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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Januar 1916, Seite 12

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12 S Ver V„Tuthieraneb

lebt hat, sind schon viele Handelsverträge geschlossen worden, aber
keiner so klug, so erfolgreich wie der seinige. Ich hoffe, Sie haben
auch schon von ihm gehört und kennen gewiß seine Geschichte —
ein Kaufmann, der gute Perlen suchte, und da er eine köstliche
Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und
kaufte dieselbe. Das ist meine Erfahrung von kaufmännischer
Klugheit. Ich wünsche Ihnen zum neuen Jahr, daß Sie alle
gleich gute Geschäfte machen.“

Mit verschiedenen Empfindungen hörten die jungen Leute zu.
Einer war tief ergriffen. Nicht lange nachher erkrankte er, ein
schleichendes Fieber ließ seine Kräfte schwinden. Er wurde immer
stiller, immer ernster. Endlich bat er jenen Herrn, dessen Namen
er erfahren hatte, ihn zu besuchen. Es war ein Pastor. Was
die beiden sich sagten, ist in den himmlischen Büchern verzeichnet.

Selig und friedevoll starb der viel bedauerte junge Kauf⸗
mann nach kurzer Zeit. Jener Pastor beerdigte ihn auf seinen
Wunsch. Mit ruhiger, ernster Stimme las er den Text Matth. 14,
45. 46. Seine Grabrede schloß mit den Worten: „Er, der hier
kalt und still vor uns liegt, hat alles verkauft, was er hatte: seine
Kraft, seinen Stolz, seine Selbstgerechtigkeit, sein irdisches Glück,
seine Gesundheit, sein Leben — alles, alles! Er hat aber auch
dafür die köstliche Perle gekauft. Sie ist sein Eigentum in alle
Ewigkeit. Sie war es auch, ehe er starb. Ich fragte ihn: Bist
du zufrieden mit dem Handel? Hast du das Kleinod zu teuer
bezahlt?' Mit glückseligem Lächeln antwortete er mir: Nein,
o nein!' Und er war daheim!“

„Eins ist not“, lieber Leser.
liche Perle?

Hast du dies eine, die köst⸗

Du, HErr JeEsu, du alleine

Sollst mein ein und alles sein;

Prüf', erfahre, wie ich's meine,

Tilge allen Heuchelschein!

Sieh, ob ich auf bösem, betrüglichem Stege,
Und leite mich, Höchster, auf ewigem Wege.
Gib, daß ich hier alles nur achte für Kot
Und IEsum gewinne: dies eine ist not!

——3—9———
—————

Eine Silvestergeschichte.

In der Gemeinde zu C. in Westfalen hat sich's vor mehreren
Jahren zugetragen, daß in der Silvesternacht im Kruge nur noch
der Wirt selber gesessen ist samt seiner Frau, die kopfschüttelnd
dem Treiben zweier wüsten Gesellen im Zimmer zusah, die immer
noch nicht gehen wollten, weil draußen ein noch wüsterer Gesell,
ein arger Schneesturm, tobte, und sie sich wohl selber sagen
konnten, wie der mit ihresgleichen umgehe, wenn sie, vom Grog
berauscht, sich in ihn hinauswagen würden. Und der dritte Gast,
der eben jetzt eintritt, bestätigt es zum überfluß, wie wild das
Wetter tobe, und wie es von der See heraufstürme mit Schloßen
und Eissplittern, Schnee und Regen zugleich, und ihn habe es
übermocht, und er habe zuletzt eben eintreten müssen, sich ein
Stündlein zu verschnaufen, ehe er ganz nach Hause gehe bis ins
Pfarrdorf, und seine Frau möge sich schön ängstigen, und er
wollte, er wäre daheim.

Die beiden andern aber trinken ihm vergeblich zu und suchen
ebenso vergeblich, ihn zum Kartenspiel zu verleiten; er schaut
ernstlich darein und sieht aus wie einer, der längst an solchen
Dingen nicht mehr Wohlgefallen hatte, und die Wirtsleute haben
ihn auch wohl gekannt und ihm gern den Platz am Ofen einge⸗
räumt, obwohl er nichts im Kruge zu verzehren pflegte, und bieten
es ihm an, über Nacht zu bleiben, damit er bei Tage den Heimweg
antreten könne.

