Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 11 › Seite 209

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Mai 1915, Seite 209

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wartet.

209

teilt und war der Meinung, daß ich noch auf Jahre hinaus unter
euch wirken sollte. Und nun kommt dieser Beruf dazwischen.
Ob nun die Gründe der größeren Gemeinde in der Großstadt C.
derartig sind, daß ich dem Berufe Folge leisten sollte, kann und
will ich alleine nicht beurteilen und bitte darum die lieben Brüder,
sich ganz frei darüber auszusprechen.“

Bruder Peters: „Ich habe das Schreiben aufmerksam
angehört und verstanden. Und wenn wir jetzt bei der Sache und
bei dem vorliegenden Punkte bleiben sollen, möchte ich angeben,
daß nach meiner Meinung der Hauptpunkt fehlt.
Wenn ich in meinem Geschäft einen neuen Buchhalter oder einen
neuen Clerk haben muß, mache ich es. so: Numero 1 schaue ich
mich nach einem tüchtigen Mann um, gerade wie die Gemeinde
in C. Numero 2, wenn ich ihn gefunden habe, sage ich ihm, was
ich von ihm an Arbeit erwarte; wiederum gerade wie die Ge⸗
meinde in C. Numero 3 sage ich aber nicht: Ich brauche dich,
und darum mußt du zu mir kommen! Nein, das ist Numero 4.
Numero 3 sage ich ihm: ‚So und so viel Lohn zahle ich dir‘, und
dann erst kommt Numero 4. Ich kenne die Gemeinde in C. auch.
Sie ist größer und reicher als unsere Gemeinde. Da sind Ge⸗
schäftsleute, die im Automobil umherfahren. Da sind Hausbe⸗
sitzer, die Rente ziehen. Da sind Groceristen, Bäcker und butcher,
die gar nicht so arm sind. Die wollen nun den besten Lehrer
haben, den sie für ihre Schule bekommen können, und darum
sollen wir unsern Lehrer entlassen. Da frage ich, was für einen
Gehalt wollen sie bezahlen? Bieten sie unserm Lehrer so viel
mehr Gehalt, als wir es tun können, dann will ich ihm nicht im
Wege stehen, sondern würde selbst den Vorschlag machen, daß wir
ihn in Frieden ziehen lassen.“

Bruder Willem: „Die Rede eben hat mich geärgert!
Bruder Peters sagt, er würde selbst den Vorschlag machen, daß
wir unsern Lehrer in Frieden ziehen lassen. Das habe ich er⸗
So schnell schießen wir aber nicht; nein, noch lange
nicht; das kann ich euch versichern! Ich will dem Bruder Peters
und allen Brüdern hiermit sagen, daß ich den Vorschlag machen
möchte: Wir lassen unsern Lehrer nicht ziehen. Freilich möchte
ich auch gerne erfahren, was für einen Gehalt die Gemeinde
in C. ausgesetzt hat. Nicht als ob ich neugierig wäre. Bewahre!
Ich fürchte aber, wenn wir nicht darüber informiert sind, können
wir uns heute abend den Hals trocken sprechen, und wenn alles
vorbei ist, heißt es schließlich doch: Unser Lehrer geht!“

Bruder Hermann: „Ich meine, beide Vorredner haben
dasselbe gesagt, nur mit andern Worten. Meine Meinung ist,
daß wir uns um die Gehaltsfrage nicht zu bekümmern haben.
Ich habe gelernt, daß unsere Pastoren und Lehrer nicht um Lohn
arbeiten, sondern um Gottes willen. Wir können ja sowieso
unserm Pastor und Lehrer nie vergüten, was sie uns und unsern
Kindern Gutes tun. Im Geschäft ist es anders. Im Geschäft
heißt es immer gleich: „‚Wieviel Lohn bekomme ich?“ Und wenn
man einige Jahre in einem Geschäft gewesen ist, hält man ge⸗
wöhnlich um Lohnerhöhung an. Unser Pastor und Lehrer arbeiten
aber nicht um Geld, sondern sind zufrieden, wenn sie ihr Aus⸗
kommen haben. Ich schlage vor, daß wir die Punkte in dem Be⸗
gleitschreiben vornehmen.“

Bruder Philipp: „Ich unterstütze das. Geschäft ist
Geschäft, aber unser Lehrer soll kein Geschäftsmann sein. Das
wäre eine Schande.“

