Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 1 › Seite 6
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Januar 1916, Seite 6
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8 Der + utherane
Theologisches Seminar zu Springfield, Ill.
Vor mir liegt eine Aufforderung unsers lieben „Luthe⸗
raner“, einer synodalen Ordnung nachzukommen und über die
Geschichte und das Eigentum der hiesigen Anstalt etwas zu
schreiben und auch ihre Bedürfnisse zur Kenntnis der Leser
zu bringen.
Zu Neuendettelsau in Franken beginnt eigentlich die Ge⸗
schichte unsers praktischen theologischen Seminars. Wohl hat
Wyneken in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu
Fort Wayne zwei Männer, Jäbker und Frincke, privatim unter⸗
richtet, und Dr. Sihler, sein Nachfolger an der St. Paulus⸗
gemeinde zu Fort Waͤyne, hat diesen Unterricht in derselben
Weise fortgesetzt. Jedoch nach menschlicher Rechnung wäre noch
eine lange Reihe von Jahren vergangen bis zur Gründung
noch sehen lassen mögen, und nicht eine fortwährende Scham—
röte ihr schuldbeflecktes Gewissen verrät. Sie sollten ja bei
Dutzenden kommen, und die Reichen sollten sie unterstützen;
ja, bei solcher Not sollte ein solcher Ruf öffentlich an die
Reichen ergehen, daß sie sich fürchten müßten, ein jeder Lecker⸗
bissen bei ihren kostspieligen Gesellschaften müsse ihnen im
Schlund stecken bleiben und sie ersticken durch ein gerechtes
Gericht Gottes, daß sie dergleichen verschwenden, während Tan⸗
sende geistlich verschmachten.“
Löhe sandte als Erstlinge seiner Anstalt Ernst und Burger.
Auf sie ließ er bald folgen Lochner und Crämer, danach Sihler,
der aber erst 1845 von Pomeroy, O., aus nach Fort Wayne
kam, als Wyneken nach Baltimore zog.
Löhe war es, der dem Gedanken Dr. Sihlers, daß man
in Amerika selbst eine Missionsanstalt zu rascher Ausbildung
einer Lehranstalt, wenn nicht Johann Konrad Wil⸗
helm Löhe, Gründer der Missionsanstalt in Neuendettelsau,
nahe bei Nürnberg, mit seinem Missionseifer, seiner Umsicht,
seinem Organisationstalent eingegriffen hätte.
Angeregt durch den Notschrei Wynekens an die Luthera—
ner Deutschlands, hat gerade Löhe eine systematische Agitation
zugunsten der geistlich verlassenen Glaubensgenossen Amerikas
ins Werk gesetzt. Er war der Vater des Plans, in Neuen⸗
dettelsau Männer auszubilden, die rasch in die amerikanische
Missionsarbeit eintreten könnten. In der überschrift des Un⸗
terrichtsplans nannte er diese „Katecheten“, schrieb aber gleich
darunter in Klammern: „Vielleicht werden auch Prediger
daraus.“ Löhe war es, mit dem Wyneken in direkte Korre⸗
spondenz trat, und an den Wyneken die klassischen Worte rich⸗—
tete: „Was müssen doch die Kandidaten, die von diesem Jam⸗
mer gehört und noch keine feste Stellung in Deutschland haben,
für miserable Subjekte sein, daß sie nicht herauskommen. Es
ist mir unbegreiflich, wie sie sich in einer honetten Gesellschaft
Eigentum unserer Anstalt
von Predigern gründen sollte, mit Freudigkeit und Tatkraft
entgegenkam. Löhe versprach zu solchem Werk gleich 5000
Gulden, obwohl er zurzeit nur 700 Gulden in Kasse hatte.
Löhe übernahm außerdem die Besoldung zweier Lehrkräfte an
der zu gründenden Anstalt. Obendrein sandte er 1846 eine
Schar von 11 Zöglingen auf einmal unter Leitung des aus⸗
gezeichneten Kandidaten Karl August W. Röbbelen, denen bald
darauf noch die Kandidaten Wolter, Fick und Francke folgten.
So ist Löhe Gottes Werkzeug gewesen in der Gründung
und festen Etablierung unsers praktischen Seminars zu Fort
Wayne. Wie in dieser Anstalt von Sihler und Röbbelen, resp.
Wolter, desgleichen von Albach, Biewend und Crämer sowie
von Föhlinger, Kalb, Fleischmann und Sutermeister bis zum
Kriegsjahr 1861 schon 103 Pastoren, daneben auch eine Anzahl
christlicher Gemeindeschullehrer, ausgebildet worden sind; wie
man trotz schreiender Predigernot sich doch für berechtigt hielt,
den begabten R. Lange und den noch recht jungen H. Wunder
nach Altenburg ins theoretische Seminar zu dirigieren; wie
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