Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 25 › Seite 480
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Dezember 1915, Seite 480
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480
S Der „„Vutheraned
arbeitete das Heimweh nach den schönen Gottesdiensten des
SErrn den Pastoren in die Hände. Diese Gemeinden haben
auch eine gewisse Unterscheidungsgabe, die Geister zu prüfen.
Sie merken den Unterschied zwischen unsern und den unierten
(evangelischen) Pastoren. So haben unsere Missionare in den
neuen Ansiedlungen wohl im NÄußeren größere Entbehrungen
durchzumachen als ihre Brüder in den alten Kolonien. Dafür
erleben sie aber auch mehr Freude an ihren Gemeinden.
Die meisten unserer Gemeinden haben wir unter den alt⸗
eingesessenen Kolonisten gewonnen. Teils haben wir diese Ge⸗
meinden mit kirchlich ganz verwahrlosten Leuten gegründet,
teils sind wir in bereits organisierte Gemeinden gerufen worden.
Es ist wohl schwer zu sagen, welchen unter unsern Pastoren das
bessere Los zugefallen ist, denen, die sich ihre Gemeinden aus
kirchlich verwilderten Leuten erst aufbauen mußten, oder denen,
die in organisierte Gemeinden gestellt wurden. In beiden
Fällen gehörte viel Liebe zur Sache, viel Glaube an die Kraft
des Wortes Gottes, viel pastorale Weisheit, viel Geduld mit
den Schwachen dazu, um nicht zu verzagen. Die Alten, die noch
in Deutschland, etwa in Pommern, zur Schule gegangen waren,
trugen in irgendeinem Winkel ihres Herzens verborgen noch
die eine oder andere Erinnerung an Gottes Wort. Etliche,
früher wohlbekannte Kirchenmelodien, wie „Was Gott tut, das
ist wohlgetan“, lagen ihnen noch in den Ohren. Die Haupt⸗
daten aus der biblischen Geschichte waren noch nicht ganz ver—
gessen. Etliche Gebote, Stücke des Glaubens und das Vater⸗
unser saßen etwa auch noch locker im Gedächtnis. Schlimmer
sah es in dieser Beziehung schon bei dem in den brasilianischen
Wäldern aufgewachsenen jungen Geschlecht aus. Der dürftige
Schulunterricht, den solche Eingeborne etwa genossen hatten,
hatte das Hauptgewicht auf Rechnen, Lesen und Schreiben gelegt.
Die Religion war, wenn es gut ging, flüchtig gestreift worden.
Wo es so schlecht um die Erkenntnis des göttlichen Wortes be⸗
stellt ist, da sieht es auch faul mit dem Christentum aus. Eine
schreckliche Verwilderung der Sitten greift immer mehr um sich.
Alle Sünden gehen im Schwange.
Wie kam es nun, daß wir mit unsern Bemühungen, unter
solchen Leuten Gemeinden zu gründen, Erfolg hatten? Ge⸗
wöhnlich fanden wir einen oder den andern, der sich durch Gottes
Gnade christlichen Sinn und christliche Erkenntnis bewahrt hatte,
einen, den Gott hatte lassen übrigbleiben, der sich nun für die
Gründung einer lutherischen Gemeinde begeisterte und seine
Nachbarn ansteckte. Andere begrüßten in unsern Pastoren gute
Lehrer für ihre Kinder. Sie sagten wohl: „An uns Alten ist
ja freilich nicht viel mehr zu ändern, aber unsere Kinder sollen
nicht so wild aufwachsen.“ Schließlich haben wir auch keine zu
hohen Anforderungen an den guten Willen dieser Leute gestellt.
Wir haben für unsere Arbeit unter ihnen nur die eine Be⸗
dingung gestellt, daß es unsere Pflicht sein sollte, ihnen Gottes
Wort lauter und rein zu predigen und die Sakramente nach
Christi Einsetzung zu verwalten. Alles andere haben wir der
Zukunft und der Kraft des Wortes Gottes anheimgestellt. Dann
sind wir an die Arbeit gegangen in Schule, Gottesdienst und
Privatseelsorge.
In den organisierten Gemeinden, die wir übernahmen,
hatten wir keinen leichteren Stand. Da sahen wir uns in der
Lage eines Lehrers, der bei seinen Schülern erst die Resultate
einer falschen Erziehung und eines verkehrten Unterrichts paraly⸗
sieren muß, ehe er den nenen Grund legen kann. Diese organi—
sierten Gemeinden hatten zum Teil böse Lehrer und Hirten
gehabt. Da galt es, alteingewurzelte übelstände zu bekämpfen.
