Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 25 › Seite 476

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Dezember 1915, Seite 476

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476 S Der „„Vutgeraned

schule eingehen lassen, um durch die bloße Sonntagsschule ihren
Kindern einen Ersatz zu bieten.

Anders steht es schon, wo zwar etwa alle Kinder die Ge—
meindeschule besuchen, wo es aber nötig wird, neben dem deut⸗
schen Religionsunterricht auch englischen einzuführen, den dann
die Sonntagsschule vielleicht zeitweilig oder teilweise über⸗
nehmen kann als Ergänzung des Schulunterrichts. Ihre be⸗
sondere Berechtigung aber hat die Sonntagsschule da, wo es
möglich ist und nötig wird, in einer deutschen Gemeinde eng—
lische Missionsarbeit in Angriff zu nehmen, wo etwa infolge
der Verhältnisse, welche die leidigen Mischehen mit sich bringen,
manches Kind nicht mehr für die Gemeindeschule gewonnen
werden kann. Da wird es sich auf die Dauer kaum vermeiden
lassen, daß man, bei verschärftem Eifer für die Gemeindeschule,
doch schließlich neben derselben auch eine Sonntagsschule ein—
richtet um derer willen, die man wirklich trotz aller Bemühungen
nicht für die Gemeindeschule gewinnen kann. Das werden frei⸗
lich in der Regel solche Kinder sein, deren Eltern sich wenig
oder gar nicht zur Kirche halten. Es ist freilich überaus
traurig, wenn man diesen Kindern, die ja selber keine Ver—
antwortung tragen, nicht mehr bieten kann. Aber es wäre
unverantwortlich, wenn man ihnen deswegen nun gar nichts
bieten wollte.

Wo man nun solchen Sonntagsschulunterricht einführt,
muß es freilich klar verstanden sein, daß eine solche Einrichtung
nicht für die Kinder getroffen worden ist, welche die Gemeinde—
schule besuchen, sondern für die auswärtigen, denen man mit
diesem Notbehelf dienen will. Unter diesen Umständen sollte
man darum auch ja die Schulkinder nicht dazu drängen, daß
sie die Sonntagsschule besuchen, um den Gedanken nicht in
ihnen aufkommen zu lassen oder zu nähren, als sei dieselbe
wichtiger als die Wochenschule oder ein ebenbürtiger Ersatz
derselben. Auf der andern Seite kann man ihnen den Zutritt
auch nicht verwehren, solange immer wieder betont wird, daß
sie deswegen nicht vom Predigtgottesdienst und von der Chri—
stenlehre entschuldigt sind. Die Anwesenheit der Schulkinder
in der Sonntagsschule kann dazu beitragen, daß der Stand der
letzteren, was Leistungen anlangt, ein höherer wird, und daß
fremde Kinder nicht nur durch die erkenntnisreicheren Schul⸗
kinder gewonnen werden, sondern auch sonntäglich erkennen
müssen, wie weit sie hinter diesen zurückbleiben, was wiederum
eine herrliche Gelegenheit bietet, die Vorteile einer Gemeinde⸗
schule herauszustreichen und Rekruten für diese zu werben —
und das nicht ohne Erfolg.

Noch ein Grund, warum man sich mancherorts genötigt
sieht, neben der Gemeindeschule eine Sonntagsschule einzu⸗
richten, ist der, daß unsere Kinder, namentlich solche aus Misch—
ehen, sogar solche, die durch die Woche in die christliche Schule
gehen, durchaus in eine Sonntagsschule gehen sollen oder wollen,
wie ihre Eltern es vor ihnen taten, und wie ihre Spielkameraden
es jetzt tun. Ist es da nicht besser, ihnen eine möglichst gute
lutherische Sonntagsschule zu bieten, als sie schließlich durch
den Einfluß einer Sekten⸗Sonntagsschule ganz zu verlieren?
— Besonders aber den andern Kindern gegenüber, die sonst
voraussichtlich auf keine andere Weise zu erreichen und zu ge—
winnen wären, deren Seelen doch auch kostbar sind in Gottes
Augen, wollen wir unsere Missionspflicht nicht vergessen. —

