Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 9 › Seite 139

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. April 1901, Seite 139

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Chriſtenverfolgung · Ehebrechen 3 · Gemeindeſchule

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S Ver V„Tutherane

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Die evaͤngelische oder „Las von Rom“⸗Bewegung in Oester⸗
reich weist noch immer Erfolge auf, und es vergeht kaum eine Woche,
daß nicht in einer ganzen Reihe von Ortschaften eine Anzahl Personen
aus der römischen Kirche austritt. Diese Bewegung ist nunmehr im

dritten Jahr im Gang und hat im Ganzen rund 20,000 Seelen von
der römisch⸗katholischen Kirche losgelöst. Freilich sind nicht diese alle
evangelisch geworden, sondern an die 4000 sind zum Altkatholicismus
übergetreten. Und von den Uebrigbleibenden ist nur etwa die Hälfte
lutherisch geworden; die andern haben sich der reformirten Kirche oder
„den Secten angeschlossen, und manche sind gar keiner Kirchengemein⸗
schaft beigetreten. Immerhin feiert das Evangelium in den katholi⸗
schen Provinzen Nieder⸗ und Ober-Oesterreich, Böhmen, Mähren ꝛe.
Triumphe, die in unserer Zeit einzig dastehen. Anfänglich war die
ganze Bewegung bekanntlich zugleich stark politisch. Die Deutschen in
Oesterreich, die von den anderen Nationen in jenem Kaiserreich mannig⸗
fach bedrängt werden, suchten durch diese Bewegung zugleich deutsche
Sitte, Sprache und Volksthum zu retten. Aber diese politische Strö⸗
mung nimmt ab, während die Austritte anhalten und an manchen
Orten stärker werden. Gar mancher, der seiner Zeit nicht aus reli⸗
giösen, sondern aus deutsch⸗nationalen Gründen aus der römischen
Kirche austrat, hat die protestantische Predigt, die im Lande erschallt,
gehört und ist jetzt anderer Ueberzeugung geworden. So sagte vor
einiger Zeit ein junger Mann, ein Generalsecretär, dem bekannten
Hofprediger Stöcker aus Berlin: „Als ich vor fünf Monaten über⸗
trat, da war ich noch kein gläubiger Protestant. Jetzt aber ist mir das
Evangelium ans Herz gewachsen, und ich hätte nie gedacht, daß es
einen Glauben geben könnte, der einem so ganz das Herz abgewinnen
kann.“ Ein schönes Wort redete auch kürzlich im österreichischen Reichs⸗
tag Dr. Eisenkolb, ein Mitglied der lutherischen Gemeinde in Karbitz,
als die evangelische Bewegung dort zur Sprache kam. Er sagte: „Wir
sind dem neuen Bekenntniß beigetreten aus innerer Ueberzeugung; wir
wollen unser neues Bekenntniß nicht betrügen, wir haben den Katechis⸗
mus zur Hand genommen, wir haben nach langer Zeit wieder beten
gelernt, unser Inneres hat sich dem christlichen Glauben wieder er⸗
schlossen, unser Herz gehört JEsu Christo, dem Heiland. Wir dulden
nicht, daß irgend jemand, und sei es ein Geistlicher, zwischen uns und
unserem Gott, unserem Heiland, steht. Wir sind glücklich, den Kampf
für das wahre Christenthum, für das Evangelium zu führen, weil wir
unserem Heiland von Herzen ergeben sind.“ Namentlich in Böhmen
denken die Leute an die Vergangenheit, an die Reformationszeit zurück,
als ihre Vorfahren hussitisch, später evangelisch waren, bis sie von der
Pabstkirche unterdrückt und geknechtet wurden, und wollen wieder zum
Bekenntniß der Väter zurückkehren. In den vergangenen zwei Jahren
sind in römisch⸗katholischen Gegenden 40 neue Predigtplätze gegründet
und 21 protestantische Kirchen erbaut worden, 18 werden jetzt gebaut,
und 43 neue Pfarrstellen sind errichtet worden. Ueber die jüngsten
Vorgänge berichtet die neueste Nummer der „Allgemeinen ev.⸗luth.
Kirchenzeitung“ Folgendes und gibt damit zugleich einen Einblick in
das Umsichgreifen der Bewegung: „Die Uebertrittsbewegung macht
jetzt in Böhmen und Mähren so schnelle Fortschritte, daß es schwierig
ist, einen klaren Ueberblick zu behalten. Sonntag, der 3. März, hat
sowohl der evangelischen als der altkatholischen Kirche an vielen Orten
bedeutenden Zuwachs gebracht. In Woratschen, wohin die Bewegung
von Dekau aus übergegriffen hat, wurden 19 evangelisch, viele Ueber⸗
tritte stehen bevor; in Mährisch⸗Trübau wurden 9 Personen in die
evangelische Kirche aufgenommen. In der deutschen Sprachinsel
Wischau (Mähren) sind über 150 aus der römischen Kirche ausgetreten.
In Gablonz wurde am 3. März bei der Gemeindeversammlung fest⸗
gestellt, daß sie im Jahre 1900 durch Beitritt 156 Mitglieder gewon⸗
nen hat, seit 1899 über 450. In die altkatholische Kirche wurden am
3. März aufgenommen in Reitendorf 4 (Massenübertritte sind ange⸗

