Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 59, Nummer 9 › Seite 130

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1903, Seite 130

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sich selbst sollen die Eltern allezeit bitten um die rechte Weis⸗
heit zur Erziehung. Wie einst Salomo um ein weises und
verständiges Herz bat, um wohl regieren zu können, 1 Kön.
3, 6. ff., so müssen auch die Eltern mit solcher Bitte vor Gottes
Thron erscheinen, sonst wird auch die wohlgemeinteste Erziehung
fehlschlagen.

So fleißig die Eltern für ihre confirmirten Kinder beten
sollen, ebenso fleißig sollen sie aber dieselben auch anhalten
zum Gebet und zum fleißigen Gebrauch der Gna⸗
denmittel. Solange unsere jungen Christen Beter bleiben,
so lange bleiben sie geistlich lebendig; werden sie aber im Gebet
lässig, so fangen sie an abzusterben und zu verdorren. Und wir
wissen ferner, daß ein Mensch nur durch den Gebrauch der Gna⸗
denmittel im Glauben bleiben kann; darum gilt es für die Eltern,
allezeit darauf zu achten, daß ihre confirmirten Kinder Hörer des
Wortes bleiben, daß sie lieb behalten das Haus des HErrn, daß
sie fleißig am Sacrament Theil nehmen, auch die Christenlehren
treulich besuchen. Gerade auch das letztere ist sehr nöthig, da⸗
mit die in der Schule und im Confirmandenunterricht gelern⸗
ten Wahrheiten immer wieder aufgefrischt werden. Doch sollen
sich die Eltern ja hüten, die Thorheit zu begehen, ihre confir⸗
mirten Kinder zum Gebrauch der Gnadenmittel zu ermahnen,
sich aber selbst träge darin zu erweisen. Das hieße, mit der
einen Hand niederreißen, was man mit der andern Hand gebaut
hat. In manchen Christenhäusern ist es Brauch, Sonntags bei
der Morgenandacht von den confirmirten Kindern die Hauptstücke
aufsagen zu lassen, auch hin und wieder den Confirmations⸗
spruch ins Gedächtniß zurückzurufen, ferner beim Mittagstisch
dies und jenes aus der gehörten Predigt zu fragen. Eine feine
Sitte, die in allen Christenhäusern Nachahmung finden sollte!
Wenn so und auf ähnliche Weise die jungen Christen angehalten
werden, die Gnadenmittel zu gebrauchen und das Gebet zu
üben, so wird auch die Frucht nicht ausbleiben, zumal wenn die
Kinder sehen, daß ihnen die Eltern mit einem guten Beispiel
vorangehen.

Da nun aber unsere jungen Christen auch noch den alten
Adam in sich haben, der sich manchmal sogar recht ungeberdig
stellen kann, so gilt es ferner für die Eltern, ihre heranwachsen⸗
den Kinder treulich zu ermahnen und zu strafen. Das
muß aber der Regel nach freundlich geschehen. „Der Gerechte
schlage mich freundlich“, dieses Wort Davids, Ps. 141, 5., müssen
sich die Eltern ja gesagt sein lassen. Mit Poltern und Schelten
wird nicht viel erreicht, aber ein freundliches Wort findet in den
meisten Fällen williges Gehör. Die Kinder müssen bei allen
Ermahnungen und Strafen merken, daß die Eltern ein Herz für
sie haben. Haben Eltern ihre heranwachsenden Kinder durch zu
scharfe Zucht, durch gesetzliches Treiben, erst scheu gemacht, ihnen
wohl gar das Elternhaus verleidet, so hält es sehr schwer, sie
wieder zu gewinnen. Wohl streng und unerbittlich gegen die
Sünde, aber freundlich gegen die Person, auch stets bedenken,
daß durch das Gesetz kein Mensch fromm wird. Hat ein junger
Christ sich vergangen, einen bösen Streich gemacht und dergleichen,
so nehme ihn etwa der Vater oder die Mutter allein, und anstatt
auf ihn loszuschlagen, frage man: „Mein Kind, betest du noch?
Hast du deinen Heiland noch immer vor Augen?“ Dann zeige
man ihm seine Sünde, vergesse aber auch nicht die Salbe in
Gilead, das Evangelium von der Vergebung der Sünden! Ist

das Kind noch ein Christ, so wird solche Behandlung nicht ohne
Frucht bleiben. Ja, ein ernstes, aber auch zugleich freundliches
Wort ist eine gewaltige Waffe, die die Eltern viel öfter ge⸗
brauchen sollten, als es geschieht.

