Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 59, Nummer 9 › Seite 138

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1903, Seite 138

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138

. „Rutheraness

Ausland.

Wie viele Mütter beten heutzutage noch mit ihren Kindern?
Auf diese Frage, die für die religiöse Erziehung der Kinder so Überaus
wichtig ist, gibt der Pastor und Kreisschulinspector Kolde in Lissa in
der preußischen Oberlausitz aus der Erfahrung eine Antwort, die im
„Freimund“ mitgetheilt wird. Er ließ nämlich in seiner ganzen Kreis⸗
schulinspection feststellen, wie viele von den schulpflichtig gewordenen
Kindern irgendwie vorher im Vaterhaus beten gelernt hatten, wenn
das Gebet auch nur sehr mangelhaft war. Jede Mutter oder ältere
Schwester, die ein Kind zur Schule brachte, wurde darnach gefragt, und
der Lehrer überzeugte sich dann in den nächsten vier Wochen, wie weit
die ihm gegebene Auskunft richtig war. Da hat sich denn heraus⸗
gestellt, daß von den 580 neu eingetretenen sechsjährigen evangelischen
Schulkindern nur 51 Procent etwas beten konnten; 287 hatten, wie
man annehmen muß, bis dahin noch nie etwas von einem Gebet ge⸗
lernt oder auch nur gehört. Am schlechtesten stand es in einem ärm⸗
lichen Haidedorf, das nur von Waldarbeitern bewohnt wird und eine
Meile von der Pfarrkirche entfernt liegt. In ihm hatten nur 17 Pro⸗
cent der Kinder von ihrer Mutter beten gelernt. In zwei von den
zwölf Pfarreien lernten sämmtliche Kinder beten. Der „Freimund“
bemerkt dazu, daß diese Erhebungen in einem Bezirk angestellt wurden,
der aus Landgemeinden besteht und für gut kirchlich gilt. Was würde
sich erst herausstellen, wenn man in den Großstädten und in deren
Umgebung oder in Fabrikbezirken solche Nachfrage veranstalten würde!
Und wir fügen hinzu: Was für Ergebnisse würden sich wohl in un⸗
serem Lande herausstellen, wenn man genaue Nachforschungen anstellen

könnte! Und doch bewahren gerade die Gebete, die die Kinder in ihrer.

Jugend von ihren Müttern gelernt haben, viele im späteren Leben vor
dem Abfall, oder sind Abgefallenen der äußere Anlaß, wieder zu dem
Glauben ihrer Kindheit zurückzukehren. Ihr Väter und Mütter, lehrt
eure Kinder von frühester Jugend an beten und betet mit ihnen!

L. F.

Die Zahl der Theologie Studirenden in der protestantischen
Kirche Deutschlands geht beständig zurück. Während man im Sommer⸗
halbjahr 1890 4536 theologische Studenten zählte, ist diese Zahl inner⸗

halb zwölf Jahren auf weniger als die Hälfte gesunken. Im vorigen
Sommerhalbjahr betrug sie 2281, in dem jetzt zu Ende gehenden Winter⸗
halbjahr nur noch 2179. Diese fortgehende und ganz auffallende Ab⸗
nahme hat ihren Grund nicht bloß in dem vorhandenen Ueberfluß an
theologischen Candidaten, sondern gewiß auch in dem immer weiter um
sich greifenden Unglauben, der von den theologischen Lehrstühlen auf
den deutschen Universitäten verkündigt wird. Wie sollen die jungen
Studenten zum theologischen Studium Lust und Freudigkeit gewinnen,
wenn ihnen auf den Hochschulen von den Lehrern der Glaube geraubt
und statt der Wahrheit des unfehlbaren ewigen Gotteswortes vergäng⸗
liche und verkehrte Menschenweisheit vorgetragen wird? L. F.

Bei seinem fünfundzwanzigjährigen Pabstjubiläum, das vor
einigen Wochen mit größtem Pompe und überreichen Geschenken ge⸗
feiert wurde, hat Leo XIII. jedem seiner Cardinäle ein Buch verehrt,
das unter anderem auch ein schon vor längerer Zeit von ihm verfaßtes
lateinisches Gedicht, sein „letztes Gebet“, enthält. Der dreiundneunzig⸗
jährige Greis muß sich ja sagen, daß sein Tod nicht mehr fern sein kann.
Und an wen ist nun sein letztes Gebet gerichtet? Etwa an den durch
Christum versöhnten himmlischen Vater, oder an den Heiland der Welt
selbst? Mit nichten, sondern an die „Himmelskönigin“, Maria.
Der Name Christi wird im Gedichte überhaupt nicht erwähnt, der Name
Gottes nur einmal am Schluß eines Verses, aber in zwei Versen wird
Maria angeredet. Leo bittet in dem Gedichte, daß seine Seele im
Tode gen Himmel fahren und Gottes Licht und Angesicht sehen möge,
vor allem aber das Antlitz der „Himmelskönigin“. Und von wem

erwartet er die Seligkeit? Eben von der Maria, deren mütterliche

Liebe ihn durch die Irrwege und Gefahren dieses Lebens in die himm⸗

lische Heimath retten werde. — So bleibt der Pabst auch im Angesicht

des Todes der rechte große Antichrist, der von Christi Verdienst nichts

wissen will und es durch das Vertrauen auf Heilige schmäht und lästert.
L.

