Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 59, Nummer 9 › Seite 136

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1903, Seite 136

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r Tutheranes

führer auf einem Rittergute bei Lojewo, Posen, an der russischen
Grenze, wo er die polnische Sprache erlernte; später sehen wir
ihn als Grubenaufseher und Zahlmeister in einer Cementfabrik
in Bohlschau, Westpreußen. ö

Auf Anrathen seines jüngeren Bruders, P. F. Potratz bei
Willow City, N. Dak., der inzwischen mit dem Vater nach Ame⸗
rica übergesiedelt war, wanderte er im Juni 1884 ebenfalls nach
America aus und ließ sich bei Fenton, Jowa, nieder. Doch nicht
lange ist dies sein Aufenthaltsort, denn schon im September 1884
befindet er sich als Zögling in der theologischen Anstalt zu Spring⸗
field, Ill., mit der Absicht, sich dem Dienst der Kirche Christi zu
widmen. Eine Zeitlang hatte es den Anschein, als sollte er dies
Ziel nicht erreichen. Als das Nervenfieber in jenen Jahren diese
theure Anstalt heimsuchte, wurde auch er davon ergriffen. Mit
Gottes Hülfe jedoch genas er wieder und konnte seinen ferneren
Studien obliegen. Da tritt eine Versuchung von außen an ihn
heran, die betretene Laufbahn wieder zu verlassen. Es wird ihm
ein Anerbieten gemacht, in eine Grabsteinfabrik einzutreten mit
einem Gehalt von 865.00 monatlich. So glänzend ihm dieses
Anerbieten in seinen damals kümmerlichen Verhältnissen erschei⸗
nen mochte, er schlug es aus.

Im Juni des Jahres 1888 bestand er sein Examen als Can⸗
didat des heiligen Predigtamts; den an ihn ergangenen Beruf
nach Hillsboro und Bohnsacktown, N. Dak., nahm er mit Freu⸗
den an, und hier im fernen Norden, wo damals noch alles ziemlich
Wildniß und Prairie war, sollte er den Ort und Kreis seiner
reichgesegneten Arbeit im Dienst des HErrn finden. Arbeit sollte
er hier haben und gearbeitet hat er im vollsten Sinne des Wortes.
Wie oft mag er die 14 Meilen zwischen seinen beiden Haupt⸗
gemeinden, Hillsboro und Bohnsacktown, die er immer, wenn
nur irgend möglich, an Einem Tage bediente, während seiner
vierzehnjährigen Amtszeit zurückgelegt haben! Und dabei seine
Mission nach außen! Als Missionar und Reiseprediger war er in
seinem Synodaldistrict besonders bekannt. Soweit mir bekannt
ist, hat er in 13 verschiedenen Counties (12 in North Dakota und
1 in Minnesota) gearbeitet. Von Hillsboro ausgehend, wandte
sich sein Blick in den ersten Jahren nach dem Nordwesten. Im
Frühjahr 1889 finden wir den eifrigen Missionar in Willow City,
Grand Harbor und anderen Orten, gegen 250 Meilen von seiner
Heimath. Im Herbst desselben Jahres durfte er die Freude er⸗
leben, daß ihm diese entfernten Plätze durch einen Amtsbruder
abgenommen wurden. Doch da dieser nur kurze Zeit im fernen
Norden ausharrte, so lag unserem Missionar wieder die Bedienung
dieses großen Gebietes allein ob bis zum Jahre 1893, in welchem
der Bruder des Seligen, P. F. Potratz, dort stationirt wurde.

Auf seinen Reisen nach diesem entfernten Gebiete nahm er
die Gelegenheit wahr, auf den Zwischenstationen zu missioniren,
und gründete verschiedene Gemeinden und Predigtplätze. Als
diese dann im Jahr 1896 ihm von dem jetzt noch dort stationirten
P. G. Hilpert abgenommen wurden, finden wir in den folgenden
Jahren unseren Missionar 30, 40, 50 Meilen südlich und westlich
von seinem Wohnort. Wo immer er von Deutschen hörte, da
mußte er hin und ihnen das Brod und Wasser des Lebens an⸗
bieten. Das Wort des Propheten Jeremia (48, 10.): „Verflucht
sei, der des HErrn Werk lässig thut!“ stand nicht nur in großen
Lettern gedruckt über dem Arbeitstisch des Verstorbenen, so daß
er es in seiner Studirstube stets vor Augen haben mußte, dies

