Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 11 › Seite 167

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. Mai 1904, Seite 167

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***

ausgquartirt.

der nur von Christi Gnaden lebt, zum Tode bereitet hat.

r TutperaneEN.

167

ö e zu bleiben, ermahnte die heidnische Dienerschaft, in dieser

hzeit ihr Vertrauen nicht auf einen falschen, sondern auf den
hren Gott zu setzen und ihre Herrschaft nicht zu verlassen, und
daͤnn nahm er, immer in der Entfernung stehend, Abschied von
den Geschwistern und seinen Kindern. Diese wurden der treuen
Obhut seines Schwagers Naumann übergeben und alsbald in
seinem Schlafzimmer entgegengesetzten Hälfte des Hauses
ö untergebracht, am folgenden Tage aber ganz in das Schulgebäude
Nur seine Frau blieb bei dem Kranken, der, um
ihr Arbeit und Berührung mit ihm möglichst zu sparen, sich selbst
einen reinen weißen Anzug anzog und sich dann zu Bette legte.
Sie ist die Zeugin gewesen, wie er sich als ein demüthiger Sünder,
Auch

am Mittwoch⸗Morgen war er, bei geringem Fieber, noch ganz

ö

bei Besinnung; er betete mit seiner Gattin für sie und die Kin⸗
der, für seine Eltern und Geschwister. Es war ihm gleich gewiß,
daß er sterben würde, und nicht eine Klage darüber, daß er in der
Mitte seiner Tage davon müsse, entfloh seinen Lippen. Er hatte

alles seinem Gott anheimgestellt.

Mittwoch⸗Nachmittag kam Schreiber dieses, durch einen
Boten benachrichtigt, aus dem nahen Barugur auf dem Zweirad,
um zu sehen, ob er nicht helfen könne. Es war ihm bald klar,

daß Frau Näther allein mit der Pflege nicht durchkommen könne
cGhatte doch der Apotheker kaltblütig erklärt, daß sie wahrscheinlich

auch die Pest bekommen würde). So blieb er da und half pflegen.

Der Kranke wurde in dieser zweiten Nacht sehr unruhig, litt viel,
und am Donnerstag stieg das Fieber bedeutend. Er kannte nur
seine Frau und mußte Tag und Nacht bewacht werden, daß er

nicht aus dem Bett spränge; Hülfe mußte immer zur Hand sein.

ö Freitag frühzeitig ließ das Fieber nach, die Temperatur wurde

sogar normal, dagegen quälten ihn nun die von der Pestbeule
in der linken Achsel in Arm und Schulter ausstrahlenden Schmer⸗

zen heftig. Warme Leinsamenaufschläge brachten ihm keine Lin⸗

derung, ja, es entstand nun noch eine Beule am Halse, und
die Schmerzen preßten ihm oft den Seufzer aus: „Mach End,
o HErr, mach Ende mit aller unsrer Noth“, welche Worte ihm
seine Gattin, als er im Fieber lag, nebst vielen andern Lieder⸗
versen und Bibelsprüchen oft vorgebetet hatte. Er erkannte jetzt
seinen Pfleger und dankte ihm wiederholt in rührender Weise für
sein Kommen; alle kleinen Trübungen des brüderlichen Verhält⸗
nisses wurden in herzlicher gegenseitiger Vergebung abgethan,
und noch einmal sprach sich der Leidende über seinen Kampf mit

der Leipziger Mission aus, dessen Abschluß ja gerade zehn Jahre

zurucklag. Er sei, versicherte er, durch seinen alten Adam stets
in der Gefahr gewesen, ein völliger Atheist zu werden; wer ihm
das Wort Gottes ungewiß mache, der überliefere ihn völligem
Unglauben, und darum habe es sich ihm in diesem Kampfe um
alles gehandelt. Auch das heilige Abendmahl hätte er jetzt gern
empfangen; am ersten Tage hatte es ihm sein Schwager ange⸗
boten, er es aber nicht angenommen, um ihn nicht der Gefahr

der Ansteckung auszusetzen; er wolle sich der bei dem letzten

Genuß empfangenen Vergebung trösten. Nun aber quälten ihn
die Schmerzen so sehr, und wir andern hatten sammt dem Apo⸗
eker so gute Hoffnung auf seine Genesung, daß wir gerne
zustimmten, als er bat, am folgenden Tage, wenn die Schmer⸗

nachlassen würden, das Abendmahl zu feiern. Es kam
ber anders.

