Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 3 › Seite 35

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Februar 1900, Seite 35

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tanz 8

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Kunstmäßiges, nichts Anmuthiges mehr übrig. Nichts ist ge⸗
blieben als die zwei Motive niedrigsten Ursprungs, die Lust zum
Beinewerfen und die Lust zum Liebeln.“

Das ist ja wieder klar genug, und wir können nun wohl
weiter gehen und Leute hören, die soͤlches Beinewerfen und Rund⸗
tanzliebeln auf seinen sittlichen Werth angesehen haben. Und da
wollen wir wieder nicht zunächst Theologen zu Wort kommen lassen,
sondern Scribenten, die den Tanzgreuel unserer Tage im Lichte
der natürlichen Moral betrachtet haben und betrachten lehren.
Ein hoch angesehener Bürger von San Francisco hat den Muth
gehabt, in einer besonderen Schrift seine Erfahrungen und per⸗
sönliche Mittheilungen, die ihm von andern gemacht worden
waren, bekannt zu geben. Da beschreibt er denn die Tanzbe⸗
lustigung, nicht wie sie auf einem Matrosenball, sondern wie sie
in der feinen, für hochanständig geltenden Gesellschaft getrieben
wird. Aber allerdings, was er da beschreibt, und was auch andre
vom heutigen Tanzen gesehen und aus dem Munde von Tänzern
gehört haben, läßt das moderne Tanzvergnügen als einen Greuel
erkennen, welcher der Art nach eher in eine Matrosenspelunke
der allerverworfensten Sorte oder in noch scheußlichere Laster⸗
höhlen paßt, als in eine anständige Familienwohnung, eine Aus⸗
schweifung der fleischlichen Wollust, die nicht erst durch das, was
sie zur Folge hat oder haben kann, sondern als das, was sie selber
ist und sein will, zu den grob unreinen Werken des Fleisches zu
schreiben ist. Das Buch machte Aufsehen; auch die Tagespresse
sprach sich darüber aus, und es wäre dem Verfasser wohl scharf
der Text gelesen worden, wenn man ihn hätte der Unwahrheit
zeihen können, wo es sich um ein so allgemein beliebtes und ge⸗
uͤbtes Vergnügen handelte. Aber hören wir einiges von dem,
was die Blätter zu sagen hatten.

Die Darl) Evening Post wies darauf hin, daß diese
Schrift die Eltern zu erneuter Wachsamkeit über ihre Töchter
ermuntern müsse, und urtheilte: „Dieses Buch ist eine solche
Krystallisirung aller der bösen Einflüsse des wollüstigen Tanzes,
daß es alle Zweifel vertreibt und manch eine schwankende Seele
bestimmen wird, daß sie den kräftigen Entschluß fasse, nie wieder
sich diesem Todestanz hinzugeben.“

Die A˙la Calisfornia bezeichnete das Buch als „eine scharfe
Verdammung des Walzers als eines Tanzes, bei welchem die
Regeln der Sittsamkeit vielfach verletzt, worin junge Damen
Frechheiten ertragen lernen, die unter andern Verhältnissen nie
gestattet würden, und worin oft die ersten Schritte zu gefährlicher
Ausschweifung gethan werden“, und bemerkte: „Der Verfasser
beschränkt seine Ausführungen auf den Walzer; aber das Princip
findet mit fast gleicher Kraft seine Anwendung auf Schottisch,
Polka, Galopp und verschiedene andere Rundtänze.“

Im San Francisco MVis Lelter wurde das Buch aus⸗
führlich besprochen und unter anderm gesagt: „Es ist ein furcht⸗
barer Angriff auf das Ungeheuer, den modernen Walzer, dem so
lange gestattet worden ist, unsere Civilisation zu schänden und die
gemeine Sittsamkeit zu vergewaltigen, ohne daß ihm mehr als
gelegentlich ein milder Protest von der Presse oder der Kanzel her
in den Weg getreten wäre. Jetzt aber ist dieser Priapus des
neunzehnten Jahrhunderts genügend bloßgestellt und sein Cultus
ausführlich erklärt, so daß seine Verehrer nicht mehr Unwissen⸗
heit vorschützen können. . . . Dieses Uebel, so heimtückisch in
seinem Nahen und seinem Einfluß, hat lange genug unter uns

