Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 11 › Seite 166

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. Mai 1904, Seite 166

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Der 2 Atherane&.

dings in der glücklichen Lage, gleich seine Zeit und Kraft dieser
Aufgabe ungetheilt widmen zu können, während andere zum
Beispiel durch den Hausbau sechs bis neun Monate daran fast
völlig gehindert wurden; aber auch ohne das muß man zuge—
stehen, daß er seine Aufgabe mit einer Energie und Arbeitskraft
anfaßte, die nicht jedem andern eigen ist. Dies war zu erkennen
nicht nur an dem Maß der Zeit, welche er auf die Heidenpredigt
verwandte, an der Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, wenn es
galt, früh aufzustehen und in der glühenden Sonne weite Märsche
zu machen, sondern zum Beispiel auch an dem großen Stoß von
Heidenpredigten, welche er unermüdlich vollständig schriftlich aus⸗
arbeitete, an der Genauigkeit, mit welcher er Einzelheiten von
Disputationen alsbald in sein Tagebuch eintrug. Da aber die
Heidenpredigt seine Zeit nicht ganz ausfüllte, hat er von Anfang
an das Bedürfniß gehabt, auch Schule zu halten; und diese
Arbeit fehlte ihm sehr, als die zuerst gegründete Schule einige
Jahre von seinem Collegen verwaltet wurde. Er fing damals
in einer Vorstadt eine zweite Schule an, wo er lange Zeit in einer
kleinen, elenden Hütte täglich selbst unterrichtete; und in den
letzten Jahren hatte er die Freude, in jeder von beiden Schulen
an oder über hundert Kinder lernen zu sehen (erst die Pestzeit
brachte einen Rückgang). Auch hier war er äußerst eifrig; keine
Predigttour ermüdete ihn so sehr, daß er nicht täglich noch mehrere
Stunden Religionsunterricht gehalten hätte; und war er in der
ersten Schule fertig, so wanderte er um 4 Uhr noch in die Vor⸗
stadtschule hinaus, von wo er oft erst in der Dämmerung zurück⸗
kehrte. Es war ihm eine große Freude, diese Schaaren von
Kindern in Katechismus und biblischer Geschichte zu unterrichten,
und auch in den Sonntagsgottesdiensten widmete er sich haupt⸗
sächlich ihnen. Niemand, der ihn hier gekannt hat, kann ihm
das Zeugniß versagen, daß er sich bei Ausrichtung seines Amtes
der größtmöglichen Treue und Gewissenhaftigkeit befleißigte.
Diese Treue ist auf eine harte Probe gestellt worden; Jahre
lang hatte er gearbeitet, aber die Saat ging nirgends auf. Eine
neue Anfechtung war es für ihn, als er Mitte 1899 binnen vier
Tagen seine zwei theuren Kindlein begraben mußte, welche von
der Ruhr dahingerafft wurden. Diese schwere Heimsuchung hat
er bis an sein Ende tief empfunden; die Wunde vernarbte nicht
ganz, auch als ihm der gnädige Gott Ersatz schenkte. Von da
an trug er sich viel und aufrichtig mit Todesgedanken, gedachte
häufiger der schweren Sünde, mit der wir Gottes Zorn verdient
haben, wovon wir allein durch seines Sohnes Tod entsühnt sind.
Gerade in jenem Jahre entfaltete sich aber auch die erste Frucht
seiner geistlichen Wirksamkeit: zwei Lehrer, welche an den hier
von ihm begründeten Schulen Anstellung hatten, der eine ein
Leipziger, der andere ein englischer Christ, begehrten sammt ihren
Familien Unterweisung, wurden von ihm aufs gründlichste im
lutherischen Katechismus unterrichtet und Anfang 1900 aufge⸗
nommen. So war Näther denn nun wieder Pastor einer, wenn
auch kleinen Gemeinde, und fürwahr, er hat sie mit aller Treue,
mit viel Hingebung gepflegt und sie unablässig in der Erkenntniß
des göttlichen Wortes zu fördern gesucht. Im Jahre 1903
wuchs das Gemeindlein noch einmal; die Schwester des Lehrers
Samuel wurde aufgenommen — ihr Mann war während des
Unterrichtes verstorben —, und gleichzeitig wurde ein allein⸗
stehender, älterer Mann aus dem nebenan liegenden Pariadorfe
getauft, der alte Simeon. Ueber diese erste Frucht aus den

Heiden hat sich der selige Bruder sehr gefreut, und er hatte auch
Grund, sich zu freuen.

