Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 9 › Seite 133
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. April 1901, Seite 133
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 4
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Drittens sind da Leute, die uns wirklich zuhören,
wenn sie anders einigermaßen Zeit haben. Aus welchem Grunde
sie uns zuhören, ist natürlich nicht so ohne Weiteres zu bestimmen.
In vielen Fällen bleibt das verborgen. Nur der Herzenskündiger
weiß das immer und überall, und wir vertrauen ihm, daß, wo
Gottes Wort gepredigt wird, auch Gottes Volk ist, daß da auch
Kinder Gottes geboren werden. Ob wir sie nicht erkennen, ob
sie uns nicht offenbar werden, ob sie sich öffentlich noch nicht zu
unserm Glauben bekennen, so gilt doch: „Der HErr kennet die
Seinen.“ Man erinnere sich der Siebentausend zu Elias Zeiten.
Elia kannte sie nicht. Gott erkannte sie als die Seinen.
Nach dem Augenschein zu urtheilen, so sind unter diesen Zu⸗
hörern gewiß auch gar viele Leute, die gleichgültig sind: Ge⸗
nossen des Pontius Pilatus, der bekanntlich fragte: „Was ist
Wahrheit?!“ Sie haben vielleicht mit großer Aufmerksamkeit
allem zugehört, was wir gesagt haben, um uns dann mit kaltem
Wasser zu übergießen, indem sie fragen: „Wer hat's gesehen?“
„Weißt du's gewiß?“ „Nach dem Tode werden wir's ja erfah⸗
ren, ob's wahr ist.“ Sie fordern Zeichen und Wunder. Beson⸗
ders empfehlen sie immer die Feuerprobe. Oder sie sprechen:
„Zeigen Sie uns Ihren Gott!“ Wir fordern sie dafür auf, ihre
Seele oder ihren Verstand auf unsern Handteller zu legen. Wie
böse wären sie, wollte man ihnen den Verstand absprechen, weil
man ihn doch mit Augen nicht sehen und mit Händen nicht grei⸗
fen könne! Wollten sie direct in die Sonne schauen, so würden
sie geblendet, blind. Gott muß man mit den Ohren und dem
Herzen „sehen“, erkennen. Wer hier sein Wort hört und an ihn
glaubt, wird ihn dort sehen von Angesicht zu Angesicht und also
selig sein. Allen unbußfertigen Sündern wird er aber ein ver⸗
zehrendes Feuer sein, sobald er ihnen sichtbar erscheinen wird.
Viele, sehr viele offenbaren auch trotz allen Zuhörens früher
oder später, leiser oder lauter ihren irdischen Sinn, indem
sie uns zurufen: „Wie viel geben Sie uns?“ „Geben Sie uns
so viel“ (das Maß des Verlangten niit ihren Händen zugleich an⸗
zeigend)? „Werden wir“ (als Christen) „niedersitzen und essen“
(das heißt, ohne daß wir zu arbeiten nöthig haben werden)?
Oder sie setzen gleich gewisse Preise, für welche sie zu haben seien,
für welche sie sich, so zu sagen, uns verkaufen wollen, Preise,
welche von 10 bis zu 1000 Rupien (eine Rupie ist ungefähr
30 Cents) oder auch noch mehr betragen. Oder sie bestimmen
den Monatsgehalt, für den sie uns — dienen wollen. Sie fragen
auch wohl einfach: „Was ist der Vortheil“ (nämlich vom Christ⸗
werden, und zwar selbstverständlich in irdischer Hinsicht)? Auf
dies alles muß der Missionar mehr oder weniger in seiner Ant⸗
wort oder in seiner weiteren Rede eingehen, will er anders die
Leute als Zuhörer behalten und sie zu gewinnen suchen. Er kann
kurz antworten mit dem tamulischen Sprüchwort: „Gibt's auch
Lohn (Sold) fürs Zuckerrohressen?“ Oder er weist hin auf das
offenbare Vorbild der Fragenden: auf ihre Oelgötzen, die allezeit
nichts thun als dasitzen und schlafen. Essen bekommen sie auch
vorgesetzt, lassen aber, jedenfalls aus Faulheit, andere für sich
essen. Der wahre Gott schläft noch schlummert nicht, sondern
wirkt Tag und Nacht: er erhält und bewacht und behütet die ganze
Welt, hat täglich Millionen von Kostgängern zu versorgen, läßt
Kinder geboren werden ꝛc. Die ihm anhangen, sind eben des⸗