Jedoch der Wandersmann bleibt dabei, seine sorgliche Frau
nicht vergeblich auf sich warten zu lassen, auch müsse er heute noch
zu Hause sein; er gedenke morgen mit den Seinen das heilige

Abendmahl zu feiern und wolle gern frühe am Morgen noch mit
seinem Prediger sprechen.

Darüber brachen die zwei andern Gäste in schallendes Ge⸗
lächter aus, und schnell hat der eine zwei Kartenblätter wie Beff⸗
chen unter das Halstuch gesteckt, ist auf den Tisch gestiegen, und,
den Hering in der einen Hand und den Grog in der andern, spricht
er mit näselnder Stimme die Einsetzungsworte des heiligen Abend⸗
mahls zum Entsetzen des Wirtes und seiner Frau, während unter
gleichen Empfindungen der dritte Gast das Haus verläßt, als
fürchte er, an einer Stätte zu bleiben, über die Gottes Gerichte
zur Rache über die Spötter hereinbrechen müßten. Und er ist eine
Stunde später wohlbehalten bei seiner Frau eingetroffen und hat
einen lieben, seligen Neujahrstag in dem traulichen Kirchlein zu C.
an des HErrn Altar verlebt und den übrigen Teil des Tages zu
Haufe gesessen mit den Seinen und sein „Hilf, HErr JEsu, laß
gelingen“ gesungen und die Neujahrsgebete aus dem Bollhagen
gelesen.

Etliche Tage nachher hat er auch den einen der Gäste aus
dem Kruge wiedergesehen, aber nicht gesprochen, sondern ist ihm
ausgewichen wie die Taube dem Häher.

Sechs Wochen später hat er auch den andern Gast wieder⸗
gesehen, der die heiligen Einsetzungsworte so frevelhaft gesprochen
hatte, aber dasselbige Mal hat er nichts gesprochen. Es hatte ihn
auch niemand erkannt, als er aus dem Wasser gezogen wurde,
in das er in dem Neujahrsnachtsturme bei einem Fehltritte ge⸗
raten war, denn die Fische hatten ihn ganz zerfressen. Aber die
beiden Kartenblätter steckten noch unterm Halstuche und sind auch
mit den überresten des zerrissenen Leichnams in den Sarg und in
die Erde gekommen.

—— —

Zur Jahreswende.
(Nach Abide with Me“.)

HErr, bleib bei mir! Schon ist die Dämm'rung hier;
Ganz finster wird's bald; SErr, ach bleib bei mir!
Wenn ohne Hilf' und ohne Trost ich leid',

Du starker Helfer, HErr, ach, bei mir bleib!

Ach wie so schnell fährt unsre Zeit doch hin!

Der Erde Freud' und Pracht ist bald dahin,
Weil alles Irdische vergänglich hier.

Nur du bleibst, wie du bist; HErr, bleib bei mir!

Nicht nur ein Blick, nicht nur ein kurzes Wort,
Sondern du selbst, HErr, woll'st an jedem Ort
Mit deiner Lieb', Geduld und Gnade mir
Beistehen immer; HErr, ach bleib bei mir!

Komm mir nicht schrecklich, HErr und König groß,
Sondern gar lieblich und mach' mich bald los
Von aller Angst und allem Herzeleid.

O Freund der Sünder, SErr, ach, bei mir bleib!

Von Jugend auf hab' ich dein' Freundlichkeit
Reichlich erfahren, HErr, zu jeder Zeit,
Obwohl ich viel gesündiget an dir.

O SErr, vergib und bleibe doch bei mir!

Dein' Gegenwart ist mir all' Tage not,

Denn nur durch deine Kraft, mein HErr und Gott,
Bin ich vor allen Feinden sicher hier.

In Leid und Freud', mein HErr, ach bleib bei mir!

Ich fürchte keinen Feind, wenn du, mein HErr,
Nur bei mir bist; dann wird kein Tränenmeer,
Kein' Angst, kein Tod, kein Grab je schaden mir.
Durch dich ich siege, wenn du bleibst bei mir.

O laß mein sterbend Auge sehn dein Bild,

In Todesnacht mich schaun dein Antlitz mild,

Bis winkt die Freud', und schwindet alles Leid.
Im Leben, HErr, im Tod, ach, bei mir bleib!

J. H. Hartenberger.

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