Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 1 › Seite 11

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Januar 1916, Seite 11

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S Ver „Tutherane

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Gemeindeschule den Weg bahnen würde, wo noch keine ist, das
wäre dann schließlich an dem Plane noch das Allerbeste.

Der „Morning Star“, die offizielle katholische Zeitung der
Erzdiözese New Orleans und der Diözese Savannah und das
anerkannte Mundstück des katholischen Klerus des ganzen Südens,
bringt an editorieller Stelle einen Leitartikel, in dem es unter
anderm heißt: Venustiano Carranza, der Bandit, Mörder, Ge⸗
setzesverächter, der anerkannte Verfolger der katholischen Kirche,
der Räuber und Schänder der Heiligtümer, der Schulen, Klöster
und Hospitäler, der Priestermörder, der Führer der Vandalen⸗
horden, dessen namenlose, an reinen, gottgeweihten Nonnen und
wehrlosen Frauen und Kindern verübte Schandtaten die laster⸗
hafte Schwärze seiner Seele zeigen; Venustiano Carranza, dessen
Name stets gleichbedeutend sein muß mit allem, was das Schlech⸗
teste, Verkommenste und Erniedrigendste in der Geschichte Mexikos
ist, ist vom Präsidenten der Vereinigten Staaten als Herrscher der
unglücklichen Republik Mexiko anerkannt worden. Wir sagen:
vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, weil die Anerkennung
das direkte Werk des Herrn Wilson ist! Herrn Wilsons An-
erkennung von Carranza, dem geschwornen Feinde der katholischen
Kirche, ist eine Beleidigung der Katholiken dieses Landes.“ —
So wettert ein katholisches Blatt, weil unser Präsident den Car⸗
ranza anerkannt hat als rechtmäßigen Regenten. Ganze Scharen
katholischer Vereine haben Proteste an den Präsidenten gesandt.
Viel wird dem Carranza zur Last gelegt; aber wir haben starken
Verdacht, daß seine Hauptsünde die ist, daß er die katholische
Geistlichkeit nicht in Mexiko wirtschaften lassen will, wie die es
wünscht, und daß er der Welt gesagt hat, gerade das Treiben der
Geistlichkeit sei schuld an dem Elend Mexikos. Auch Kardinal
Gibbons beklagte sich bitter: „Es wird geplant, Carranza an—
zuerkennen; aber ich glaube nicht, daß diese oder die Anerkennung
eines der andern militärischen Führer Mexiko den Frieden bringen
wird, um welchen wir täglich beten.“ Er sagte auch: wenn in
Arnienien ein protestantischer Missionar getötet oder auch nur be⸗
lästigt würde, dann schickte die Regierung der Vereinigten Staaten
gleich ein Kanonenboot hin. „In Mexiko aber werden viele Men⸗
schen unis Leben gebracht, und wir tun nichts dagegen.“ Es
wird berichtet: „Berichte über Verfolgung und Leiden unter dem
Klerus und den Nonnen in Mexiko und unter den amerikanischen
Bewohnern daselbst haben den greisen Kirchenfürsten tief er—
griffen, und er bekundet dies, wenn immer die Lage in Mexiko
zur Sprache gebracht wird; aber er hofft noch immer, daß irgend⸗
eine Lösung der unhaltbaren Zustände gefunden werden möge.“
— Der „Klerus und die Nonnen“ scheinen sich in der langen
Zeit, die sie dagewesen sind, die Liebe und Dankbarkeit der Mexi—
kaner nicht erworben zu haben. Warum wohl nicht? E. P.

Brief eines jungen Kanoniers an seine dreizehnjährige
Schwester. „Aus Deiner Aufforderung: „Macht die ollen Russen
bald alle kalt und siegt bald wieder, damit hier bessere Stimmung
ist“ sehe ich, daß Du noch gar kein annäherndes Gefühl hast von
dem, was dieser furchtbar ernste Krieg ist. Du hast Dir, glaube
ich, bei jenen Worten im Briefe nichts gedacht. Aber das ist es
gerade: Du sollst Dir etwas dabei denken. Macht die ollen
Russen kalt!' Du hast sie nicht liegen sehen wie ich, die armen
Toten mit den sonderbar feierlichen Gesichtern, wie sie dalagen
in den eben gestürmten Gräben. Du hast nichts von dem wüten⸗
den Kampf gesehen, der dem vorherging, und nicht die schlimmen
Wunden, die so mancher von meinen, Deinen Kameraden fürs
Leben davontrug beim „Kaltmachen“. Du denkst nicht daran, daß
auch jene Eltern und Geschwister haben können, die sie liebten.
Du sahst nicht die grauenhafte Zerstörung der Dörfer hier und
der Städte; Du weißt nicht, wie ganz unendlich glücklich Ihr
läglich sein dürft, daß Ihr den Krieg nicht in der Heimat habt.