Durch die Freundlichkeit des englischen Districtsbeamten
wurde uns Donnerstag-Abend eine in Krishnagiri angestellte
Pflegerin (plague nurse) zur Hülfe gesandt, welche für den
größten Theil der Nacht die Wache übernahm. Auch der Kranke
schlief endlich besser und war am Morgen noch sehr müde. Er
fragte nach seiner Frau, weil er gewohnt war, sie gleich um sich
zu sehen, und als er hörte, sie schliefe noch, sagte er: „Da will
ich auch noch schlafen.“ Und so kam es; von da an schlief er
meistens. Der Apotheker that keine Schritte, eine der Beulen zu
öffnen; ob es angezeigt gewesen wäre, entzieht sich natürlich
unserm Urtheil. Gegen Mittag fiel seiner Umgebung das Er⸗
kalten der Gliedmaßen auf. Jetzt erst wurde es uns klar, was
das alles zu bedeuten habe; der Apotheker, schnell benachrichtigt,
brachte noch eine Einreibung, worauf das Röcheln des Athems
fast ganz verschwand. Als er den Kranken noch einmal anrief,
antwortete dieser: „It's time'' — das waren seine letzten klaren
Worte. Ja, es war Zeit, daß der HErr seinen getreuen Knecht
erlöste von allem Uebel, um ihn in sein himmlisches Reich auf⸗
zunehmen. Bald nachdem der Apotheker uns wieder verlassen
hatte — er, der Heide, entfloh fast, aus Furcht vor dem Tode —,
segneten wir den theuren Gatten und Bruder unter viel Thränen
zum Sterben ein. Sein letzter Kampf war nicht schwer; fein
sanft und stille löste sich die unsterbliche Seele von dem müden
Körper. Es war Sonnabend, den 13. Februar, Nachmittags
23 Uhr.

Für das Begräbniß, das der Heimgegangene sich zwischen den
Gräbern seiner Kinder ausgebeten hatte, sorgten die Regierungs⸗
beamten; andere Leute durften ja den Missionsgarten jetzt über⸗
haupt nicht betreten. Um 7 Uhr war ein einfacher Sarg fertig,
und nun konnte die theure Leiche, mit dem weißen Talar bekleidet
und ein Rosensträußchen in den Händen, eingesargt und vor das
Haus gestellt werden. Erst gegen 9 Uhr konnte bei Lampenlicht
das Begräbniß stattfinden; außer den heidnischen Todtengräbern
waren nur die trauernde Wittwe, ihr Bruder, Lehrer Samuel
und der alte Simeon zugegen. Missionar Naumann verlas,
nachdem wir auf der Veranda des Hauses aus dem Liede „Wer
weiß, wie nahe mir mein Ende“ die Lieblingsverse des Heim⸗
gegangenen gesungen hatten, Schriftwort und Gebet. Auf dem
Wege zum Grabe sangen wir in tamulischer Sprache: „Christus,
der ist mein Leben“, und am Grabe hielt der Unterzeichnete die
vollständige Liturgie nach der Agende, welche mit einer Ueber⸗
setzung des „Mitten wir im Leben sind“ beginnt und mit den
zwei letzten Strophen von „Nun laßt uns den Leib begraben“
schließt.

Eine Grab⸗ oder Gedächtnißrede konnte weder an diesem
Abend noch am folgenden Sonntag-Morgen gehalten werden,
denn nun begann sofort durch Regierungsangestellte die völlige
Desinficirung des Hauses und seines gesammten Inhaltes, Möbel,
Bücher, Wäsche und Kleider inbegriffen. Das brachte uns für
die folgende Woche viel Arbeit, so daß wenig Zeit blieb, dem
Schmerze nachzudenken. Gleichzeitig mußte aber auch die schon
vorher eingeführte Abtrennung der Mutter von ihren Kindern
und Geschwistern noch zehn Tage lang aufrecht erhalten werden,
um weiterer Ansteckungsgefahr möglichst vorzubeugen. — Am
Sonntag-Vormittag starb auch noch der Lehrer Adirubam, der
seiner Zeit schon in Trankebar als Buchbinderlehrling unter Mis⸗
sionar Näther gestanden hatte und später unter seiner Leitung

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