Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 1 › Seite 2

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Januar 1916, Seite 2

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—

dich vertragen lernen? Sind die Ecken und Kanten in deinem
Charakter im Umgang der Liebe abgeschliffen? Oder haben
sich die andern in deine Untugenden schicken gelernt? Ist die
Barmherzigkeit in Gang und übung? Arme habt ihr ja alle⸗
zeit um euch — Arme, Geringe, Hilfs⸗ und Trostbedürftige.
Habt ihr die Armen euch zu Freunden gemacht? Oder habt
ihr euch in euren Hütten abgeschlossen und baut und pflegt
euer Heim von Jahr zu Jahr und seht nicht die Nöte eurer
Nachbarn, hört nicht die Seufzer, die etwa jahraus, jahrein
rings um euch her zu Gott aufsteigen? Es ist, als wäret ihr
etwa eben erst aus der Ferne herzugezogen und hättet noch
nicht Zeit gehabt, die neue Heimat und Umgebung zu besehen.
Oder wie mancher arme Sünder, der nichts von Gott und
Ewigkeit weiß, geht neben euch her auf euren Berufswegen,
und ihr habt noch nicht Zeit gefunden, ihm den allerdring—
lichsten Liebesdienst zu erweisen und zu versuchen, ob ihr seiner
Seele nicht vom Tod zum Leben helfen könnt! Ach, auch unsere
Liebe ist kaum über die ersten Anfänge hinaus!

Mustert auch Handel und Wandel und Berufl!
Schleppt sich nicht etwa manche verborgene Ungerechtigkeit von
einem Jahr ins andere hinüber? Soll die Ewigkeit erst dem
die Grenze setzen und das Urteil sprechen? Ist's an dem, daß
die Berufstreue und Gewissenhaftigkeit der Christen als ein
helles Licht das unlautere Treiben der Weltmenschen straft?
Und wie viele Jahre habt ihr vielleicht vergeblich gearbeitet,
mit dem Segen Gottes wesentlich nur euer Haus und Heim
statt das Reich Gottes gebaut! Wollt ihr auch im neuen Jahr
wieder Spreu für den Wind sammeln?

Ach, jede gewissenhafte Umschau in unserm eigenen Revier
zeigt uns Abgründe, vor denen wir erschrecken sollten. Ach,
daß es uns recht nahe ginge, daß wir noch so arm, bloß und
jämmerlich vor Gott dastehen! Wer dies sein Elend recht er⸗
kennt, der kann sich nun auch des Namens JeEsu getrösten, der
weiß, warum das Kindlein also genannt ist. Aus der Tiefe
blicken wir in die Höhe und beten den hohen Namen an, der
über alle Namen ist, der unsern großen Jammer zudeckt.

Gott, die Menschen, alle Kreaturen, die unsern Wandel
beobachtet haben, sprechen das Urteil: Du Sünder! Ja, das
ist unser echter, eigenster Name: Ich armer, elender, sündhafter
Mensch! Das ist unser Tun und Wandel: Sünde über Sünde.
Aber nun ist uns aus der Höhe ein anderer Name gegeben,
auf die Lippen, ins Herz gegeben: IEsus, Heiland der Sünder!
Seht, von klein auf, schon nach acht Tagen, hat das Kindlein
den Gehorsam übernommen, den wir Gott schuldeten; schon
damals bei seiner Beschneidung vergoß es die ersten Bluts—
tropfen zur Sühnung unserer Sünden. Und das ganze darauf—
folgende Leben war Heiligkeit und Gerechtigkeit, und sein Leben
und Sterben Sühne, vollkommene Sühne, unserer Schuld und
Missetat. Und dieses Heil, der Trost der Vergebung, ist in
seinen Namen IEsus gefaßt. Dir, jedemn von euch, wird dieser
Name im Neujahrsevangelium genannt. Hier ist JEsus, der
Arzt; der heilt und tröstet dein Elend. O bekenne dich zu
diesem Namen! Streich getrost alle Schulden aus, die in das
Tagebuch des alten Jahres eingezeichnet sind, und schreibe den
Namen JEsu darunter. Alle andern Ziffern gelten nichts mehr;
dieser Name aber bleibt stehen und leuchtet, auch wenn deine
Werke in das Licht des Jüngsten Tages gestellt werden. Wer
seine Gedanken in sein Sündenelend versenkt, der muß ver—
sinken. Die vergangenen Jahre mit ihren unzähligen Sünden

