Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 10 › Seite 155

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. Mai 1908, Seite 155

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gemeindeglied 15

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15⁵

nders im Gebrauch der christlichen Freiheit; „und in der
äßigkeit Geduld“, nämlich im Aushalten in Gefahren, Trüb⸗
salen und Verfolgungen, die der wahre Glaube zu erdulden
at; „und in der Geduld Gottseligkeit“, das heißt, ehrfurchts⸗
polle Erinnerung an den Willen Gottes in allem, was man
als Christ tut, läßt oder leidet; „und in der Gottseligkeit
brüderliche Liebe“, das heißt, innige Zuneigung zu den Glau⸗
bensgenossen und herzliche Teilnahme an ihrem Wohl und
Wehe; „und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe“, das
heißt, allgemeine Gütigkeit und Gefälligkeit allen Menschen
gegenüber. Das ist der Chor der Christentugenden. Eine
folgt der andern, eine erwächst aus der andern, eine wirkt mit
der andern. Schritt für Schritt schreitet der gläubige Mensch

auf dem hier gezeichneten Wege vorwärts, wächst in Heiligkeit
und Gerechtigkeit und wird reich an guten Werken. An der
Spitze dieses Tugendchors steht als Leiter der Glaube; und alles

hier beschriebene Tun gipfelt in der Liebe. Aus dem Glauben
fließt, in der Liebe betätigt sich jeder Trieb zum göttlichen Fort⸗

schritt. Nun ist zu beachten, daß der Apostel diesen Teil seiner

—

Rede mit einer Schlußfolgerung beginnt: „So wendet nun“,

das heißt, also, weil uns allerlei seiner göttlichen Kraft
(was zum Leben und göttlichen Wandel dienet) geschenket ist
durch die Erkenntnis des, der uns berufen hat, „darum
wendet allen euren Fleiß daran“, das gleichsam als Frucht
darzureichen, wie ein guter Baum, wozu euch Gott allerlei
seiner göttlichen Kraft gegeben hat. Und er schließt diesen Teil
seiner Rede mit den Worten: „Denn wo solches reichlich bei
euch ist, wird es euch nicht faul noch unfruchtbar sein lassen in
der Erkenntnis unsers HErrn JEsu Christi.“ Also die Er⸗
kenntnis Gottes oder, was dasselbe ist, der Glaube der Be⸗
rufenen und Erwählten ist nicht ein müßiges, beschauliches
Wissen, nicht eine Bereicherung und übung des Verstandes
und befähigt ihre Besitzer nicht bloß zum Grübeln über gött⸗
liche Dinge, zum Ersinnen neuer Lehren, zu künstlichen Schrift⸗
auslegungen und zum Disputieren, sondern alle Erkenntnis,
aller Glaube der Christen hat einen praktischen Zweck. Das
Wissen der Christen muß in Tun umgesetzt werden. Nur darum
studiert die Kirche Gottes Wort, begünstigt sie das Studium
der alten Schriftsprachen, errichtet sie Schulen, nur darum
predigt sie unablässig und veröffentlicht Schriften, damit Men⸗
schen tun, tun, tun lernen, immer mehr und immer besser
tun lernen, was Gott will. Die Welt in allen ihren Ständen
zu durchsäuern, den Gehorsam des Glaubens, die tätige Liebe
in den Häusern und in den Städten aufzurichten und die Lande
zu erfüllen mit dem Lobe Gottes und unsers Heilandes, dahin
richtet sich das Streben der Kirche. Und das ist gottgewollter
Fortschritt. Aber eine bloße Begeisterung für Verstandeskul⸗
tur, ein ewiges Lernen, ohne zur Erkenntnis zu kommen, ein
fortwährendes Aufbauen und Wiederniederreißen von gelehrten
Systemen, ein endloses Fragen und Verneinen, selbst wenn
man dabei Berge von Büchern verfertigt und alle Welt mit
seiner Gelehrsamkeit in Erstaunen setzt, das können wir keinen
Fortschritt nennen. Das ist im besten Falle tote Kopferkennt⸗
nis, meistens aber etwas Schlimmeres, nämlich Feindschaft
gegen den Geist Gottes, der zum fröhlichen Werk des Glaubens
treibt. Der wahre Glaube ist durch und durch praktisch, geht

—— ———
.

hinaus und greift ein in allen Lagen des menschlichen Lebens
und wandelt und veredelt der Menschen tägliches Sinnen,
Reden und Handeln.