halb keine Müßiggänger, Tagediebe und Pflastertreter, sondern
arbeiten mit ihren Augen, Händen, Füßen ꝛc., mit allen Leibes⸗
und Seelenkräften zu seiner Ehre und des Nächsten Wohl. Zum
beständigen Niedersitzen braucht man doch nicht zwei Beine! Zum
ewigen Essen braucht man doch keinen Verstand! ꝛc. — Der Mis⸗
sionar predigt auch oft mit Hinsicht auf die heidnische Lohnsucht
oder, wenn er nach seinem Gehalt und der Höhe desselben ge⸗
fragt wird, über das Wort: „Der Tod ist der Sünde Sold;
aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo IEsu, un⸗
serm HErrn.“ Jenen Sold erhält jeder, der nach Lohn fragt
und Gottes Gnadengeschenk verachtet. — Oder er legt den Hei⸗
den auch etwa dar, daß er keine Sklaven zu kaufen, sondern sie zu
Gottes Kindern zu machen gekommen sei. Das Verhältniß der
Kinder zu den Eltern ist ja ein schon früher berührtes Thema und
kann hier unter anderem Gesichtspunkt behandelt werden, etwa
in Form einer Erzählung: Ein Vater hatte zehn Kinder, die ihm
alle widerspenstig wurden und fortliefen, der eine hierhin und
der andere dorthin. Er ging aus, sie zu suchen, suchte sie mit
Schmerzen. Seine Freunde und Arbeiter sandte er auch aus, sie
suchen zu helfen. Das eine Kind, das sie trafen, sagte: „Wird
mir mein Vater auch Gehalt geben?“ Das zweite meinte: „Werde
ich auch niedersitzen und essen können, ohne arbeiten zu müssen?“
Das dritte sprach: „Wird er mir auch schöne Kleider und Juwe⸗
len schenken?“ und so fort. Der Vater aber ward traurig, daß
sie ihn so gar nicht lieb hatten, sondern nur Geld, Essen, Klei⸗
der ꝛc. begehrten. Er rief jedem Kinde zu oder ließ ihm sagen:
„Was mein ist, ist ja auch dein.“ Aber sie alle glaubten ihm
nicht oder ließen sich nicht an dem, was er hatte, genügen, son⸗
dern gingen hin, auf andere Weise Reichthum und gute Tage zu
suchen, und — geriethen ins Elend. Als sie aber dann um⸗
kehren mußten, um nun ihren Vater zu suchen, ja, da war er fort,
verschwunden — da war kein Helfer mehr da! Seht zu, daß es
euch nicht zuletzt auch so geht!
In ähnlicher Weise redet der Missionar zu Leuten, die offen⸗
bar oder doch anscheinend von der Wahrheit seiner Predigt über⸗
zeugt worden sind, ja, dieselbe wohl ganz aus freien Stücken
zugeben und bestätigen, oft in geradezu überraschender, ja, erfreu⸗
licher Weise. Aber sie bringen allerhand Entschuldigungen,
die meist ernst genug gemeint sind: „Wie kann ich allein Christ
werden? Man wird mich zur Kaste hinausstoßen! Keiner mei⸗
ner Verwandten und Volksgenossen wird dann mit mir essen, kei⸗
ner sich mit mir freuen, keiner mit mir trauern. Dann darf ich
nicht mehr im Dorfe bleiben, darf kein Wasser mehr aus dem ge⸗
meinschaftlichen Brunnen ziehen, verliere Haus und Feld. Nie⸗
mand gibt mir dann für meinen Sohn seine Tochter zum Weibe.
Meine Töchter bekommen dann keine Männer. Oder was wird,
wenn ich wohl wollte, aber meine Frau wollte doch nicht und
meine Kinder wären dagegen? Darf man Frau und Kinder im
Stich lassen? Ja, wenn vier Mann eins würden, mit einander
Christen zu werden, dann wäre es eine andere Sache. Da könnte
ich es wohl wagen, mitzumachen. Oder noch besser: wenn die
Regierung es allen beföhle, o, so würden wir alle gehorchen. Ja,
wenn die ganze Welt christlich wird, dann werde ich gewiß nicht
fehlen!“ ꝛc.
Da läßt sich nun viel predigen, z. B. das Gleichniß vom
großen Abendmahl, da die geladenen Gäste auch solche Entschul⸗
digungen hatten. Oder wir erzählen etwa das vorhin benutzte
Gleichniß, um darin so etwa weiter fortzufahren: Eins der zehn
Kinder hörte, wie der Vater es so herzlich gern aufnehmen würde,
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