—

Aus Frankreich kommen Klagen über das immer weiter unter
dem Volke um sich greifende Branntweintrinken, das mehr und mehr
zu einem nationalen Unglück wird. Die bekannte Pariser Zeitung
„Temps“ behauptet, daß der Branntwein das französische Volk nach
Seele und Leib ruinire. Die Branntweinschenken wüchsen nur so aus
der Erde, so daß zum Beispiel in der Normandie gegenwärtig auf je
70 Einwohner eine Schenke komme. Diebstahl und andere Verbrechen
und Schandthaten seien überall in erschreckender Weise am Zunehmen,
während die Bevölkerung abstumpfe. Am schlimmsten aber ist, daß
das rechte Heilmittel für alle Schäden und Sünden fehlt, das Wort
Gottes. Die katholische Kirche verliert mehr und mehr ihren Einfluß
auf das französische Volk, die protestantische Kirche ist verhältnißmäßig
nur schwach im Lande vertreten, die breiten Schichten des Volkes sind
dem gröbsten Unglauben verfallen und lassen sich nur von ihren Lüsten
und Leidenschaften leiten. Fürwahr, ein trauriger Zustand!

L. F.

Aus Welt und Zeit.

Von Herbert Spencer, dem bekannten, hochbetagten Wortführer
einer radical ungläubigen Welt⸗ und Lebensanschauung in England,
ist vor einiger Zeit ein Buch erschienen (Facts and Comments'),
das er ausdrücklich als das letzte seiner vielen Bücher und Schriften
bezeichnet, in dem er also auch in religiösen Dingen sein letztes Wort
gesagt hat. Spencer ist erklärter Agnostiker, das heißt, einer, der das
Nichtswissen von Gott und göttlichen Dingen zu seinem Bekenntniß
gemacht hat. Auch in diesem Buche sucht er seinen ungläubigen Stand⸗
punkt zu rechtfertigen und redet harte Worte wider den chrristlichen
Glauben. Und doch stellt er dabei dem von ihm Zeitlebens befeinde⸗
ten Christenthum ein merkwürdiges Zeugniß aus. Er kommt auf einer
der letzten Seiten auf die Frage, ob ein Agnostiker einen Christen in
seinem Glauben irre machen sollte, verneint diese Frage und sagt
wörtlich: „Die Aussicht auf den Himmel macht das Leben manchen
erträglich, die es sonst unerträglich fänden. Solchen, die unter einer
erschütterten Gesundheit und unter stetigen Schmerzen leiden, welche
Leiden vielleicht durch übermäßige Anstrengungen für das Wohl ihrer
Angehörigen verursacht sind, ist der Gedanke an eine künftige Be⸗
lohnung das einzige, was ihr Bewußtsein aufrichtet. Andere sind im
Geiste niedergedrückt durch ein schweres Mißverständniß; sie getrösten
sich einer Zeit, da alle Dinge ans Licht kommen und ihr Kummer sich
in Freude verwandeln soll. Beständige Mißhandlung durch einen
Haustyrannen bringt manchen immer neues Elend, das allein durch
den Glauben gemildert wird, daß an dessen Stelle einst ein Zustand
der Seligkeit treten werde. Und viele sind es, die sich unter der Bürde
täglicher Pflichten erschöpft hinschleppen, die sie erfüllen, ohne irgend
einen Dank oder ein Mitgefühl dafur zu ernten; sie sind im Stande,
diese Uebel zu tragen dank der Ueberzeugung, daß nach diesem Leben
ein Leben frei von Qualen und Mühsalen anbrechen werde. Nichts
als Schlimmes würde die Folge sein, wenn solche ihren Glauben
änderten, und wenn er nicht grausam gedankenlos ist, wird der Agno⸗
stiker sich ängstlich davor hüten, mit ihnen über religiöse Fragen zu
disputiren, wodurch ihre Hoffnungen nothwendig erschüttert werden
müßten.“ Spencers eigene Worte sind seine beste Widerlegung. Der
angeblich wirkungslose Christenglaube, nach seiner Meinung eine Täu⸗

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