Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 9 › Seite 134

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. April 1901, Seite 134

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S er V„TutheranevS

wenn es nur zu ihm zurückkehren wollte, bekam dadurch einiges
Verlangen nach der Heimath, nach dem liebreichen Vater. Aber
was sprach's? Es sagte: „Wie kann ich allein zu meinem Vater
zurückkehren? Meine Brüder würden mir dann ja zürnen, mich
schelten und schlagen, ja, mein Leben bedrohen, jedenfalls nichts
mehr mit mir zu thun haben wollen! Nein, ich kann nicht kom⸗
men, es sei denn, daß alle meine Brüder, oder doch vier von
ihnen, sich entschließen, das zu thun: da könnte ich ja ihrem Bei⸗
spiele folgen.“ Wo aber in der Welt wäre wohl solch ein Kind,

das gerne zu seinem Vater, zu seiner Mutter wollte, aber durch

seine Geschwister sich davon abhalten ließe, zu ihnen zu eilen, das
andere Menschen mehr liebte, mehr ehrte und fürchtete, als seine
treuen Eltern? Was auf natürlichem, irdischem Gebiete unmög⸗
lich wäre oder doch unverständlich bliebe, das geschieht stetig auf
geistlichem, göttlichem Gebiete. Gott muß fort und fort klagen:
„Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn der HErr
redet: Ich habe Kinder auferzogen, und erhöhet“ (die Menschen
geschaffen, erhalten, erlöst ꝛc.), „und sie sind von mir abgefallen“
(und bleiben Abgefallene). . .. „O wehe des sündigen Volks, des
Volks von großer Missethat, des boshaftigen Samens, der schäd⸗
lichen Kinder, die den HErrn verlassen. . . . Was soll man weiter
an euch schlagen, so ihr des Abweichens nur desto mehr machet?“
Jes. 1, 2. ff.
(Fortsetzung folgt.)

— — —

Das 16. Capitel des Römerbriefs

enthält neben einer Empfehlung der Ueberbringerin des Briefes,
der Diakonisse Phöbe, an die Gemeinde zu Rom, V. 1. 2., einer
Warnung vor Spaltungen, V. 17—20., und einem Lobpreis
Gottes am Schlusse, V. 25 —27., lauter Grüße an einzelne mit
Namen genannte und kurz geschilderte Personen, V. 3—16., oder
von solchen, V. 21—24. Das ist, da es eben ein Brief ist,
natürlich; und daß der Römerbrief mehr solche Grüße enthält
als andere Briefe, erklärt sich leicht daraus, daß es ein Brief
ist aus einer großen Handelsstadt (Corinth) nach der damaligen
Welthauptstadt (Rom). Zwischen beiden Plätzen herrschte leb⸗
hafter Verkehr, und in Rom strömten Leute und also auch Chri⸗
sten aus allen Gegenden zusammen. Es geben uns aber diese
Grüße ein anschauliches Bild des Verkehrs und Verhältnisses der
damaligen Christen und Christengemeinden unter einander; wir
sehen, wie sie in Einigkeit des Glaubens und in willig dienender
und dankbar empfangender Liebe mit einander verbunden waren,
wie die wahre sichtbare Kirche damaliger Zeit zusammenhielt und
ein Glied am andern sich stärkte.

Und das ist lehrreich und tröstlich für alle Zeiten. Die Bibel
ist ja für alle Zeiten geschrieben als das vom Heiligen Geiste ein⸗
gegebene Wort Gottes. Auch das 16. Capitel des Römerbriefes
ist vom Heiligen Geiste eingegeben. Man hat freilich gemeint,
dazu sei es zu „menschlich“, zu „persönlich“. Aber wenn der
Heilige Geist sich überhaupt so zu uns herabläßt, daß er durch
menschliche Personen zu uns redet und durch ihre Vermittlung
uns und aller Welt von der seligmachenden Wahrheit Zeugniß
gibt, warum sollte er nicht auch dem heiligen Paulus haben ein⸗
geben können, daß er diese persönlichen Grüße seinem so inhalts⸗
reichen, die Summa des christlichen Glaubens und Lebens ent⸗
haltenden Briefe beifügte? Und es ist nicht schwer, die Absicht

daß wir beharren in der brüderlichen Liebe bis ans Ende.

