Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 8 › Seite 116

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. April 1905, Seite 116

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Glaube 3 · Vergebung · Vergebung 6 · Vergebung 7 · Rechtfertigung 12

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116

S er „Tutherans

Die Vergebung der Sünden.

5.
Die rechte Lehre vom Glauben.

In der vorigen Nummer habe ich dir, lieber Leser, erst die
falsche Lehre vom Glauben gezeigt und dann die rechte Lehre.
Mit dem zweiten Punkte war ich aber noch nicht fertig. Ich
habe dir aus der Schrift bewiesen, daß die durch Christum ge⸗
schehene Versöhnung der ganzen Welt die Rechtfertigung
der ganzen Welt ist, besonders aus 2 Cor. 5, 19.: „Gott
war in Christo und versöhnete die Welt mit ihm selber und rech⸗
nete ihnen ihre Sünden nicht zu.“

Nun höre weiter, was dieser so wichtige Spruch noch sagt.

5. „Gott war in Christo, und versöhnete die Welt mit ihm
selber, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, und hat
unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöh⸗
nung.“ Das Wort von der Versöhnung ist das Evange⸗
lium, „darinnen offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor
Gott gilt“, Röm. 1, 17. Daß Gott in Christo war und die
Welt mit sich selber versöhnte und ihnen also ihre Sünden nicht
zurechnete; daß durch Christum „die Rechtfertigung des Lebens
über alle Menschen kommen“ ist, Röm. 5, 18.; daß Gott in
Christo die ganze Sünderwelt absolvirt, das heißt, ihr die
Sünden vergeben und sie gerechtfertigt hat; daß daher unsere
Rechtfertigung und die Vergebung unserer Sünden schon ge⸗
schehen und eine vollendete und ganz fertige Sache und Thatsache
ist — das wird uns durch das Evangelium offenbart, an⸗
gezeigt, mitgetheilt, als frohe Botschaft berichtet. ö

Das wird uns durch das Evangelium aber nicht nur
offenbart. Das Evangelium „ist eine Kraft Gottes“,
Röm. 1, 16.: es gibt uns auch die in Christo schon vorhandene
Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die Gerechtigkeit,
die vor Gott gilt. Wie eine gute Tausenddollar⸗Banknote, die
auf unsern Namen lautet und uns gegeben wird, uns nicht nur
offenbart, anzeigt, mittheilt, berichtet, daß tausend Dollars
für uns da sind, sondern uns tausend Dollars wirklich gibt,
weil sie ein „Werthpapier“ und (daß ich so sage) eine Kraft ist: so
ist das Evangelium eine Kraft Gottes und gibt uns das, was
es uns offenbart und worauf es lautet, nämlich Vergebung der
Sünden, Rechtfertigung, Gerechtigkeit durch IEsum Christum,
ja Christum selbst. Und das durchaus ohne Bedingung.
Wir brauchen nicht erst noch dies oder das zu thun, nicht erst hin
und wieder zu laufen, um das zu erlangen, was das Evangelium
uns offenbart. Nein, im Evangelium und durch das Evange⸗
lium und mit dem Evangelium haben wir das, worauf es lautet,
nämlich Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung,
die vor Gott geltende Gerechtigkeit durch Christum,
Christum selbst. Wenn wir etwa sagen: „O wie erlange
ich nun die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die Ge⸗
rechtigkeit, die vor Gott gilt, und den lieben Heiland JEsum
Christum, von dem das Evangelium mir sagt?“ dann wird uns
diese Antwort: „Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf
gen Himmel fahren? (Das ist nicht anders, denn Christum
herabholen.) Oder, wer will hinab in die Tiefe fahren? (Das
ist nicht anders, denn Christum von den Todten holen.) ..
Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in

deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir
predigen“, Röm. 10, 6—8. Daher sagt auch der HErr JEsus
zu seinen Jüngern: „Ihr seid jetzt rein um des Worts
willen, das ich zu euch geredet habe“, Joh. 15, 3.

Ja, durch das Wort, durch das Wort vom Glauben, durch
das Evangelium wird uns die durch Christum für die ganze Welt
erwirkte Vergebung der Sünden und Rechtfertigung offenbart
und gegeben, frei und ohne alle Bedingung gegeben.

Es ist also nicht wahr, daß Gott uns durch das Evan⸗
gelium die durch Christum geschehene Versöhnung anzeigt und
zugleich sagt, welche Bedingung wir erfüllen müssen, damit er
uns nun wirklich die Sünden vergebe und uns rechtfertige —
daß wir nämlich zuvor glauben müssen. Ehe vom Glauben
die Rede sein konnte, hat Gott ja die ganze Welt und uns ge⸗
rechtfertigt und uns die Rechtfertigung durch das Evangelium
offenbart und gegeben.

6. Und doch müssen wir glauben, um in den Besitz und
Genieß der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung zu
kommen. Die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung,
die für uns längst da ist und die uns durch das Evangelium
geoffenbart und gegeben wird, müssen wir annehmen, auf sie
vertrauen, uns auf sie verlassen, sie glauben. Das ist doch
klar! Nehmen wir die Vergebung der Sünden und die Recht⸗
fertigung nicht an, mißtrauen wir dem göttlichen Schriftwort,
verlassen wir uns nicht auf Gottes Schrift und Siegel, sondern
werfen wir die uns Vergebung der Sünden und Rechtfertigung
zuschreibende Schenkungsurkunde als ungültig weg — nun, so
kommen wir nicht in den Besitz und Genieß der Vergebung
der Sünden und der Rechtfertigung. Was hat ein Narr von
einer Tausenddollar⸗Banknote, wenn er sie als ein werthloses
Stück Papier in den Ofen wirft? Das Evangelium ist das
Mittel, durch welches das, was in Christo längst für uns fertig
und da ist, nämlich die Vergebung der Sünden, oder die Recht⸗
fertigung, uns offenbart und gegeben wird — das Evangelium
sollen wir glauben, annehmen, darauf vertrauen, uns darauf
verlassen; dann haben wir, was es enthält, nämlich die Ver⸗
gebung der Sünden, die Rechtfertigung aus Gnaden durch
Christum. „Christus ist des Gesetzes Ende.“ Christus
hat für uns alle Forderung des Gesetzes erfüllt, für uns allen
Fluch des Gesetzes getragen. Christi Werk gilt für uns alle.
Wir haben, um vor Gott gerecht zu werden, mit dem Gesetz
nichts mehr zu thun. An Stelle des Gesetzes tritt das Evange⸗
lium, welches uns Christum, der unsere Gerechtigkeit ist, offenbart
und gibt. „Wer an den glaubet, der ist gerecht“,
Röm. 10, 4. Christus spricht: „Gehet hin in alle Welt und
prediget das Evangelium aller Creatur. Wer da glaubet
und getauft wird“ (die Taufe gehört zum Evangelium und
ist ein mit dem Wort verbundenes sichtbares Zeichen, durch
welches uns die Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung
gegeben wird), „der wird selig werden; wer aber nicht
glaubet, der wird verdammt werden“, weil er die im
Evangelium gegebene Vergebung der Sünden wegwirft, Mare.
16, 15.16. So müssen wir allerdings glauben, um in den
Besitz und Genieß der Vergebung der Sünden und der Recht⸗
fertigung zu kommen.

Aber es ist nicht wahr, daß wir durch den Glauben Gott,
der uns durch die Versöhnung so weit entgegengekommen ist, nun

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