3.

Der Apostel schließt mit einer Warnung und Ermunte⸗
rung. Die Warnung lautet: „Welcher aber solches“, nämlich
die vorhin aufgezählten Früchte der Erkenntnis, „nicht hat, der
ist blind und tappet mit der Hand und vergisset der Reinigung
seiner vorigen Sünden.“ Der Apostel redet zu den Berufenen,
den Christen. Er nimmt an, daß möglicherweise in der Kirche
Leute oder Gruppen von Leuten sein könnten, die sich damit
begnügen, daß sie Gottes Wort, Kirchen und Schulen und dar⸗
in die reine Lehre haben, die aber sonst faul und unfruchtbar
sind in der Heiligung ihres Wandels und in ihrer Mitbetäti⸗
gung im Werk der Kirche. Das sind betrogene Menschen.
Man hat von einer toten Rechtgläubigkeit in der Kirche geredet.
Gerade unsere Zeit tadelt die Kirche laut und heftig, weil sie
ihren Beruf verfehlt habe, weil sie zu sehr ob der Reinheit der
Lehre halte und sich zu wenig um praktisches Christentum be⸗
kümmere. Der Einwand ist verfehlt. Genau genommen, gibt
es so etwas wie tote Rechtgläubigkeit gar nicht. Kein toter
Glaube ist ein rechter Glaube. Wer nicht tut, was er zu
glauben vorgibt, der glaubt überhaupt nicht; dessen Erkenntnis
ist Finsternis und dessen Wandel das Tappen eines Blinden.
Das sagt aber einem solchen Menschen nicht die Welt; diese
lobt vielmehr solche öden Moralprediger, die es verstehen, über
göttliche Dinge allerlei fromme Reden zu führen; sondern
das sagt ihm die Kirche. Jede rechtschaffene Predigt
straft einen solchen Menschen, und dieser Strafe sucht der
Mensch aus dem Wege zu gehen. Er verschließt seine Augen
dem Licht der reinen Lehre. Es blendet ihn; er geht unsicher
bald nach rechts, bald nach links aus der Bahn, er sucht Schat⸗
ten gegen das Licht, bis er schließlich vor eine Entscheidung
gestellt wird, nicht ausweichen kann und sich dann als glaub⸗
loser Mensch offenbart, der sich der Reinigung seiner vorigen
Sünden vergeblich rühmt, der eine Rechtfertigung ohne Hei⸗
ligung haben will.

Die Ermunterung lautet: „Darum, lieben Brüder, tut
„desto mehr Fleiß, euren Beruf und Erwählung fest zu machen;
denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln. Und also
wird euch reichlich dargereichet werden der Eingang zu dem
ewigen Reich unsers HErrn und Heilandes IEsu Christi.“
Mit einem doppelten Hinweis zurück in die Vergangenheit und
vorwärts in die Zukunft schließt der Apostel. Er erinnert an
die ewige Erwählung. Durch dieselbe hat Gott die Seligkeit
eines Menschen fest gemacht. Und sie soll fest werden in dem
einzelnen eben auf diesem Wege, daß die berufenen Auserwähl⸗
ten im Glauben das Verdienst Christi zu ihrer Rechtfertigung
ergreifen und so zum göttlichen Leben wiedergeboren werden,
und daß sie dann auch die ihnen geschenkten göttlichen Kräfte
zum göttlichen Wandel ausnützen, emsig wuchern mit ihren
Pfunden. Vor ihnen liegt die Himmelspforte, des Glaubens
herrliches Ziel. In diese sollen sie einziehen nicht wie Schiff⸗
brüchige, die eben noch das nackte Leben hinüberretten an das
selige Gestade und zufrieden sind, daß sie durch ein enges
Pförtlein hineinschlüpfen können in das Reich der Herrlichkeit,
sondern wie Sieger, die beutebeladen, reich an Trophäen heran⸗
ziehen und denen der Eingang zum ewigen Reich Christi weit
aufgetan wird. Einen solchen Einzug wünscht der Apostel
seinen Hörern.

Das sei auch unser Ziel, eines jeden unter uns insonder⸗
heit und unser aller gemeinschaftliches Ziel. Dazu diene diese

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