Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 3 › Seite 34

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Februar 1900, Seite 34

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Synoden · Tanz 4 · Tanz 8

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Der „Tutheranetsse

allen Regeln der Kunst geben, Edward Scott, beklagt es, daß die
Pflege des Tanzens in den letzten Jahren so sehr vernachlässigt
worden sei und daß in unserer Zeit keine Kunst unter dem Volk
so unbekannt sei wie die Tanzkunst.) Nicht will er damit sagen,
daß heutzutage nicht viel getanzt werde. Im Gegentheil sagt er,
es sei wunderbar, daß die Beliebtheit des Tanzvergnügens nicht
in dem Maße abgenommen habe wie die Pflege der Tanzkunst
vernachlässigt worden sei. Er schließt daraus, die „Leidenschaft
fürs Tanzen müsse wohl der menschlichen Natur innehaften und
finde immer wieder ihren Ausdruck in irgend einer Form, sei sie
gut oder schlecht“.) Im Allgemeinen, meint er demgemäß, wird
heutzutage schlecht getanzt. Auch er hält den Walzer für den an⸗
muthigsten Rundtanz, der wahrscheinlich für die Meisten seiner
Leser größere Anziehungskraft haben werde als irgend ein anderer
in seinem Buche beschriebener Tanz.) Aber er hat es seinen
Spott mit den Leuten, die nicht ordentlich gelernt haben, wie
man den Walzer tanzen müsse, und meint, es sei kein Wunder,
wenn solche, welche dies Umherschleifen mit ansähen, auf den Ge⸗
danken kämen, das Vergnügen beim Rundtanz liege vornehmlich
in der Berührung der Tänzerpaare.“) Hingegen sagt er, „ein
Mädchen, welches ordentlich und wissenschaftlich tanzen gelernt
habe, könne es leicht unmöglich machen, daß ein Mann sie zu nahe
an sich halte“.) In seinem Unterricht über die richtige Art zu
tanzen sagt er aber: „Die absurde altmodische Ansicht, daß Tän⸗
zer und Tänzerin sich unabhängig bewegen sollten, ... hat glück⸗
licher Weise längst dem natürlicheren und wissenschaftlichen Grund⸗
satz Platz gemacht, daß die Paare sich bewegen sollten, als ob sie
zur Zeit thatsächlich einen Leib bildeten.“) „Auf diese Weise
wird eine Art Vereinigung zuwege gebracht, wobei des Mannes
rechter Arm das Bindeglied bildet.““) „Die Dame sollte immer
an der Taille einen gewissen Widerstand bieten, ... aber natür⸗
lich nicht genug, um zu bewirken, daß dem Manne der Arm weh
thut.“?) „Anstatt sich anzustrengen, daß er die Dame durch die
Muskelarbeit seines rechten Armes herumbringe, sollte er einfach
sein Gewicht etwas weiter nach seinem linken Fuß hin verlegen,
so daß er, wenn er keine Tänzerin hätte, in jener Richtung fallen
würde. Auf diese Weise spart er seine Muskelkraft und gebraucht
das Gewicht seines Körpers, die Schöne herumzubringen.“)
„Wenn er nicht den nöthigen Widerstand leistet oder die Span⸗
nung seines Armes zu plötzlich nachläßt, kann es ihm passiren,
daß er sich neben ihr auf dem Boden findet.?““) „Ohne unhöflich
sein zu wollen, muß ich bemerken, daß eine gewisse Aehnlichkeit
besteht zwischen dem Act, ein Pferd durch ein Gedränge auf der
Straße zu treiben, und dem, eine Dame durch das Gedränge im
Ballsaal zu lenken. . .. Die Dame muß sich durch deinen Arm
lenken lassen, wie sich das Pferd durch die Zügel lenken läßt.“ )
„Ein Tänzer ersten Ranges wird im Stande sein, seine Tänzerin
gänzlich mit seinem rechten Arm zu leiten.“ )

Was erfahren wir also von diesen Tanzlehrern über ihre
Kunst, wie sie heutzutage geübt wird? Wir hören zunächst, daß
der Tanz, der an Beliebtheit alle andern überflügelt hat, der
Rundtanz von der Art des Walzers ist, da Tänzer und Tänzerin

I) E. Scott, Dancing as an art and pastime, S. 122.