zu erkennen, welche der Heilige Geist dabei gehabt hat. Ist alles,
was zuvor geschrieben ist, uns zur Lehre geschrieben, auf daß
wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben, so soll
dieses Bild der wahren sichtbaren Kirche Gottes aus der Anfangs⸗
zeit der Kirche besonders uns Christen der letzten Zeit ermuntern,
Es
ist ja jetzt die Zeit vor dem Ende, die Zeit, in welcher die Liebe
in vielen erkalten wird. Da thut es noth, daß wir an dem Feuer
der Liebe, welches wir durch diese Grüße in der ersten Christen⸗
heit brennen sehen, unsere kalten Herzen erwärmen. Wir wissen
ja zwar, daß wir einander lieben sollen; aber wenn Raum und
Zeit sich zwischen die, die Eines Glaubens sind, trennend ein⸗
schieben, so fehlt's oft am rechten Eifer der Liebe.

Die wahre sichtbare Kirche der Endzeit ist noch weiter ge⸗
trennt durch Raum und Zeit als die der Anfangszeit, soweit
wenigstens wir letztere kennen. Da waren die Hauptgemeinden
in den Hauptorten am Mittelmeere zerstreut. Und wenn auch,
da es noch keine Dampfschiffe und Eisenbahnen gab, der Verkehr
ein langsamer war, so waren doch eben die zu überwindenden
Entfernungen nicht sehr groß. Jetzt sind es verschiedene Erd⸗
theile, über welche die Kirche ausgebreitet ist. Und die Zahl der
Christen des reinen Bekenntnisses ist viel größer als damals. So
ist es kein Wunder, daß persönliche Berührung der in verschie⸗
denen Erdtheilen wohnenden Christen seltener ist. Aber sie ist
doch möglich und thatsächlich vorhanden. Und das 16. Capitel
des Römerbriefes kann dazu dienen, uns zur Pflege der Gemein⸗
schaft zu ermuntern.

Diese Pflege der Gemeinschaft kann bei zweierlei Anlässen
geschehen, bei Besuchsreisen und bei Verlegung des Wohnsitzes
aus einem Lande oder Erdtheile in andere Länder oder Erd⸗
theile. In beiden Fällen möchte ich im Namen unserer Frei⸗

kirche in Deutschland bitten, daß unsere americanischen Glaubens⸗

genossen sich unserer Gemeinden erinnern und sie, wenn möglich,
besuchen, beziehungsweise aufsuchen und sich zu ihnen halten
möchten. Wohl mag es bei kurzen Besuchsreisen manchem un⸗
möglich sein, unsere Gemeinden zu berühren. Und wir sind weit
davon entfernt, darin eine Vernachlässigung zu sehen. Aber
manchen führt sein Weg durch eine Stadt oder nahe daran vor⸗
bei, wo wir Gottesdienst halten, und er würde vielleicht gern
unsere Leute aufsuchen und solchem Gottesdienste beiwohnen, aber
er ahnt gar nichts davon, daß seine Glaubensbrüder so nahe
sind, oder wenn er davon hört, kann er sich nicht mehr aufhalten,
weil es zu spät ist. Deshalb sollte gleich bei Aufstellung des
Reiseplans daran gedacht werden. Es ist für die Erhaltung der
Einigkeit im Geist und für die Stärkung der Bruderliebe von
ungemeinem Werthe, wenn persönliche Bekanntschaften gemacht
und gepflegt werden. Freilich werden wir Glieder der Freikirche
in Deutschland dabei in der Hauptsache die Nehmenden sein. Wir
sind gering an Zahl, stehen auf einsamen Posten, bedürfen auch
materieller Hülfe von den Glaubensgenossen und sind oft, eben
weil wir so arm und verlassen sind und so wenig äußeren Erfolg
haben, schwer angefochten. Darum bedürfen wir neben der mate⸗
riellen Hülfe, die uns ja reichlich zu Theil wird und für welche ich
hiermit herzlich Dank sagen möchte, auch solcher Stärkung durch
Besuche und brüderlichen Zuspruch. Und es soll dieser Hinweis
auf Röm. 16 eine dringende Bitte sein, uns noch mehr zu be⸗
suchen, als bisher geschehen. Aber doch ist es der christ lichen

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