Wir haben nun davon geredet, wie die Sonntagsschule ein
Missionsmittel sein kann solchen Kindern gegenüber, die im

schulpflichtigen Alter stehen, da, wo die Gemeindeschule zu Recht
besteht, als Ergänzung derselben, aber immer mit gehöriger
Betonung der Wahrheit, daß sie nicht als Ersatz für dieselbe
angesehen werden darf. Wenn dieses Prinzip nun bewahrt
bleibt, ist kein triftiger Grund vorhanden, warum eine recht
geführte Sonntagsschule nicht auch ein Segen sein kann in
solchen Gemeinden, wo keine Gemeindeschule besteht. Einen
großen Schaden würde sie freilich dann verursachen, wenn sie
so geführt und als Ideal gerühmt und betrachtet würde, daß
man in der Gemeinde den Eindruck bekommen könnte oder gar
müßte, daß man auch ohne eine regelrechte christliche Gemeinde⸗
schule ganz gut fertig werden könne. Aber wo eine Gemeinde
wirklich unter ihren Verhältnissen keine Gemeindeschule ein⸗
richten kann, etwa weil der Pastor, namentlich in der Stadt,
nicht die Zeit oder die Kräfte hat, so Schule zu halten, wie es
nötig ist, die Gemeinde aber nicht imstande ist, einen Lehrer
zu halten, so kann doch mit Segen für die Gemeinde neben
mancherlei andern, möglichst systematisch eingerichteten Unter⸗
richtsstunden für die verschiedenen Altersstufen eine Sonntags⸗
schule eingerichtet werden, die auch dazu beitragen muß, daß
die Gemeinde ihrer Missionspflicht gegen fremde Kinder nach—
kommt.

Aber bedenken wir: Wir haben eine Missionspflicht gegen
alle Kinder, die wir erreichen können, nicht nur gegen die im
schulpflichtigen Alter. Wenn wir sehen, wie so viele Eltern
ihren Kindern auch vor dem schulpflichtigen Alter keine christ⸗
liche Erziehung geben, vielleicht auch nicht geben können, sollten
wir um so mehr darauf bedacht sein, auch solche kleine Kinder
möglichst früh in Sonntagsschulklassen zu sammeln, zumal da
wir Gelegenheit suchen können und sollen, auch die Kinder
solcher Eltern, die in gar keiner oder nur in loser Verbindung
mit uns stehen, an uns zu fesseln, ehe sie von den unermüd⸗
lichen Sekten für ihre „eradle rolls“ und „Primary classes“ ge⸗
wonnen werden; und mannigfache Erfahrung zeigt, daß solche
Kleinkinderklassen in unsern Sonntagsschulen rechte Missions⸗
klassen sind, durch welche wir manches Kind nicht nur für die
Sonntagsschule und oft auch für die Gemeindeschule, sondern
auch — und das bleibt die Hauptsache — für ihren Heiland
und den Himmel gewonnen.

Schließlich, und nicht zum wenigsten, ist zu bedenken, wie
schwer es hält, unsere dem Schulalter entwachsene
Iugend zum Besuch der Christenlehre zu bewegen. Gerade
die Bibelklassen, die mit jeder rechten Sonntagsschule verbun—
den und vom Pastor direkt oder indirekt geleitet sein müssen,
sind dazu angetan, solche junge Leute zu halten und in der
Bibelkenntnis zu fördern. Wo nun gar noch das dazukommt,
daß viel englische Arbeit getan werden muß, wo auch immer
wieder Klassen Erwachsener englisch konfirmiert werden, die
doch nur notdürftig in Gottes Wort unterwiesen worden sind,
die aber oft den Besuch einer Sonntagsschule von Kind auf
für nötig und nützlich erkannt haben, die sich auch gerade wegen
des Mangels eines englischen Morgengottesdienstes unter uns
nicht heimisch fühlen, gerade da zeigt sich die Einrichtung solcher
Bibelklassen für Erwachsene als ein nicht zu unterschätzender
Segen, indem solche Leute nach ihrem eigenen Zeugnis in
solchen Klassen manchmal mehr lernen als aus einer gewöhn⸗
lichen Predigt.

Wer wird darum leugnen können, daß sich die Sonntags⸗
schule auch neben der Gemeindeschule und als Ergänzung der—

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