Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 59, Nummer 9 › Seite 134
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1903, Seite 134
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E „Tuthierane.
schwer Leidenden Abschied von ihm nahm und sprach: „Ich muß
jetzt von Ihnen gehen, aber der HErr JEsus bleibt bei Ihnen“,
waren die letzten Worte des jungen Mannes: „Ja, der verläßt
mich nicht!“ Am folgenden Tage war er entschlafen.
In einem andern Fall hatte der Missionar einen Schank⸗
wirth sechs Jahre lang umsonst ermahnt, die lutherische Kirche zu
besuchen. Immer kamen Ausflüchte: das Geschäft hindere ihn.
Dann endlich verkaufte er das Geschäft. Aber er kam doch nicht
zur Kirche. Als der Prediger ihn an sein Wort erinnerte, ver⸗
sprach er, nun kommen zu wollen, hielt aber sein Versprechen nicht.
Mit einem Male hieß es: Der Mann hat die Wassersucht. So
war es. Er nahm den Krankenbesuch des Seelsorgers freundlich
an, ließ sich die Bibel vorlesen und nahm sein Käppchen ab beim
Gebet. Aber kein Wort über Buße und Glaube kam über seine
Lippen. Immer wieder kam der Missionar und immer wieder
ging er fort, ohne ein Zeichen der Buße an dem Sterbenden zu
sehen. Während der Zeit betete aber die fromme Frau des Ster⸗
benden, eine eifrige Kirchgängerin, täglich um die Rettung ihres
Mannes. Wie erstaunte sie, als eines Abends, als der Missionar
gerade weggegangen war, der Kranke fragte: „Frau, glaubst du,
daß ich noch selig werden kann?“ „Der volle Trost des Evange⸗
liums quoll von den Lippen der armen gequälten Kreuzträgerin.
In den folgenden Tagen saß der Kranke und betete seine alten
Lieder aus der Kinderzeit: „HErr JEsu, Gnadensonne, wahr⸗
haftes Lebenslicht.“ Dieses Lied und noch andere konnte er noch
ganz auswendig von der Jugendzeit her. „Ach Gott, verlaß mich
nicht, ach Gott, verlaß mich nicht!“ klang es wieder und wieder
von seinen Lippen, bis das Bewußtsein schwand. Wenige Tage
darnach war er eine Leiche. —
Die Sonntagsschule in Santa Rosa wird von 35 Kindern
besucht; drei Lehrer unterrichten darin. In Healdsburg ist nur
einmal im Monat lutherischer Gottesdienst. Die sieben Fami⸗
lien, welche sich zu diesen Gottesdiensten halten, wohnen weit ab
und besuchen die Gottesdienste nicht regelmäßig. Die Mehrzahl
der Deutschen dort will von Gottes Wort durchaus nichts wissen.
Trunksucht herrscht in jener gesegneten, weinreichen Gegend bei
vielen und steht auch unserer Mission dort sehr im Wege.
In Petaluma besteht seit vielen Jahren eine deutsche unirte
Kirche mit Frauenverein, Sonntagsschule ꝛc. Der Lutheraner
sind dort ganz wenige. Die meisten Deutschen dort — und es
gibt sehr viele Deutsche — gehen in gar keine Kirche. Die paar
Familien, welche sich zu uns halten, sind sehr treu im Besuch der
Gottesdienste und geben ihren Beitrag willig, während sowohl in
Healdsburg als auch in Santa Rosa die Beiträge noch zu gering
sind. Doch muß dabei erwähnt werden, daß in Santa Rosa keine
Seele in unserer Mission je zuvor einer lutherischen Gemeinde in
America angehört hat. Wir säen auf Hoffnung.
Ehe wir unsern Missionsbericht in dieser Nummer des „Luthe⸗
raner“ abschließen, kreuzen wir noch die San Francisco⸗Bai und
statten Missionar Tietjen, welcher Crockett und Vallejo bedient,
an erstgenanntem Orte einen Besuch ab. Was er uns über sein
Missionsfeld zu sagen hat, ist dieses: „Hier in Crockett besteht eine
organisirte Gemeinde, welche jeden Sonntag zwei Gottesdienste
in englischer Sprache und zweimal im Monat, an Sonntag⸗
Nachmittagen, deutschen Gottesdienst hält. Auch besteht hier eine
deutsche und englische Sonntagsschule. Im letzten Jahr konnte
von äußerlichem Erfolg bei uns keine Rede sein, auch erwarte ich
in nächster Zukunft nichts dergleichen. Die Leute sind im All⸗
gemeinen eben gegen uns eingenommen wegen unserer Praxis,
sonderlich wegen unserer Stellung zu den Secten und zur Loge.