hängen sich an die Seele und ziehen sie in die Tiefe; aber
aus der Tiefe heraus sehen wir zu dem JEsus hinauf, der

uns hier im Evangelium entgegentritt, und rufen mit dem

sinkenden Petrus: HErr, SErr IEsu, wir verderben! — und
der Name JeEsus richtet uns auf und gibt getrosten Mut und
Freudigkeit, daß wir die Wogen und Fluten unserer Sünden
mit Füßen treten und über das wilde Meer des Sünden⸗
jammers dem Ufer, der Ewigkeit, entgegeneilen.

(G. Stöckhardt, „Gnade um Gnad'“.)

Vom Amt der Laienältesten oder Vorsteher.

IV. Der Gemeindevorstand in seinem Verhältnis zum Pastor.

In einem Gemeindeblöttchen, das uns kürzlich zu Gesichte
kam, befand sich ein kurzer Paragraph mit der Überschrift „Ge⸗
meindeälteste“. Er enthielt die Namen der zurzeit dienenden
Vorsteher der Gemeinde, und als erster steht da verzeichnet:
„EXx oflicio R. K., Pastor.“ Ex officio, das heißt: von Amts
wegen. Damit ist also gesagt, daß der Pastor dieser Gemeinde
von Amts wegen zum Vorstand gehört, Vorsteher ist. Wie
verhält sich dies nun? Ist das eine besondere Einrichtung, die
diese Gemeinde sich gemacht haͤt, oder gehört der Pastor einer
Gemeinde auf jeden Fall zum Vorstand? Gewiß das letztere.
1Tim. 5, 17 lesen wir doch: „Die AÄltesten, die wohl vor⸗
stehen, die halte man zwiefacher Ehre wert, sonderlich die da
arbeiten im Wort und in der Lehre.“ Also auch diejenigen
Altesten, die das Amt des Wortes führen, werden vorstehende
Alteste genannt. Wo es überhaupt Gemeindeälteste oder Vor⸗
steher gibt, da gehört der Seelsorger auf jeden Fall dazu, ist
Vorsteher, und zwar von Amts wegen, ex oslicio; er braucht
nicht erst besonders in den Vorstand gewählt zu werden, son⸗
dern er hat durch sein Amt Sitz und Stimnie in demselben.

Der Pastor ist aber nicht nur ein Altester der Gemeinde,
er ist auch ihr Aufseher, ihr Bischof und Hirt. (Das Wort
Bischof bedeutet „Aufseher“.) Zu den Seelsorgern der Chri⸗
sten in Ephesus sprach Paulus (Apost. 20, 28): „So habt
nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche
euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die
Gemeinde Gottes, welche er durch sein eigen Blut erworben
hat.“ Aufseher über die ganze Herde sind die berufenen
Diener am Wort. Sie haben ein Amt der Aufsicht, das sich
über die ganze Gemeinde erstreckt; sie sind daher auch Aufseher
über die Verrichtungen, die von der Gemeinde den dienenden
Laien anvertraut werden, auch über die Arbeit, die Verhand—
lungen des Gemeindevorstands, über den von diesen Leuten
versehenen Dienst an der Gemeinde. Auch zu den Vorstehern
der Gemeinde steht der berufene Diener am Wort im Verhält⸗
nis eines Lehrers und Aufsehers, eines weidenden Hirten.

Was heißt nun „weiden“, „Aufsicht haben“, wenn diese
Ausdrücke auf den Dienst eines Predigers angewandt werden?
Schon das Alte Testament redet von „Hirten“, durch die Gott
seine Herde am Ende der Tage, das heißt, in der Zeit des
Neuen Testaments, weiden will, und weissagt also vom Amt
der neutestamentlichen Prediger: „Ich will Hirten über sie
setzen, die sie weiden sollen, daß sie sich nicht mehr sollen
fürchten noch erschrecken noch heimgesucht werden, spricht der
SErr“, Jer. 23, 4. üÜber diesen Hirten soll aber ein Erz—

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