Bruder Peters: „Unser lieber Bruder Philipp hat
jedenfalls nicht recht achtgegeben, worum es sich handelt. Seine
Gedanken waren gewiß gerade bei dem großen property, das er
heute nachmittag so billig gekauft hat, weil er eash bezahlen
konnte. Nicht alle Leute sind so gute Geschäftsmänner wie Bru⸗
der Philipp, am allerwenigsten unser Schulmeister. Und Bruder
Hermann hat recht und hat auch nicht recht. Das Schullehrer⸗

amt ist kein weltliches Geschäft, sondern ein göttlicher Beruf.
Unsere Lehrer arbeiten auch nicht um Geldes willen, sondern um
Gottes willen. So weit hat Bruder Hermann recht. In meiner
Bibel steht aber auch: „Esset und trinket, was sie haben; denn
ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ Die Leute in C. haben
mehr als wir, darum werden sie gewiß auch mehr Gehalt be⸗
zahlen. Und mein Argument ist: Kann unser Lehrer es etwas
besser haben in der Welt, wenn wir ihn an die Gemeinde in C.

entlassen, so erkenne ich in dem Beruf Gottes Willen und

Schickung und will nicht im Wege stehen. Darum möchte ich
hören, wieviel Gehalt man ihm ausgesetzt hat.“

Der Pastor: „Wir können die Gehaltsfrage füglich
fallen lassen; denn sie geht unsere Gemeinde zunächst nichts an.
Das ist eine Sache zwischen dem Lehrer und der berufenden Ge⸗
meinde. Unser Lehrer weiß, ob er mit dem versprochenen Ge⸗
halt in C. auskommen kann. Kann er nicht damit auskommen,
so ist es seine Pflicht, uns hierüber Mitteilung zu machen, und
dann wäre die Berufsangelegenheit bald entschieden. Da er aber
hierüber nichts hat verlauten lassen, sollten wir das vorgelegte
Schreiben in Beratung ziehen.“

Bruder Fritz: „Derselben Meinung bin ich auch. Das
Schreiben der Gemeinde in C. zerfällt in zwei Teile. Mit dem
ersten Teil stimmen wir alle, nämlich damit, daß wir an unserm
Lehrer einen tüchtigen Schulnann haben. Das haben wir schon
längst gewußt. Betreffs des zweiten Teiles möchte ich folgendes
sagen: Erstens ist unsere Gemeinde geradeso begeistert für ihre
Schule wie die Gemeinde in C. Wir alle sind davon überzeugt,
daß wir unter den obwaltenden Verhältnissen für unsere Kinder
nicht besser sorgen können, um sie in der Zucht und Vermahnung
zum HErrn zu erziehen, als daß wir sie in unsere christliche Ge⸗
meindeschule schicken. Und daß auch wir eine in jeder Hinsicht
gute Schule haben und behalten wollen, ist selbstverständlich. Der
erste Punkt überzeugt mich darum nicht, daß wir unsern Lehrer
ziehen lassen müssen. Zweitens ist es wahr, daß in einer Groß⸗
stadt große Versuchungen an unsere Christen herantreten. Der⸗
selbe Teufel ist aber in den kleinen Städten ebenso gefährlich;
nur tritt er hier mit seinen Versuchungen in etwas anderer Ge⸗
stalt an unsere Jugend heran. Auch dieser Punkt ist nicht aus⸗
schlaggebend. Drittens ist es wahr, daß die Gemeinde in C.
größer und reicher ist als unsere Gemeinde. Sie hat darum
auch vier Lehrer, während wir nur einen Lehrer und eine
Lehrerin haben. Größeren Nutzen und reicheren Segen kann
aber unser Lehrer in C. nicht stiften und mehr Arbeit kann er
nicht leisten, als das hier der Fall ist. Darum halte ich dafür,
daß auch dieser Grund für uns kein zwingender ist, unsern Lehrer
ziehen zu lassen.“

Bruder Peters: „Bruder Fritz hat mir mit seinen
Ausführungen aus der Seele gesprochen. Ja, so ist es: Wir
haben einen guten Lehrer und sollten ihn auch behalten. Unsere
Gemeinde hat einen tüchtigen Mann ebenso nötig wie die Ge—
meinde in C. Nicht nur nimmt er sich der Kinder in der Schu le
treulich an, sondern er achtet auch auf die konfirmierte Jugend,
wie ich das aus Erfahrung weiß. Wenn ich je etwas gesagt
habe, was unserm Lehrer weh getan hat, so bitte ich das öffent⸗
lich ab. Und was ich nach besserer Einsicht schon privatim getan
habe, will ich nun auch vor meinen Brüdern hier in der Ver⸗
sammlung tun, nämlich un serm Lehrer danken für den Dienst,
den er mir und meiner Familie erwiesen hat, indem er müir ein⸗
mal offen und ehrlich die Wahrheit gesagt hat. Es ist mir damals
nahe gegangen, aber das bittere Kraut hat geholfen. Im übrigen
bin ich der Meinung, daß die Gründe, die geltend gemacht wor⸗
den sind für seine Entlassung, nicht stichhaltig sind.“ ö

Bruder Willem: „Die Aussprache Bruder Peters' hat
mich freudig überrascht, und ich bin ihm eigentlich eine Abbitte

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