verschiedene seiner früheren Gemeinden und Predigtplätze be⸗

*

Wort war ihm auch tief ins Herz geschrieben. Und wie hat er
gearbeitet! Einer der letzten Briefe, den ich von ihm erhielt,
schließt mit den Worten: „Die ganze Woche habe ich bis Freitag
Schule gehalten. Samstag war ich in Thomson“ (32 Meilen
nördlich) „zum Leichengottesdienst. Gestern morgen (Sonntag)
hier zu Hause Gottesdienst, Nachmittags in Bohnsacktown; dann
westlich nach Hunter, 30 Meilen westlich vom Heim, Abends dort
Gottesdienst; in der Nacht zurückgefahren; heute morgen (Mon⸗
tag) Schule.“

Als ich im Sommer vorigen Jahres auf Visitationsreisen

suchte, da wurde ein Gedanke mir immer klarer: P. G. Potratz
war hier ein eifriger Arbeiter, und seine Arbeit ist auch nicht ohne
Erfolg geblieben. Der nun Entschlafene war damals schon sehr
leidend, körperlich gebrochen. Rührend war es zu hören, wie die
Einzelnen, besonders die älteren Christen, die alle, wie es schien,
den „Vater“ Potratz kannten, sich nach dem Wohle ihres geliebten
früheren Seelsorgers erkundigten. Wie manche haben dem nun
Entschlafenen, ohne daß dieser es wußte und ahnte, da noch ge⸗
dankt für die Arbeit, die er an ihnen gethan, für die Mühe, die
er ihretwegen unternommen hatte. Kurz, in dem Entschlafenen
haben wir das Bild eines treuen, eifrigen Missionars. Er durfte
während seiner Amtszeit gegen 24 Gemeinden und Predigtplätze
gründen und zum großen Theil lange bedienen. In dem von x
ihm im ersten Jahre bedienten Gebiete sind jetzt 8 Pastoren thätig,
die an etwa 35 Orten das Wort des Lebens verkündigen. ‚

Im Jahre 1889 trat der Entschlafene in den Stand der hei⸗
ligen Ehe mit Fräulein Johanna Schmöckl, die ihm allein aus
der Heimath in Pommern über den Ocean nachgefolgt war und
ihm seither treu zur Seite gestanden hat. Acht Kinder sind dieser
Ehe entsprossen, von denen eins dem Vater in die Ewigkeit vor⸗
ausgegangen ist. Das vergangene Jahr war dem Entschlafenen I
und seiner Familie ein Jahr des Kreuzes und der Trübsal. Der
Entschlafene litt schon längere Zeit am Magenkrebs. Schon im
Frühjahr war er so leidend, daß ihm dringend Ruhe und Er⸗
holung angerathen wurde. Er nahm auf einige Wochen Urlaub,
doch hatte die Ruhe nicht den erwünschten Erfolg. Sein Leiden
mehrte sich zusehends, so daß vorauszusehen war, daß der HErr
seinen treuen Diener bald zur ewigen Ruhe heimholen würde.
Der Pflege seiner Gattin mußte er in den letzten Tagen und
Wochen seines Lebens entbehren, da sie selber schwer erkrankt dar⸗
niederlag. Sie konnte nur, nachdem der Entschlafene am 5. Octo⸗
ber zur Ruhe der Seligen eingegangen war und der Leichnam von
liebenden Händen im Sarge gebettet lag, von ihrem Kranken⸗
lager aus einen letzten scheidenden Blick auf den Verblichenen
werfen. — Der Entschlafene brachte sein Alter auf 51 Jahre,
8 Monate und 25 Tage.

„Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und
die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und
ewiglich“, Dan. 12, 3. H. F. Bügel. ö ö

„So ein groß, gewaltig Ding ist's um die Kraft des Wortes
Christi, daß, wo es im Herzen mit festem Glauben angenommen
wird, die Seligkeit schon da und angefangen, und der Tod mit
Sünde, Teufel und Hölle in Christus Auferstehung und Sieg
schon überwunden und verschlungen ist.“ (Luther.)

English translation

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