meldet), in der Plötsch 29 Personen. Auch die Organisation der
evangelischen Gemeinden macht gute Forischritte. In Kuhstein und
Kiefersfelden sind regelmäßige evangelische Gottesdienste eingerichtet
worden, Arnau erhielt am 17. März eine Predigtstation, obwohl die
Gegner alles aufgeboten haben, dies zu vereiteln. Von der Riesen⸗
gemeinde Töplitz sollen demnächst als selbständige Gemeinden abge⸗
gliedert werden Dux, Klostergrab, Karbitz, Turn, Obersedlitz, Leitme⸗
ritz, Trebnitz. Wegen des Wachsthums der Bewegung macht sich in
Schwaz⸗Hostomitz eine Zweiggemeindegründung von Dur aus nöthig.
Predigtstationen werden demnächst geschaffen werden in Graupen,
Modlan, Eichwald, Wisterschen, Schallan und dem im weltfernen
Biberbachthale gelegenen Wernstadt.“ L. F.

Didymus und Theodora.

Während der Christenverfolgung unter Diocletian im Jahre 304
wurde zu Alexandria eine christliche Jungfrau von edler Herkunft mit
Namen Theodora vor den Statthalter zum Verhör gebracht. Dieser
stellte ihr die Wahl, durch ein Opfer, das sie den Göttern darbrächte,
ihre jungfräuliche Ehre zu retten, oder in ein Haus der Unzucht abge⸗
führt zu werden. Die Jungfrau erwiderte fest und ruhig: „Es ist
dir ohne Zweifel nicht verborgen, daß Gott über den Menschen nach
dem, was seines Herzens Sinn und Wille ist, urtheilt und richtet.
Keine äußerliche Gewalt kann meinen Willen beflecken. Es ist nicht
Wille, sondern Zwang, wenn du meines Leibes Glieder verderben
lässest. Ich aber will in Gott verbleiben, ihm gehöre ich an mit Leib
und Seele, in seine Hände habe ich mich befohlen und bin gewiß, er
wird meinen Glauben und die Jungfräulichkeit meines Leibes be⸗
wahren.“

Der Statthalter gab ihr drei Tage Bedenkzeit, und als er sie
nach dieser Frist noch desselben Sinnes fand, ermahnte er sie noch⸗
mals, sie möchte ihren starren Willen brechen, oder er werde ihr thun
lassen, was er ihr angedroht. „Dann wird sich zeigen“, sagte er, „ob
Christus, auf welchen du so vermessene Hoffnung setzest, dich vor
Schande zu bewahren vermag.“ Theodora sagte freudig: „Er, der
ins Verborgene sieht und alles weiß, ehe es geschieht, er, der mich bis
zu dieser Stunde unbefleckt erhalten hat, wird auch ferner mich im
Auge behalten und vor dem Frevel der Unreinen behüten.“

Als sie nun die Magd des HErrn dahinführten, wohin sie nicht
wollte, hob sie, indem sie die schreckliche Schwelle überschritt, ihre
Augen auf und betete: „Allmächtiger Gott, Vater meines HErrn JEsu
Christi, erlöse mich aus diesem Hause des Lasters. Der du deinen
Apostel Petrus aus dem Gefängnisse führtest und nicht zuließest, daß
ihm ein Leid geschähe, sei auch meines Leibes Schutz und Schirm,
damit jedermann erkenne, ich sei deine Magd.“

Es währte nur eine kleine Zeit, als ein Jüngling in Kriegertracht
zu ihr eintrat. Scheu und zitternd floh sie vor ihm in einen Winkel
des Gemachs. Er aber redete freundlich zu ihr: „Schwester, fürchte
nichts! Laß dich durch meine Kleidung nicht schrecken. Unser HErr
warnt vor den Wölfen in Schafskleidern, ich aber bin ein Lamm in
Wolfshaut. Ich bin gekommen, das Eigenthum meines Gottes, seine
Magd, seine Taube zu retten. Laß uns die Gewänder tauschen und
fliehe von hinnen.“

Theodora nahm das edelmüthige Anerbieten des Jünglings an.
Im Kriegerkleide, das Angesicht in den Mantel gehüllt, wie Menschen
zu thun pflegen, die nicht erkannt sein wollen, schlüpfte die Jungfrau
aus dem Hause. Der unerschrockene Jüngling, Didymus mit Namen,

blieb an ihrer Statt zurück und überraschte die Frechen, welche nach

ihm in das Haus eindrangen, mit dem Bescheide, warum er hier wäre
und was durch ihn geschehen sei.

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