Wir sind oft durch den Rauch der noch brennenden Häuser ge⸗
fahren, sahen das arme gehetzte Volk auf der Flucht, ihr ganzes
Gut niedergebrannt, nichts mehr ihr eigen, als was sie an sich
hatten. Du würdest Grauen haben, am hellichten Tag hier durch
die Dörfer zu gehen; die Schornsteine ragen allein noch über
Schutt und Asche wie drohende Finger in den Himmel und mah⸗
nen: So sieht das aus, Grete! Oberflächlich wäre es, das je
ganz zu vergessen. Und dann das andere: Nicht für „Eure bessere
Stimmung“ kämpfen wir hier! Wir liegen seit Monaten Tag
und Nacht im Freien, haben gehungert, tragen Wunden und die
Sehnsucht, nicht damit Ihr Schule frei bekommt (was auch ganz
schön sein mag), nicht damit Ihr im Café oder am Biertisch gute
Stimmung macht, sondern daß Euch das fürchterliche Elend des
Krieges erspart bleibe, daß Deutschland, unsere Zukunft, blühe
und stark werde, daß wir unser Arbeitsleben reiner und wert⸗
voller fortsetzen können — deshalb. Wenn jemand in dieser
großen Zeit lustig sein darf, so sind wir es hier draußen, ich
meine, über den Krieg lustig sprechen; denn wir wissen auch seine
große Traurigkeit. Ihr aber macht lieber keinen Spaß darüber,
sondern liebt Deutschland und uns in Tätigkeiten. Mir geht es
gut; ein andermal von meinem Leben mehr.“ — Fein schreibt
dazu der Herausgeber von „Licht und Leben“ folgendes: „Das
ist gut geantvortet. Wir freuen uns des Bruders und schämen
uns der Grete und leider noch sehr vieler ihrer deutschen
Schwestern. Es ist ein Argernis, wie oberflächlich noch so viele
junge Mädchen sind in ihrem frechen Putz, ihren dummen Ge⸗
schwätzen und ihrem ganzen nichtswürdigen Gebaren.“ — Zu
diesen Sätzen kann man „Ja“ und „Amen“ sagen.
(Auf der Warte.)

Aus einem Bericht. „Es gibt viele Soldaten, die in der
großen Zeit vom 2. August in allem Erhebenden, Bitteren und
Erschütternden, das sie erlebt haben, doch ziemlich stumpf geblieben
sind. Man glaube nur nicht, daß jeder Sohn unsers Volkes, der
in den Schrecken der Schlacht gestanden hat, eine Wiedergeburt
erlebt habe. Allzu oft und allzu schnell spricht man unter uns
von der inneren Wiedergeburt zum Glauben, die Deutschland er⸗
lebt habe; die Zeitungen versichern es immer wieder, und die
vollen Kirchen scheinen es zu beweisen. Wir hier draußen sind
vorsichtiger, doppelt vorsichtig, wenn es ein Urteil über unsere
Soldaten gilt. Im ganzen ist mir zur Gewißheit geworden, daß
die Stimme Gottes nur denen im Kriegslärm und in der Not des
Kampfes deutlicher in die Seele gesprochen hat, die diese Stimme
schon vor dem Kriege hörten. In den meisten Fällen wird man
es unsern Verwundeten anmerken, ob sie aus einem christlichen
Elternhause stammen oder nicht, ob sie in den letzten Jahren ihr
Leben mit Gott zu führen gewillt gewesen sind oder nicht.“

(A. E. L. K. Z.)

— 2

Der kluge Geschäftsmann.

Eine Gesellschaft junger Kaufleute redete am Silvesterabend
von den Geschäften, die sie im abgelaufenen Jahre gemacht hatten,
und von solchen, die sie im neuen Jahre machen wollten. Durch
sein Geschäftstalent hatte der eine große Vorteile errungen, glück⸗
liche Spekulationen waren jenem gelungen, mit klugem Zuwarten
hatte ein anderer sein Glück gemacht.

Am untern Ende des Tisches saß ein stiller Mann. Man
befragte auch ihn über seine geschäftlichen Erfahrungen. Ein
flüchtiges Lächeln flog über seine Lippen. „Ich will Ihnen ein
Beispiel geschäftlichen Scharfsinns geben, ja vom größten Scharf—
sinn, den es in diesen Dingen je gegeben hat. Der Mann, von
dem ich Ihnen erzählen will, war ein Geschäftsmann, wie er nicht
übertroffen werden kann. Es ist schon lange her; seitdem er ge—

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