Was ihm im letzten Jahre viel Noth gemacht hat, war der
Bau eines neuen Hauses, welcher durch die Verhältnisse in Krish⸗
nagiri nöthig geworden war. Dieser Bau war noch nicht lange
im Gang, als Mitte des Jahres erst in der Neustadt, bald darauf
auch in der Altstadt die schlimme Beulenpest ausbrach und die
meisten Einwohner ihre Häuser wegen der Desinfection freiwillig
oder gezwungen räumten. Die Maurer bauten sich auf freiem
Felde Hütten, um weiterarbeiten zu können; aber der Zimmer⸗
meister war, als er eben den Dachstuhl zusammensetzen sollte,
eines Tages verschwunden und ist, aus Furcht vor der Pest, noch
nicht wiedergekommen. Hierdurch wurde die Vollendung des so
nothwendigen Hausbaues nicht nur endlos verschleppt, sondern
es erwuchsen dem Bauleiter auch eine Unmenge von Schwierig⸗
keiten, Ersatz an Arbeitern zu finden, alles das selbst zu besorgen,
was der Zimmermeister hätte beschaffen müssen, nach den unver⸗
meidlichen Unterbrechungen die Maurer immer wieder zu gewin⸗
nen ꝛc. Das hat unserm Näther viel Kummer bereitet, schlaflose
Nächte verursacht, zumal er sich dadurch in der Missionsarbeit
fast völlig lahmgelegt sah.

Und nun kam die letzte, schwerste Heimsuchung. Während
am Haus wieder fleißig gearbeitet wurde und die Seuche in der
Stadt völlig erloschen schien, erkrankte das fast siebenjährige älteste
Töchterlein des Lehrers Adirubam, ein frommes, fleißiges Kind,
am Fieber und starb nach wenigen Tagen am 6. Februar früh
Morgens. Man schöpfte noch keinen Argwohn, daß es die Pest
gewesen sein könnte, aber am Abend wurde die Mutter, Luisal,
zu früh von einem Knaben entbunden. Die bestellte Hebamme kam
nicht, weil sie bereits argwöhnisch war; so halfen Samuels Frau,
Frau Näther und ihr Kindermädchen der Wöchnerin in ihrer schwe⸗
ren Stunde und setzten sich dabei unbewußt großer Gefahr aus.
Am 7. Februar, einem Sonntag, starb Mittags das kleine Kind,
und nun wurde die Ueberführung der ganzen Familie nach dem
Pesthospital und dem abgesonderten Lager (Segregation Camp)
angeordnet. Zuvor aber reichte der Missionar der pestkranken
Luisal, welche ein schönes Glaubensbekenntniß ablegte, und ihrem
Mann das heilige Abendmahl; Abends begrub er den kleinen
Knaben im Missionsgarten, und als er ihn, um ihn doch nicht
wie einen Hund zu verscharren, in eine Kiste betten half, schlug
ihm von der kleinen Leiche der Pestgeruch entgegen. Offenbar
wurde dabei der Krankheitsstoff auf ihn übertragen, denn schon
am nächsten Tage stellten sich Schmerzen in den Achselhöhlen und
leichtes Fieber bei ihm ein. Trotzdem ging er seiner Arbeit nach,
half selbst bei der Räumung und Desinficirung der Nebengebäude
und begrub Abends die am Morgen verschiedene Luisal auf einem
besonderen Begräbnißplatz in der Nähe des Pesthospitals. Am
Dienstag vermehrten sich die Schmerzen, und da von den Pest⸗
beamten niemand nach ihnen sah, ging er Nachmittags selbst ins
Hospital zum Apotheker, einem eingeborenen Unterarzt, um sich
untersuchen zu lassen. Und der Apotheker bestätigte ihm, daß
die Schmerzen von entstehenden Pestbeulen herrührten. Mit
welchen Empfindungen der Bruder darauf nach Hause ging, ist
schwer zu beschreiben. Aber er bestellte nun sein Haus in größter
Selbstbeherrschung und Treue, schrieb noch an seine greisen
Eltern, an den Missionsdirector, an die Bank in Madras, berief
die Familie Samuels und ermahnte sie, treu bei der lutherischen

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