Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 1 › Seite 9

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Januar 1916, Seite 9

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dem Lande ist in den letzten Jahren durchschnittlich eine ein⸗
gegangen; nur ein Drittel derselben nimmt an Gliederzahl zu;
zwei Drittel haben aufgehört zuzunehmen und sind am Absterben;
83 Prozent haben weniger als 100 Glieder“ (dabei muß man
wissen, daß „Glieder“ nicht etwa heißt bloß stimmberechtigte Glie⸗
der, sondern Glieder überhaupt); „21 Prozent haben weniger
als 25 Glieder; und nur 6 Prozent haben eigene Pastoren. Dies
sind etliche der überraschendsten Tatsachen. Sie sind entnommen
einem summarischen Bericht über eine Untersuchung, über die
Bericht erstattet wurde an die Commission on Church and
Country Life, die ihr Hauptquartier in Columbus, O., hat. Wie
der Bericht sagt, erhält ein großer Prozentsatz der Pastoren auf
dem Lande an Gehalt ungefähr dasselbe, was der gewöhnliche
Arbeiter bekommt. Weniger als 40 Prozent der Landbevölkerung
der Vereinigten Staaten sind Glieder einer Kirche, wie der Bericht
zeigt. Diese Angaben sind im voraus bekanntgegeben aus einem
Bericht, welcher der National Convention of OChurch and Country
Life vorgelegt werden wird, die sich vom 8. bis zum 10. Dezember
in Columbus, O., versammeln wird, welcher Präsident Wilson
eine Ansprache halten wird.“ Die Richtigkeit dieser Angaben
möchten wir nach unsern Beobachtungen doch anzweifeln. Außer
der Angabe, daß die Pastoren etwa dieselbe Bezahlung bekommen
wie der gewöhnliche Arbeiter, paßt das doch nicht auf unsere
Landgemeinden. Wir haben viele von unsern besten Gemeinden
auf dem Lande. Wir haben gar keine besonderen Klagen über
auffällig traurige Zustände des kirchlichen Lebens auf dem Lande
— eher das Gegenteil. Unsere Landgemeinden haben so manches
Elend und so manche Beunruhigung nicht, mit denen unsere
Stadtgemeinden zu kämpfen haben. Wenn die Angaben aber
nach dem Durchschnitt doch richtig sind, dann müssen manche
Sekten auf dem Lande doch herzlich wenig Erfolge zu verzeichnen
haben und recht traurige Erfahrungen machen. E. P.

Das Genueralkonzil bezieht bekanntlich seine deutschen Pasto⸗
ren aus Deutschland, aus dem Seminar in Kropp, mit dem es ein
übereinkommen getroffen hat. Dieses Seminar ist aber durch den
Krieg ganz lahmgelegt, und damit ist der Zufluß deutscher Pasto⸗
ren aus dieser Quelle abgeschnitten. Dem Bericht der Kropp⸗
Kommission, den diese der Versammlung des Generalkonzils
vorlegte, entnehmen wir folgendes: „Die von diesem Berichte
umfaßte Periode begann unter den günstigsten Aussichten. Das
mit Kropp getroffene übereinkommen hatte sich in den ersten
drei Jahren seines Bestehens trefflich bewährt. Die finanziellen
Schwierigkeiten der Anfangszeit waren überwunden. Die schönste
Harmonie waltete zwischen den Behörden hüben und drüben.
Siebenunddreißig junge Studenten bereiteten sich im Seminar
und Proseminar auf den Predigerberuf vor, und man konnte mit
Zuversicht erwarten, daß diese Zahl mit jedem Jahre sich ver⸗
größern würde. In der Person Prof. Rohnerts, eines Sohnes
des bekannten Dogmatikers, hatte das Seminar einen ausgezeich⸗
neten Direktor gewonnen, und auch der langgehegte Wunsch, an
dem deutschen Seminar einen repräsentativen amerikanischen Pro⸗
fessor zu haben, war endlich in Erfüllung gegangen. Herr P. D.
C. T. Benze, damals Direktor des Thiel⸗College, hatte einen
ehrenvollen Ruf, die Professur für praktische Theologie zu über—
nehmen, akzeptiert und war von den Gliedern der Fakultät und
Behörde aufs herzlichste aufgenommen worden. Er arbeitete sich
mit der ihm eigenen Energie in seine Aufgabe hinein, und die
günstigen Erfolge seiner Tätigkeit machten sich schon bei den Kan⸗
didaten des Jahrganges 1914 in erfreulicher Weise bemerklich.
So hatte die Kommission und die mit ihr so eng verbundene Mis⸗
sionsbehörde alle Ursache, mit froher Zuversicht in die Zukunft zu
blicken. Da brach der Krieg aus, und ganz Deutschland erhob
sich zur Verteidigung des Vaterlandes. Selbstverständlich konnte
auch das Seminar in Kropp von diesem Riesenkampf nicht un—

