Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 11 › Seite 162

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. Mai 1904, Seite 162

161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176

Scan: Internet Archive, from the Graduate Theological Union's copy (one item per issue).

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geiſt 7

⤓ Download .txt · copy text

162²

SVer 2„Tutherant8ss

Ja, der Pfingstgeist war über sie gekommen und hatte sie zu ganz
andern Menschen gemacht. Nun war die Decke von ihren Augen
weggenommen; nun waren alle fleischlichen, irdischen Gedanken,
die sie so oft gehegt und auch ganz offen ausgesprochen hatten,
verschwunden; nun verstanden sie voll und ganz das selige Werk
ihres Heilandes; nun verstanden sie die Weissagungen des Alten
Testaments; nun verstanden sie das Wort des fremden Wanders⸗
mannes am ersten Ostertage: „Mußte nicht Christus solches
leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ Luc. 24, 26.; nun
verstanden sie Zweck und Ziel des Charfreitags und Ostertags,
kurz, nun waren sie in alle Wahrheit geleitet. Und welchen Ge⸗
winn hatten die lieben Apostel davon für ihre eigenen Seelen?
Mit inniger, brünstiger Liebe ergriffen sie IEsum als ihren Hei⸗
land, in ihm waren sie ihrer Gotteskindschaft, ihrer Seligkeit
gewiß, und nichts, nichts vermochte sie hinfort von IEsu zu
trennen. Ihr ferneres Losungswort war und blieb: „Wer will
uns scheiden von der Liebe Gottes? Wir sind gewiß, daß weder
Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum noch Gewalt,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes,
noch keine andere Creatur mag uns scheiden von der Liebe Got⸗
tes, die in Christo IEsu ist, unserm HErrn“, Röm. 8, 35. ff.
Für ihr ganzes ferneres Leben stand jetzt IEsus im Mittelpunkt.
Um ihn drehte sich fortan alles, was sie wirkten, was sie redeten
und dachten. Ja, fortan achteten sie alles für Schaden gegen
der überschwänglichen Erkenntniß Christi IEsu, ihres HErrn.
So hatte der Heilige Geist sein Verklärungsamt an den Jüngern
ausgerichtet, so war es Pfingsten geworden in den Herzen der
Apostel.

Und das ist des Heiligen Geistes Amt noch heute. Schauen
wir von den Jüngern auf uns und alle Menschen, wie sie von
Natur sind, und wie der Heilige Geist sie umgestaltet! Wir be⸗
kennen im dritten Artikel: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigener
Vernunft noch Krast an IEsum Christum, meinen HErrn, glau⸗
ben, oder zu ihm kommen kann.“ Warum denn nicht? Weil
jeder Mensch von Natur geistlich todt, geistlich blind und Gott
feind ist. So viel und mancherlei auch die Menschen aus eigener
Vernunft und Kraft thun können in irdischen Dingen, auf allen
Gebieten der Kunst und Wissenschaft, daß man oft staunen muß
über ihre Errungenschaften, obgleich durch den Sündenfall auch
in Bezug auf irdische Dinge Geist, Wille, Vernunft und Kraft
des Menschen geschwächt ist: in geistlichen, göttlichen Dingen aber,
in Sachen unserer Seelenseligkeit, haben wir alle eigene Kraft
verloren und sind todt vor Gott. Rufe und schüttele einen
Todten, soviel du willst, all deine Kunst wird an ihm gar ein
Spott. So sind wir auch geistlicher Weise wahrhaftig todt,
können uns nicht rühren und regen, können nicht das Geringste
thun zum geistlichen Lebendigwerden. „Ihr waret todt durch
Uebertretungen und Sünden“, schreibt daher St. Paulus an die
Epheser, Cap. 2, 1. Und wir singen mit Recht:

Ach, ich bin lebendig todt

Und zum Guten ganz verloren.
Ja, todt und erstorben zu allem geistlich Guten, aber rege und
lebendig zu allem Bösen.

