wohlberechtigte Bitte und bestimmte Erwartung aus, daß Ihr
Euren Lehrer in Frieden an uns entlassen
werdet.
Im Namen und Auftrag der ev.-luth. Zionsgemeinde in C.
zeichnet sich mit herzlichem Brudergruß
Deren Vorstand.
„Dies ist also das Schreiben, das wir in Betracht zu ziehen
haben“, erklärte der Pastor der Gemeinde in Y. am Abend des
Ostermontags, nachdem die Gemeindeversammlung mit Schrift⸗
abschnitt und Gebet eröffnet worden war. „Ehe wir aber an die
Beratung dieses Schriftstückes gehen, sei es mir erlaubt, einige
Bemerkungen zu machen. Erstens: Es freut mich ungemein,
daß unsere Versammlung heute abend so gut besucht ist. Es ist
allerdings eine wichtige Angelegenheit, die uns heute zur Be⸗
ratung vorliegt: die Wegberufung unsers Herrn Lehrers. Aber
auch sonst handelt es sich um hohe Dinge, wenn wir Gemeinde—
versammlungen abhalten, nämlich um die Erhaltung und den
Bau des Reiches Gottes. Darum möchte ich alle anwesenden
Glieder bitten, doch ja auch in Zukunft fleißig die Gemeindever⸗
sammlungen zu besuchen. Zweitens: Es ist selbstverständlich,
daß alle Brüder, die sich zum Worte melden, der Reihe nach reden
können. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß recht viele sich
aussprechen werden. Aber auch diejenigen, die nicht reden wollen,
oder die da meinen, daß das schon gesagt worden sei, was sie
haben sagen wollen, werden reichen Segen davontragen, wenn sie
den Verhandlungen aufmerksam folgen. Bei der Abstimmung
können dann alle ihre Meinung zum Ausdruck bringen und später
zu Hause erzählen, was in der Versammlüng verhandelt worden
ist, und wie man geurteilt hat. Drittens schließlich möchte
ich die Bitte aussprechen, daß man nun möglichst bei der Sache
bleiben möchte, damit sich die Verhandlungen nicht ungebührlich
hinausziehen. Doch, Herr Lehrer, wollen Sie etwa diesem Be⸗
gleitschreiben noch einige Worte hinzufügen?“
Der Lehrer: „Liebe Brüder, das Schreiben an die Ge⸗
meinde enthält wesentlich dieselben Punkte, die in dem Berufs⸗
schreiben angegeben sind, warum ich nach C. umsiedeln sollte.
Es ist ungemein schwer für mich, zu entscheiden, welche Stellung
ich in der Berufssache einnehmen soll. Gerne habe ich hier an
der Gemeinde gearbeitet. Freud' und Leid habe ich mit euch ge⸗
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