Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 59, Nummer 9 › Seite 139

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1903, Seite 139

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schung und ein großer Betrug, ist doch nach seiner langjährigen Be⸗

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obachtung dasjenige, was gerade den Geplagtesten und Bedrücktesten
die Kraft gibt, getrost auszuhalten, eine Kraft, die sich durch nichts
anderes ersetzen läßt. Ein schöneres Zeugniß für die lebendige Wir⸗
kung dieses Glaubens konnte Spencer dem Christenthum gar nicht
ausstellen. — Und was ist Spencers allerletztes Wort? Zeitlebens
hat er sich mit den Fragen über das Dasein beschäftigt, hat rastlos
studirt, geforscht, beobachtet, gearbeitet. Und was hat er erreicht?
Er sagt: „Wenn wir die Geheimnisse des Daseins völlig aufhellen
könnten, so würden nur neue Fragen höherer Art sich erheben.“ Und
Eine solche Frage hat ihm immer mehr zu schaffen gemacht, nämlich
die Frage von dem unendlichen leeren, wunderbaren Raum, der schon
dagewesen sein muß, als alles — nach Spencers Meinung — sich aus
sich selbst entwickelt hat. „In den letzten Jahren erweckt dieser Ge⸗
danke, daß ohne Ursprung und Ursache dieser wundervolle, unendliche
Raum immer existirt haben muß und immer existiren wird, in mir ein
Gefühl, das mich mit Schauern erfüllt.“ Mit diesem Geständniß
schließt er sein Buch. Selbst nachdem also der Agnostiker die Welt
und alles, was in der Welt ist, als ein Erzeugniß natürlicher Ent⸗
wicklung (Evolution) erklärt hat, ohne einen höheren Urheber und
allmächtigen Schöpfer, steht er zuletzt schauernd vor dem leeren Raum,
und siehe, dieser ist dann noch so wunderbar, daß er unerklärlich bleibt,
wenn man sich nicht vor dem Geiste Gottes beugt. — Und mit welchen
Gedanken geht der schon mit einem Fuße im Grabe stehende Spencer
dem Tode entgegen? Er sagt kurz vor dem Schluß: „Es scheint ein
seltsamer und unerträglicher Gedanke zu sein, daß mit dem Aufhören
des Bewußtseins im Tode auch alles Wissen schwindet, daß man existirt
hat.“ Unsicherheit, Unwissenheit, Rathlosigkeit, Schauern — das sind
die letzten Gedanken, Erfahrungen und Empfindungen eines Gottes⸗
leugners. Dagegen halte man das Bekenntniß eines gläubigen Chri⸗
sten, und man sieht den großen, klaffenden, himmelweiten Unterschied.
Der Christ spricht: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu
sein.“ „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ „Ich
weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiß, daß er kann mir meine Bei⸗
lage bewahren bis an jenen Tag.“ Phil. 1, 23. 21. 2 Tim. 1, 12.

L. F.

„Valet will ich dir geben.“

Valerius Herberger, der Dichter dieses Liedes, wurde in dem
kleinen polnischen Städtlein Fraustadt, nahe der schlesischen Grenze,
im Jahre 1562 geboren. Frühzeitig verlor er seine Eltern, aber sein
Pathe nahm den neunjährigen Knaben zu sich und ließ ihn später die
Gottesgelehrtheit studiren. Nachher wurde Herberger Prediger der
lutherischen Gemeinde in seiner Vaterstadt. Das Predigen war seine
Freude, so sehr es ihn auch leiblich ermüdete. Sobald er auf der
Kanzel stand, kam ihm Kraft und Freudigkeit. Er pflegte zu sagen:

„Es predigt sich mächtig übel, wenn man den leeren Stühlen und
Büänken Gottes Wort vorsagen muß; hingegen lacht einem Prediger

das Herz im Leibe, wenn er eine volle Kirche hat.“ Der Inhalt sei⸗
ner Predigten war IEsus. Mit Recht konnte er in seiner Grabrede
genannt werden „ein Mann, dem JEsus alles war“. Herberger hatte
in Fraustadt schwere Zeiten durchzumachen. Unter dem polnischen
König Sigismund wurden die Lutherischen hart bedrückt. Auf Befehl
des Königs mußten sie ihre Pfarrkirche an die Katholiken abgeben.
Die Gemeinde baute aber mit großer Opferwilligkeit ein neues Kirch⸗
lein. Herberger gab diesem Kirchlein, in welchem zum erstenmal in
der Christnacht gepredigt wurde, den Namen „Kripplein Christi“,
„denn“, sagte er, „hat das IEsuskindlein nicht Raum in der Her⸗
berge, so hat es doch Raum im Kripplein“.