Lutherische Praxis, wie die Beichtanmeldung, stieß bei vielen
auf Argwohn und Widerwillen. Man vermutete in der Beicht⸗
anmeldung eine andere Form der katholischen Ohrenbeichte;
man argwöhnte in ihr ein Werkzeug geistlicher Tyrannei. In
einer Gemeinde verwarf man das Kreuzzeichen, in einer andern
die Hostien beim Abendmahl. Die Erkenntnis war auch in
diesen organisierten Gemeinden gering; denn die Generationen
waren auch hier aufgewachsen ohne gründlichen Religionsunter⸗
richt. Die Konfirmation war zumeist nur Formensache gewesen.
Der Kirchenbesuch ließ viel zu wünschen übrig. Auch diese Ge⸗
meinden haben wir mit der einzigen Bedingung übernommen,
daß sie uns in unserm Beruf auf die Heilige Schrift und die
lutherischen Bekenntnisschriften verpflichteten. Mit den vielen
Mängeln, die solchen Gemeinden anhafteten, haben dann unsere
Pastoren in Gottes Namen und mit Gottes Wort den Kampf
aufgenommen. Etliche dieser Gemeinden haben auf die Dauer
die lutherische Lehre nicht leiden mögen. Sie haben unsere
Pastoren wieder vertrieben. Die meisten aber haben mit der
Zeit die lutherische Lehre und Praxis lieben gelernt und lernen
dies noch immer mehr.
Wohl von allen unsern Gemeinden kann bezeugt werden,
daß die Wirkung des göttlichen Wortes deutlich zutage tritt.
Unsere Pastoren berichten immer wieder mit Dank gegen Gott,
daß in ihren Gemeinden der Kirchenbesuch sich hebt, und daß
die Opferwilligkeit größer wird. ö
Unsere Leser werden sich hoffentlich nun ein Bild machen
können, wie es im allgemeinen in unsern brasilianischen Ge⸗
meinden in kirchlicher Hinsicht bestellt ist. Wir haben Ge⸗
meinden, wie wir oben sagten, die großen Eifer für Gottes
Wort zeigen. Wir haben an andern Orten Gemeinden, die
wir sozusagen soeben aus dem Groben herausgearbeitet haben,
oder wir sind noch dabei, sie die ersten Tritte und Schritte auf
dem Wege lutherischer Lehre und Praxis zu lehren.
Eine Frage, die immer wieder und auf verschiedene Weise
gestellt wird, ist diese: Wie tragen die brasilianischen Gemeinden
zu dem Unterhalte ihrer Pastoren beis Warum müssen wir
Jahr für Jahr so große Summen Unterstützungsgelder nach Bra⸗
silien schicken? Wann werden die Gemeinden selbständig sein?
Wir bitten unsere Leser, die früher geschilderten wirtschaft⸗
lichen Verhältnisse mit den jetzt berichteten kirchlichen Zuständen
zusammenzustellen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse stellen das
Können unserer Gemeinden und die kirchlichen das Wollen dar.
Der aufmerksame und urteilsfähige Leser wird mir zugeben,
daß es sich sehr leicht erklärt, warum unsere brasilianischen Ge⸗
meinden noch nicht selbständig sind. Teils fehlt es am Können,
teils am Wollen. Doch können wir unsern Missionsfreunden
die Versicherung geben, daß unsere Brüder in Südamerika ihre
Gemeinden immer wieder an ihre Pflicht, zur Erhaltung des
Predigtamts in ihrer Mitte nach Kräften beizusteuern, erinnern.
Unsere Pastoren haben sich die Selbständigkeit ihrer Gemeinden
als Ziel gesteckt, und sie verlieren dies Ziel nicht aus den Augen.
Etliche Gemeinden sind schon selbständig. Wie lange die bra⸗
silianische Mission überhaupt noch unsere Hilfe nötig haben
wird, läßt sich schwer sagen. Das aber wird mit mir gewiß
jeder Leser sagen, daß unsere Brüder, die in unserm Auftrag
in Brasilien unter so schwierigen äußeren und inneren Ver⸗
hältnissen arbeiten, nicht im Irdischen Mangel leiden dürfen.
V.
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