Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 10 › Seite 154
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. Mai 1908, Seite 154
Scan: Internet Archive, from the Graduate Theological Union's copy (one item per issue).
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
154
Der 2„uthieranessss
dienet“, geschenkt. Nun geht voran, auf das Ziel zu! Diese
Erinnerung hat der Apostel mit Bedacht seiner Ermahnung
zum Fortschritt vorangestellt. Ohne die hier genannten Vor⸗
bedingungen ist an einen Fortschritt gar nicht zu denken. Fort⸗
schritt bedeutet ohne Zweifel, daß man vom Schlechten zum
Guten fortschreitet, daß man besser wird. Und zwar reden
wir jetzt, wie gesagt, nicht vom Fortschritt auf weltlichem, bür⸗
gerlichem Gebiet, im Ackerbau, in den Industrien, im Handel,
in der Stadt⸗ und Landesverwaltung, sondern vom Fortschritt,
vom Besserwerden auf geistlichem Gebiete. Wer hier besser,
Gott ähnlich werden will, der muß erst einsehen und zugeben,
daß er schlecht, ganz schlecht ist, und daß ihm niemand helfen
kann als der allmächtige Gott. Wer noch in dem Wahn steckt,
er habe manches Gute an sich, er kriege oft fromme Gedanken,
er nehme sich viel Gutes vor — wenn er auch nicht alles aus⸗
führe —, der fängt seinen Fortschritt an, ehe er gehen gelernt,
ja ehe er Leben hat. Jemandes Natur empfängt man, jeman⸗
des Kind wird man, nicht indem man es sich vornimmt zu
werden, sondern indem man dazu gemacht wird durch die Ge⸗
burt. Gottes Natur muß man von Gott bekommen. Gott
allein kann sie geben. Dazu hilft keinem Nikodemus sein
Wissen und keinem Paulus sein Eifer. Hier hilft allein, daß
man klein, ja nichts wird in seinen eigenen Augen, daß man
gänzlich an sich selbst verzagt. Aus solchem Nichts schafft Gott
ein Etwas zum Lobe seiner Herrlichkeit und Krast.
Das tut er durch die Predigt von dem Sünderheiland.
Er lehrt es einen erkennen, was die Ursache gewesen ist, warum
Gottes Sohn Mensch geworden und gestorben ist, nämlich daß
arme Sünder an ihm als ihrem Stellvertreter die Erlösung
durch sein Blut, die Vergebung der Sünden hätten und ohne
Verdienst gerecht würden. Er lehrt einen das erkennen durch
das Wort, das diese Tatsachen verkündigt, ohne und wider des
Menschen natürliche Vernunft und natürlichen Willen. Er
schafft, daß der Mensch es annimmt, er weiß selber nicht wie,
daß er mit einem neuen Verstande begreift, was Gott ihm sagt,
und mit einem neuen Willen ergreift, was Gott ihm beut.
An diesem Punkte, im ersten Augenblicke des von Gott
gewirkten Glaubens an die Gerechtigkeit Christi, die Gott dem
Sünder schenkt, beginnt nach der Lehre unserer Kirche der wahre
Fortschritt himmelwärts, Gotte zu. Vorher ist nichts als Tod
und Feindschaft wider alles Gute. Wir halten dafür, daß alles
wahrhaft göttliche, geistliche Leben nur von Gott in einem
Menschen gewirkt wird, daß allein Gottes Sohn uns Gottes
Gnade zu solchem Wirken erworben hat, daß Gott dieses Wirken
nur durch seinen Geist in uns vollzieht, daß der Geist dazu nur
Gottes Gnadenwort, das Evangelium, und jede Ordnung, an
die eine evangelische Verheißung geknüpft ist, gebraucht, und
daß dieses Evangelium nur in der Schrift zu suchen sei. Will
jemand diesen Handel anders angreifen, etwa so, daß er an⸗
nimmt, es sei göttliches Leben von Natur in ihm; Christi Werk
sei nicht sowohl die Sühne für der Menschen Schuld als viel⸗
mehr ein Vorbild für ihren Wandel; der Heilige Geist verleihe
einem Menschen wohl seinen Beistand, damit er sich bessern
könne, aber er sei nicht der eigentliche Schöpfer des geistlichen
Lebens im Menschen; das Evangelium sei nicht wesentlich eine
Verheißung, ein freies Gnadenangebot Gottes, sondern es sei