berührt bleiben. Die ganze Klasse, die 1915 graduieren sollte,
wurde zu den Waffen gerufen. Einer von diesen befindet sich
unter den Vermißten, ein anderer dient als Feldkaplan in der
österreichischen Armee. Von der gegenwärtigen ersten Klasse, die
elf Studenten zählte, stehen alle bis auf drei unter den Fahnen.
Einer hat schon sein junges Leben auf dem Altare des Vaterlandes
geopfert. Von der Mittelklasse sind nur zwei geblieben, die für
den Militärdienst dauernd untauglich sind; in der Unterklasse sind
noch vier, von denen drei aber dienstpflichtig sind und jederzeit
einberufen werden können. Im ganzen Proseminar sind nur noch
drei Studenten; von diesen ist einer militärfrei, und die beiden
andern sind noch so jung, daß sie wohl in diesem Kriege nicht mehr
zu den Waffen gerufen werden.“ Auch die Fakultät mußte Ein⸗
schränkungen erfahren. P. Loth übernahm ein Pfarramt, und
der amerikanische Professor wurde an das Seminar in Phila⸗
delphia berufen. Selbst an Geldmitteln mußte das Seminar
Einbuße erleiden durch den Ausfall an Pensionsgeldern und
Kollekten aus der Heimatskirche. Viele ähnliche Anstalten in
Deutschland haben ihre Arbeit einstellen müssen. „Durch die
plötzliche Unterbrechung des Zuzugs aus Kropp ist in unserer
Missionsarbeit eine förmliche Krisis entstanden. Wir haben
keinerlei Aussicht, die vorhandenen Vakanzen zu besetzen, bis der
Krieg vorüber ist. Was für Umwälzungen die Zukunft bringen
wird, läßt sich nur vermuten. Es ist möglich, daß die deutsche
Einwanderung vollständig aufhört, und daß damit auch die Auf⸗
rechterhaltung eines Seminars in Deutschland allmählich seine
Berechtigung verlieren wird. Es kann aber auch sein, daß die
Einwanderung aus Deutschland, wie nach dem deutsch⸗französischen
Kriege, einen neuen, mächtigen Aufschwung gewinnt, und daß wir
dann hier deutsche Pastoren nötiger haben werden als je. In
einer solchen Zeit erscheint es unklug, Verbindungen zu lösen oder
auch nur zu lockern, die uns in der Vergangenheit von großem
Vorteil gewesen sind und in der Zukunft noch größere Bedeutung
erlangen mögen. Darum, wenn auch die verringerte Zahl der
Professoren und Studenten für die Gegenwart eine Beschränkung
der Unterstützung als gerechtfertigt erscheinen läßt, so dürfte es
doch im Interesse der Kirche aufrechterhalten bleiben. Es sollte
der Kommission vertrauensvoll überlassen werden, solche Ande⸗
rungen in dem übereinkommen zu treffen, wie sie die neuen Ver⸗
hältnisse nach dem Kriege erheischen mögen.“ Das wurde dann
auch beschlossen und eine Unterstützung von §8000 jährlich be⸗
willigt. E. P.

Das Lesen der Bibel und einen Unterricht in der Sittenlehre
oder, wie manche es auch geradezu nennen, einen Unterricht in
der christlichen Lehre in die Staatsschulen einzuführen, darauf
wird in letzter Zeit wieder mit besonderem Eifer hingearbeitet.
Wie die National Reform Association, die gerade das zum Zweck
hat, auf jede Weise Staat und Kirche zu vermengen, berichtet,
wird gegenwärtig tatsächlich in drei Vierteln der Staaten in den
öffentlichen Schulen die Bibel gelesen, in zehn Staaten ist es
offiziell mißbilligt worden, aber nicht gerade verboten, und in
zwei Staaten wird es sogar gefordert. In den letzten fünfund—
zwanzig Jahren war die Stimmung mehr die, daß die Bibel und
das christliche Gesangbuch in den öffentlichen Schulen keine Stätte
haben solle. Jetzt aber weht ein anderer Wind. Auch das luthe⸗
rische Generalkonzil hat diesen Beschluß gefaßt: „Beschlossen, daß
das Generalkonzil mit ganzem Herzen für das Lesen der Bibel
in allen Schulen, öffentlichen und privaten, eintritt und jeden
Versuch bedauert, diese Praxis abzuschaffen, daß das General⸗
konzil aber erkennt, daß das bloße äußere Lesen von Bibelstellen
in der Schulandacht keineswegs angesehen werden darf als ein
Ersatz für sonstigen Religionsunterricht ufsw.“ Da wird manch
einer, der das so liest, ohne viel nachzudenken, sagen: Das ist ja
schön, daß Gottes Wort und christlicher Unterricht in den Schulen

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