Und mit dem geistlichen Tode hängt aufs engste zusammen
die geistliche Blindheit. Unser geistliches Auge ist von Natur
nicht nur getrübt, nicht etwa nur kurzsichtig, sondern vollkommen
erblindet. Wir tappen im Dunkeln, wir wandeln wie bei Nacht

—

und stehen daher fort und fort in Gefahr, in den ewigen Abgrund
zu fallen und darin zu versinken. Und endlich, weil geistlich todt
und blind, so sind wir auch Gottes Feinde. Die einstige Freund⸗
schaft Gottes haben wir selbst verscherzt, haben Gott den Rücken
gekehrt und sind eigene Wege degangen. Ja, ein natürlicher
Mensch übertritt Tag und Nacht, fort und fort, innerlich und
äußerlich Gottes Gebote, fragt nichts nach Gottes Willen und
zeigt sich so als ein Feind Gottes in seinem ganzen Leben, gehört
darum aber auch mit Leib und Seele in das ewige höllische Feuer
hinein, in den Abgrund der Hölle zum leidigen Teufel. Allen
Menschen, wie sie von Natur sind, gilt das furchtbare Urtheil:
„Jene, meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen
sollte, bringet her und erwürget sie vor mir“, Luc. 19, 27.
Summa: Bei aller äußeren und inneren Bildung, wovon die
Menschen in unsern Tagen so gern reden, vernimmt ein natür⸗
licher Mensch als ein geistlich Todter, als ein geistlich Blinder,
als ein Feind Gottes nichts vom Geiste Gottes, es ist ihm eine
Thorheit und kann es nicht erkennen. Wehe uns daher, wenn
wir uns selbst überlassen blieben! Unser aller Ende wäre ewiges
Sterben und Verderben trotz der großen Thaten Gottes, die zu
Weihnachten und Ostern geschehen sind; denn Gottes Liebesrath,
des HErrn IEsu Erlösung würde uns ein wie mit sieben Siegeln
verschlossenes Geheimniß bleiben.

Aber siehe, nun tritt der Heilige Geist auf den Plan und
beginnt sein großes, seliges Geschäft, Christum in den Herzen
der Menschen zu verklären. Seine Aufgabe ist es, den Todten
das Leben, den Blinden das Gesicht zu geben und die Feindschaft
in eine Freundschaft zu verkehren. Und wie richtet er dies aus?
Durch das lebendige, kräftige Gotteswort, durch Gesetz
und Evangelium. Siehe dir einen geistlich Todten an und be⸗
trachte einmal des Heiligen Geistes Werk an ihm. Der geistlich
Todte geht unbekümmert um Gott und seiner Seelen Seligkeit
seines Weges, er thut, was ihm gefällt, hält sich für seinen eigenen
Herrn, dünkt sich meistens sehr groß und weise, lebt in gröberer
oder feinerer Weise nach den Lüsten seines Fleisches, sucht bald
in diesem, bald in jenem seinen Himmel auf Erden. Da klopft
der Heilige Geist durch die Stimme des Gesetzes bei ihm an,
rüttelt und schüttelt ihn, stellt ihm seine Sünde unter Augen,
zeigt ihm sein gänzliches Verderben und schreckt ihn mit Tod,
Hölle und Verdammniß. Dem Sünder wird es angst und bange,
die Hand des HErrn liegt schwer und immer schwerer auf ihm;
er weiß weder aus noch ein, er fühlt sich todtkrank, er sieht keinen
Ausweg, keinen Helfer und keinen Retter. Und in der Angst
seiner Seele ruft er wohl aus: Zur Hölle muß ich sinken! So
tödtet der Heilige Geist durch den Buchstaben, durch das Gesetz,
den Menschen, aber nur um ihn lebendig zu machen, um ihn
zu einer neuen Creatur, zu einem Kinde Gottes umzuwandeln.
Denn dann kommt er mit einer andern Predigt zu dem durch
das Gesetz Getödteten und ruft ihm freundlich zu: Siehe, du
armer Sünder, der du dich wie ein Wurm im Staube krümmst,
da ist dein Heiland, dein Helfer! So verzweifelt böse es auch
um dich steht, es ist doch noch Rettung da! Hat auch schon die
Hölle ihren Rachen aufgethan, um dich zu verschlingen, hier ist
ein Ausweg: Schaue dir einmal diesen Mann an, der am Kreuze
hängt! Er ist dir von Gott gemacht zur Erlösung; er hat deine
Sünde gebüßt, deine Strafe getragen, hat deinen Tod getödtet,
deine Hölle verriegelt. Das Blut dieses Mannes macht dich

English translation

Not yet translated.