9 S. 123. 3 S. 123. 183. 4) S. 124.
5) S. 131. 0 S. 190. 7) S. 192 f.
S. 193. 9) S. 193. 10) S. 194.
11) S. 201.

12) S. 202.

sich fassen und festhalten, sich gemeinsam bewegen, als wenn sie
ein Leib wären, der Tänzer seine Tänzerin mit dem Druck seines
rechten Arms, den er um ihre Seite schmiegt, durch den Tanz⸗
saal lenkt, wie man ein Pferd am Zügel durch ein Gedränge
treibt, und daß dies gemeinsame Hüpfen und Gleiten und Wir⸗
beln, wo es nach den Regeln der Kunst geschieht, besonders bei
echter Walzermusik, ein wonnesames Vergnügen ist, dem sich
solchermaßen ein Mann und ein Weib in fester Berührung, wie
ein Leib, gemeinsam hingeben. Wir erfahren ferner, daß dieses
Vergnügen oft, vielleicht meistens, nicht nach den Regeln der Kunst
geübt wird, und daß es dann ein Spectakel wird, an dem selbst
nach Tanzmeisterbegriffen, nach denen der richtige Rundtanz etwas
Köstliches ist, nicht mehr viel zu rühmen bleibt.

Das alles sagen uns, wohl gemerkt, Lehrer und Lobredner
der Tanzkunst, nicht Leute, die dem Tanzen abhold sind oder von
der Art des heutzutage beliebten Tanzvergnügens nichts wissen
und verstehen.

Hören wir nun weiter, was Leute zu sagen haben, die auf
Grund eingehender Studien das moderne Tanzvergnügen rein
sachlich beurtheilen, ohne noch ein sittliches Gutachten darüber
abzugeben.

In der weltlichen Zeitschrift Saαταια Revie sprach sich
der Recensent einer in Leipzig und London erschienenen „Ge⸗
schichte der Tanzkunst“ von A. Czerwinski folgendermaßen über
das heutige Tanzen aus:

„Unter allen Künsten ist keine so von ihrer Höhe herabge⸗
sunken wie das Tanzen. . . . Die modernen Tänze enthalten ein
Element, welches in den Tänzen des Alterthums durch seine Ab⸗
wesenheit auffällt. Was Herr Spurgeon „gemischtes‘ Tanzen
nennen würde, und das recht eigentlich das Wesen des heutigen
Tanzvergnügens ausmacht, fehlte bei den Tänzen alter Zeit gänz⸗
lich oder war nur zufällig dabei. Mit andern Worten, das Tan⸗
zen wurde nicht, wie es jetzt geschieht, hauptsächlich zur Befrie⸗
digung eines Triebes geübt, den wir, um den schicklichsten Ausdruck
zu gebrauchen, den Trieb zum Liebeln nennen müssen. Schon
der Schönheitssinn konnte genügen, bei den Schautänzen die Ge⸗
schlechter lieber aus einander zu halten. Selbst die erotischen“
Tänze, deren es die Menge gab, machten es nicht nothwendig,
paarweise zu tanzen, wie ja die Tanzmädchen in Indien jetzt noch
beweisen. Aber von dieser Klasse pantomimischer Tänze stammen
ohne Zweifel die heutigen Liebelei⸗Tänze her. Indem das ästhe⸗
tische Element abgeschwächt wurde, gewann der natürliche Trieb
die Uebermacht, und die Tänze, welche ursprünglich das Liebeln
nur darstellten, verloren ihren dramatischen Charakter und wurden
die Sache selbst, die sie früher nur dargestellt hatten. Ueberall,
wo der Geschmack für das Tanzen die Form des paarweise Tan⸗
zens angenommen hat, ist das Element des Liebelei⸗Tanzes durch⸗
gedrungen. Lange Zeit wurde diese natürliche Neigung durch die
Förmlichkeiten eines ceremoniellreichen Zeitalters aufgehalten.
Der schärfste Geschmack für das Liebeln konnte in einem Menuett
nicht viel zur Befriedigung seines Appetits finden. Wenigstens
war die Dosis homöopathisch im Vergleich mit dem, was im
Walzer verabreicht wird. Jetzt aber, in unserer Zeit, sind alle
die höheren Elemente des Tanzes dahin. Beides, die Pantomime
und das Ceremoniell, ist gänzlich verschwunden. Da ist nichts

1) das heißt, auf die geschlechtliche Liebe abzielenden

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