Das wurde auch in unserer letzten Gemeindeversammlung ausge⸗
sprochen. In Betreff des ersten Punktes sind die meisten unserer
Leute jetzt auf der rechten Seite, und eine Anzahl tritt muthig für
diese Praxis ein und vertheidigt sie, wenn von ihr die Rede ist.
In der Logenfrage machen wir ebenfalls Fortschritte, wenn auch
sehr geringe. Einige erkennen, daß die Loge widerchristlich ist,
und daß eine Kirche nicht Gemeinschaft mit ihr machen darf,
sprechen es auch aus, daß, wenn sie früher gewarnt worden
wären, sie sich ihr nicht angeschlossen hätten. Sie sind aber noch
nicht zu der Erkenntniß gekommen, daß sie austreten sollten.
Das wird auch wohl noch eine Zeitlang dauern, denn es ist mein
Ziel, daß sie freiwillig, aus Ueberzeugung austreten, ohne das
Gefühl zu haben, die Kirche habe sie zu diesem Schritte ge⸗
zwungen.
„Aus dem Gesagten geht hervor, daß, wenn unser äußerer
Zuwachs gerade jetzt ins Stocken gerathen ist, doch eine innere
Zunahme zu bemerken ist. Unsere Gemeinde hier ist lernbegierig.
Nicht nur will sie alle Ceremonien, bis auf die kleinsten, erklärt
haben, sondern sie beschloß auch in ihrer letzten Versammlung,
die Bekenntnißschriften der lutherischen Kirche in den Gemeinde⸗
versammlungen zu lesen und zu besprechen, ein Beschluß, der von
den Gliedern selbst ausging.
„Die Mannigfaltigkeit der bei uns vertretenen Sprachen
macht hier Schwierigkeiten. Hier sind Leute aus America, aus
vielen Gauen Deutschlands, aus der Schweiz, aus Norwegen,
Dänemark, Schweden, Polen und Litauen in der Kirche. Unsere
Leute sind zumeist Ausländer. Das Englische ist nicht Mutter⸗
sprache, sondern dürftig angelernt. Wir müssen das Englische
aber als gemeinsame Sprache brauchen. Es ist oft schwer, die
Heilswahrheiten in so einfachen Worten zu bieten, daß sie von
allen verstanden werden.
„Es mag noch erwähnt werden, daß nicht alle unsere Glieder
von Haus aus lutherisch sind, sondern daß zwei aus der Pabst⸗
kirche und je eins von den Mennoniten und Episkopalen aus
Ueberzeugung zu uns gekommen sind und mit zu den allereifrig⸗
sten Gliedern zählen. Auch jetzt hat sich wieder einer aus der
katholischen Kirche zum Unterricht und zur Aufnahme bei uns
gemeldet. Unsere Arbeit an diesem Orte ist eine sehr lang⸗
same, denn es muß Seele für Seele gewonnen werden. Es ist
echte Missionsarbeit. Unsere Gemeinde ist klein. Sie zählt nur
12 stimmberechtigte Glieder, doch sind die Leute zum Theil recht
opferwillig und zeigen dies ihrem Prediger in liebevoller Weise.
Da die Gemeinde eine Kirche für 82200.00 gebaut hat, auf wel⸗
cher noch Schulden lasten, so ist ihre Willigkeit auch damit in
Anspruch genommen. Endlich sollte noch erwähnt werden, daß
wir jetzt das große englische Gesangbuch einge führt haben, und
die Leute sich über unsere schönen lutherischen Lieder freuen. —
Hindernd für unsere Mission ist, daß unsere Leute Fabrikarbeiter
sind, die abwechselnd Tag und Nacht arbeiten müssen. Das hin⸗
dert Gottesdienste und Gemeindeversammlungen begreiflicher⸗
weise sehr.“
Das sei für diesmal genug über die Mission des California⸗
und Nevada⸗Districts. Will's Gott, bald mehr.
J. W. Th.
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