Im Jahre 1613 suchte eine schreckliche Pest die Stadt heim. Die
Seuche raffte in kurzer Zeit 2000 Menschen hin. Aber obgleich Her⸗
berger die Pestkranken zum Tode bereitete und sie fast alle beerdigen
half, blieb er voch mit seiner Familie wunderbar erhalten. In jener
täglichen Todesgefahr dichtete er das schöne Sterbelied: „Valet will
ich dir geben, du arge, falsche Welt.“ (No. 426.) Mit demselben hat
er ein sogenanntes Akrostichon auf seinen Taufnamen Valerius ge⸗
liefert, das heißt, die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse ergeben
den Namen Valerius. Man hat dabei im ersten Vers die vier Buch⸗
staben „Vale“ zu nehmen, denen dann die Anfangsbuchstaben der fol⸗
genden vier Verse hinzuzufügen sind. Im fünften Vers bittet der
Dichter, Gott möge seinen Namen im Himmel anschreiben — nach Luc.
10, 20.: „Freuet euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind“
(welche Worte auch nach Herbergers Wunsch den Text zu seiner Leichen⸗
predigt bildeten).

Herbergers Lied fand bald weite Verbreitung. Vielen ist es das
Abschiedswort von dieser Welt geworden. Dr. Valentin Ernst Löscher
in Dresden ließ, da er an allerlei Krankheitsfällen merkte, daß die
Zeit seines Abscheidens nahe sei, am 3. Sonntag nach Epiphanien,
als er noch mit der Gemeinde das heilige Abendmahl genoß, nach der
Predigt dieses Lied singen, als wäre es sein Abschiedslied; und wirk⸗
lich war das seine letzte Predigt; denn zwei Tage darauf traf ihn der
Schlag, eben als er seinen Leichentext im Jesaias vor sich aufgeschlagen
hatte. Missionar Schwarz, der 43 Jahre lang mit großem Segen in
Ostindien gearbeitet hat, ließ sich während seiner letzten Krankheit dieses
Lied alle Tage nach dem Abendgebet von den Schulkindern vorsingen,
bis er einging zur ewigen Ruhe. Das ganze Lied ist besonders her⸗
vorgetreten zu Straßburg in den Tagen der Belagerung 1870. Ein
Pfarrer daselbst erzählt darüber das Folgende: „Ich hatte seit einiger
Zeit einen Kreis von Liederpredigten begonnen und kam am 10. Sonn⸗
tag nach Trinitatis an das Lied von Valerius Herberger: „Valet will
ich dir geben. Ich erzählte die Lebensgeschichte des Dichters, schilderte
die Schrecken jener Zeit, die er mit seiner Gemeinde durchlebte, als
über Fraustadt die Pest ausbrach und er sein ergreifendes und eins der
schönsten aller Sterbelieder dichtete; und weiter von dem großen Feuer
in Fraustadt und von dem geringen Bethause, welches er Kripplein
IEsu“ hieß und wohin er vor den Römischen weichen mußte. Ich
weiß nicht, wie es über mich kam: während ich diese Züge aus des
alten „Herzpredigers“ (so ist Herberger oft genannt worden wegen seiner
schönen Predigten) Leben erzählte, da stand plötzlich jene Vergangen⸗
heit wie ein Bild der Gegenwart vor meinen Augen. „Feuer kann
auch über uns kommen; mir ahnt, wir stehen nicht am Ende, sondern
am Anfang unsers größten Jammers, und die Mitternachtsstunde
könnte auch uns Schreckensrufe bringen, die uns erbeben machen.
Wer weiß, ob wir nicht auch noch in einem Kripplein unsern Gottes⸗
dienst feiern müssen, in kleiner Gemeinde, trauernd um die Trümmer
unserer Stadt. Ach, daß die Heimsuchungen uns allen dienen möchten
zur Erweckung eines Glaubens, wie der des alten Herberger war, da
er in seinem Liede sang:

In meines Herzens Grunde

Dein Nam und Kreuz allein

Funkelt all Zeit und Stunde,

Drauf kann ich fröhlich sein!“
Wie bald ist meine Aussage wahr geworden!“ Acht Tage darauf
schrieb dieser Straßburger Prediger: „Sonntag ist es heute gewesen;
gepredigt habe ich auch; aber keine Glocke hat uns mehr zusammen⸗
gerufen, kein Orgelton hat uns mehr ergötzt; unsere Kirche ist ein
„Kripplein unter der Erde gewesen, ein Gewölbe im Gynmnasium.“
Und seine Gattin schrieb in jener ereignißvollen Woche unter anderem
dieses: „Nun wird auch die Kirche ein Raub der Flammen, wo mein
Vater seit vierzig Jahren das Wort Gottes verkündet, in der mein

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