bestanden. Es nimmt durch die Sanction der Mode täglich zu
an Macht, und der Himmel weiß — obschon es unser Autor an⸗
deutet —, welche Stufe als rechtmäßig gestempelter Schlüpferig⸗
keit es erreichen mag, wenn es nicht prompt angepackt und todt
gemacht wird.“ Im weiteren Verlauf der Besprechung wird
der Verfasser gelobt, daß er mit aller Entschiedenheit gegen
diesen „Wollustgötzen“ und „das große Heer seiner Diener“ in
die Schranken getreten sei, und wird ihm die Unterstützung und
Billigung aller reinen und ehrbaren Männer und Frauen zu⸗
gesichert.

Das waren Stimmen aus der weltlichen Tagespresse. In
demselben Sinne sprachen sich bekannte und angesehene Männer
und Frauen aus allen Theilen des Landes von einem Ocean zum
andern aus. Herr Joseph Brown, ein Ex⸗Mayor von St. Louis,
schrieb: „Es ist eine Schande, daß die Gesellschaft solche Dinge
gutheißt; sie ist in höherem Maße als das Opfer derselben für
das Verderben verantwortlich, welches daraus erwächst. Ihr
köstliches Büchlein sollte in den Händen jeder Mutter sein, die
Kinder zu erziehen hat.“ J. H. Fitzgibbon, ein prominenter
Bürger von St. Louis, schrieb: „Die Lehre, die daraus zu ziehen
ist, ist die: es lasse keiner seine Frau oder Töchter sich den Rund⸗
tänzen hingeben, denn sie sind der Weg zum Verderben.“ Georg
Howard, ein bekannter Bürger von S. Francisco schrieb: „Ich
bin überzeugt, daß es ein höchst nöthiges Werk ist. ... Ich habe
oft die wollüstigen Tänze beobachtet, die Sie so trefflich beschrei⸗
ben, und nachdem ich mehrere Jahre in Hawaii gewohnt habe,
bin ich völlig überzeugt, daß der Hulihula-Tanz der dortigen
Eingebornen nicht halb so entsittlichend wirkt wie der moderne
Walzer.“ C. A. Morse, ein bekannter Flottenofficier, schrieb:
„Ich muß sagen, ich bewundere den Schriftsteller, der die Kühn⸗
heit und Selbständigkeit gehabt hat, ein so beliebtes sittliches
Geschwür anzustechen. . . . Nach meinem Urtheil sind dies Wahr⸗
heiten, gegen die wir nicht die Augen verschließen dürfen.“
A. S. Barnes, der bekannte New Yorker Verleger, schrieb:
„Sie haben offenbar den Stier bei den Hörnern genommen und
ein Büch verfaßt, welches von allen Eltern und Vormündern ge⸗
lesen werden sollte.“ General A. Pike schrieb aus Washington:
„Ich habe das Buch T3e Dance Dealh erhalten und gelesen
und halte es für wahr, jedes Wort darin. Der Walzer paßt nur
in Prostitutionshäuser, und ich habe niemals zu begreifen ver⸗
mocht, wie ein Vater seiner Tochter oder ein Ehemann seiner
Frau gestatten konnte, ihn mit andern Männern zu tanzen.“
Dio Lewis, ein allbekannter Literat, schrieb einer Dame, die
ihm ein Exemplar des Buches zugestellt hatte, u. a.: „Niemand,
keine anständige Frauensperson irgend welches Alters kann das
Buch lesen, ohne es schwer oder unmöglich zu finden, wieder
Walzer zu tanzen.“

Wir könnten noch eine Weile fortfahren mit Zeugnissen
solcher, welche sich öffentlich und privatim zu einer der schärfsten
Beurtheilungen und Verurtheilungen des modernen Rundtanzes,
die je erschienen sind, frank und frei bekannt haben, und das
Leute von Welt, die ganz genau wissen konnten, um was es sich
handelte, und von denen also niemand sagen kann, sie wüßten
nicht, wovon sie redeten.

Sollen wir nun auch noch Tänzer und Tänzerinnen oder
solche, die es gewesen sind, aufrufen, die auch wissen, was es
mit den heutzutage beliebten Tänzen auf sich hat, und die be⸗

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