Doch nicht nur ermahnen, sondern auch fort und fort war⸗
nen vor jeglicher Verführung sollen die Eltern ihre con⸗
firmirten Kinder. Der Teufel geht umher wie ein brüllender
Löwe; gerade die jungen Pflänzlein möchte er verderben. Und
die Jugend ist zum Leichtsinn geneigt. Es finden⸗Iich auch genug
böse Buben, die als Diener des Teufels unsere jungen Christen
reizen, mit ihnen zu laufen. Gerade in unserer Zeit ist es so
überaus schwer für die Jugend, in den rechten Schranken zu
bleiben; auf allen Seiten locken die Feinde süß und lieblich,
überall brennen gefährliche Kohlenfeuer der Weltlust; da gilt es
für die Eltern, den Finger zu erheben, die Kinder zu warnen vor
schlechter Gesellschaft, vor bösen Wegen. Wohl sollen unsere
jungen Christen nicht als Sauertöpfe und Kopfhänger durch die
Welt gehen; aber ihre Freuden und Vergnügungen müssen in
den Schranken des Christenthums bleiben und nicht ausarten in
Liebe zur Welt, zur Augenlust, zur Fleischeslust und zum hoffär⸗
tigen Leben. So darf die Warnungsstimme der Eltern nicht
verstummen. Vor allen Dingen dürfen aber auch die Eltern selbst
nicht ihren confirmirten Kindern ein Aergerniß geben, nicht selbst
verbotene Wege gehen und sich Freuden und Genüsse erlauben,
die gegen das Christenthum streiten. Sagt unser HErr JEsus:
„Wehe der Welt der Aergerniß halben“, Matth. 18, 7., so trifft
gewiß ein doppeltes Wehe die Eltern, die ihren Kindern Aerger⸗
niß geben. Nein, Eltern müssen allezeit ihren Kindern mit un⸗
sträflichem Wandel voranleuchten.

Viel Sorge bereitet den Eltern oft die Wahl des Berufes
ihrer heranwachsenden Kinder. Sowenig Eltern ihre
Kinder zu diesem oder jenem Berufe zwingen sollten, so ernstlich
sollten sie doch darauf sehen, daß ihre Kinder nicht nur einen gott⸗
gefälligen Beruf, sondern auch einen solchen Beruf ergreifen, in
dem sie nicht gehindert werden, fleißig und treulich für ihr Seelen⸗
heil sorgen zu können. Und dann sollte es nach St. Pauli Er⸗
mahnung gehen: „Ein jeglicher bleibe in dem Ruf, darinnen er
berufen ist“, 1 Cor. 7, 20. Ein häufiger Berufswechsel kann
leicht zur Folge haben, daß die Kinder, wenn sie einmal erwachsen
sind, zu nichts zu gebrauchen sind, während ein Christ durch treue
Ausrichtung auch in einem geringen Berufe Gott und dem Näch⸗
sten herrlich dienen kann.

Und nun noch eins! Habt ihr, liebe Eltern, einen frommen
und begabten Sohn, so laßt ihn studiren. Die Ernte ist
groß, aber wenig sind der Arbeiter. Seid ihr selbst zu arm, um
die Unkosten zu decken, so wird die Gemeinde, wenn es ihr recht
ans Herz gelegt wird, gern Hülfe leisten. Ja, ist euer Sohn
fähig, durch Gottes Gnade ein Arbeiter im Weinberge des HErrn
zu werden, so weihet ihn in ganz besonderem Sinne dem HErrn,
wie einst die Hanna ihren Samuel, 1 Sam. 1, und helfet also,
Gottes Reich zu bauen.

Wohlan, christliche Eltern, laßt euch obige Worte gesagt
sein. Stärket eure confirmirten Kinder, thut eure Eltern⸗ und
Christenpflicht, daß sie, soviel an euch ist, halten, was sie am
Altar des HErrn gelobt haben, daß sie der Kirche und ihrem Hei⸗
land treu bleiben, und also Gottes guter und gnädiger Wille an
ihnen geschehe. A. Pf.

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