eine Forderung, es stelle eine Bedingung, nämlich die, daß
man daran glaube, und der Geist wirke auch ohne das Evan⸗
gelium; endlich, der Mensch könne auch ohne und über die
Schrift vermöge seiner Vernunft über Gott und göttliche Dinge
richtig reden und lehren: nach dieser Weise glauben wir aller⸗
dings, daß itgendwelcher Fortschritt auf göttlichem Wege un⸗
möglich ist. Wir haben keine Kunde, daß je ein Mensch, von
solchen Anfängen ausgehend, ans Ziel gelangt ist; aber wir
haben es erlebt und erleben es noch, daß solche Lehren Zweifler
und Verzweifler schaffen; daß die Frömmigkeit, die sie wirken,
nicht tiefer geht als die Haut am Leibe, und daß die Vertreter
dieser Lehren ihre Sprache und. Lehrform beständig wechseln,
bald dies, bald jenes hervorkehren, als müsse jeder in diesem
Stücke seine besondere Weisheit und Kunst zeigen. Wir fangen
allen Fortschritt mit der neuen Geburt an und lehren die von
Gott gewirkte Buße und den von Gott geschenkten Glauben als
das allererste und notwendigste Stück dazu. Wir glauben, daß
amerikanische Energie und der Fortschritt des zwanzigsten Jahr⸗
hunderts in diesem Punkte nicht den geringsten Unterschied
machen, daß der moderne Mensch gerade so tot in Sünden ist,
wie alle Menschen seit Adams Fall vor ihm gewesen sind, und
daß auch dem modernen Menschen das Wort des SErrn gilt:
„Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch.“
2.
Aber was ist nun Fortschritt? Der gottgewollte Fort⸗
schritt eines gläubigen Menschen ist zunächst eine Flucht. Das
klingt widersinnig, entspricht aber ganz der Natur der Sache.
Petrus setzt voraus, daß diejenigen, welche teilhaftig werden
der göttlichen Natur, „fliehen die vergängliche Lust der Welt“.
Eine Folge der Erkenntnis, die Gottes Berufung bei einem
Gläubigen wirkt, ist, daß er das gottlose und gottwidrige Dich⸗
ten, Trachten und Tun der Menschen, wie sie von Natur sind,
von Herzen verabscheut, und zwar nicht bloß die groben, augen⸗
fälligen Laster der Welt, ihren Bauchdienst und Fleischesdienst
und ihre Hoffart, sondern alles, wozu die Welt Lust hat, ihre
Gesinnung, ihre Denkart, ihre Urteilsweise. Von der Welt
erwartet der Gläubige keine Weisheit aufs Ewige, keinen An⸗
sporn zum Göttlichen. Der Beginn des neuen Lebens in ihm
war Abkehr von der Welt, also kann sein Fortschritt im Leben
nicht Hinkehr zur Welt sein. Das wäre ja ein offenbarer
Widerspruch; sein Fortschritt würde dann in Rückschritt be⸗
stehen. Also weg von den Anschauungen über Gott und gött⸗
liche Dinge, die bei der Welt in Umlauf sind, hin zu der Lehre
der von Gott eingegebenen Schrift! — das ist wahrer Fort⸗
schritt. Jede Bewegung, die darauf abzielt, die Kirche mit der
Welt zu befreunden, die Ansichten und Weisen der Welt in die
Kirche einzuführen, Predigt, Gottesdienst und kirchliche Tätig⸗
keit so zu gestalten, daß auch unbekehrte Menschen daran Ge⸗
fallen finden können, das können wir keinen Fortschritt, son⸗
dern nur einen Fall zurück in den alten Kot nennen. Die
Kirche hat keinen Beruf, sich mit der Welt zu verbrüdern, son⸗
dern nur, sie zu bekämpfen und zu besiegen.
Zum andern ist der gottgewollte Fortschritt eines gläu⸗
bigen Menschen eine emsige, vielseitige Tätigkeit zur Heiligung
des Lebens, zum göttlichen Wandel. „So wendet“, sagt Petrus,
„allen euren Fleiß daran und reichet dar in eurem Glauben
Tugend“, oder Kraft, das heißt, ein männliches, entschlossenes
Auftreten gegen die bekannten drei Seelenfeinde; „und in
der Tugend Bescheidenheit“, das heißt, ein weises Verhalten,
das vor übereifer bewahrt; „und in der Bescheidenheit Mäßig⸗;
keit“, das heißt, Selbstbeherrschung, Selbsteinschränkung, be⸗
English translation
Not yet translated.