Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 10 › Seite 156
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. Mai 1908, Seite 156
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8 Der V„Tutheraned
unsere synodale Vereinigung und die gegenwärtige Versamm⸗
lung. Der Geist Christi ruhe auf dieser Synode. Der HErr
segne den Präses und die Beamten dieses jungen Distrikts; er
erfülle die Synodalen aus dem Lehrer⸗ und Hörerstande mit
seiner Gnade und Kraft und lasse es diesem Distrikt gelingen,
auf seinem großen, hoffnungsvollen Gebiete den einen, ewigen,
Welt bezwingenden Glauben zu verkündigen, der immer vor⸗
wärts, niemals rückwärts strebt, dem Ziele zu, welches uns
vorhält die himmlische Berufung in Christo. Amen. D.
Die deutsche Freikirche.
Drei Gespräche.
2.
Ernst: Was wir neulich über die deutsche Freikirche ge⸗
sprochen haben, habe ich meinem Vater erzählt. Der meinte
aber, es sei doch nichts mit der Sache. Wenn es mit den Lan⸗
deskirchen in Deutschland wirklich so stände, wie du sagtest, so
sollten die Leute lieber hierher kommen. Denn drüben wäre
das doch nur eine Hungerleiderei, geistlich und leiblich. Ganze
Gemeinden würden sich nicht von der Landeskirche separieren
oder trennen, und wenn nur hier ein paar Leute und da ein
paar Leute austräten, so könnten sie sich doch schwerlich einen
Pastor berufen und erhalten, und wenn sich mehrere kleine
Häuflein zusammentäten, einen Pastor zu besolden, so könnte
der doch nicht an allen Orten zugleich sein, und so müßten sie
geistlicherweise Hunger leiden. — Mir leuchtete das sehr ein,
und ich erinnere mich auch, einmal gelesen zu haben, daß die
Gründer unserer Missourisynode auch ausgewandert sind aus
Deutschland und hier nicht nur ihr gutes Auskommen im Leib⸗
lichen gefunden haben, sondern auch zur Bildung eines ordent⸗
lichen Kirchenwesens gekommen sind. Sollte man nicht unsern
Brüdern in Deutschland den Rat geben, daß sie es machen wie
jene? Sie würden hier mit Freuden aufgenommen werden,
und manche kleine Gemeinde bei uns könnte solch einen Zu⸗
wachs aus Deutschland gut brauchen. Und die freikirchlichen
Pastoren könnten dem Pastorenmangel hier, über den immer
geklagt wird, abhelfen. So wäre ihnen und uns geholfen.
Gerhard: Das glaube ich wohl, daß es mancher un⸗
serer kleinen Gemeinden gut täte, solch einen Zuwachs zu er⸗
halten, zumal ich unter den freikirchlichen Lutheranern in
Deutschland manche ernste Leute gefunden habe, denen der
Bau und die Ausbreitung der Kirche am Herzen liegt. Sie
sind ja meist erst durch schwere Kämpfe zur Freikirche gekom⸗
men; denn das Austreten ist durchaus keine leichte Sache.
Auch die Pastoren der Freikirche würden wir wohl brauchen
können. Sie sind wenigstens an Arbeit und an Kampf ge⸗
wöhnt. Denn jeder von ihnen hat mehrere Plätze zu bedienen,
was oft mit langen und beschwerlichen Reisen verbunden ist.
Und Feinde haben sie auf allen Seiten. So könnte man ihnen
schon den Rat geben, daß sie hierher kommen sollten. Aber es
fragt sich nur, ob sie den Rat befolgen wollen und können.
Ernst: Warum sollten sie das nicht? Es muß ihnen
doch selbst daran gelegen sein, in bessere kirchliche Verhältnisse
zu kommen. Dazu würden sich die meisten wahrscheinlich auch
im Leiblichen verbessern. Und besonders den Pastoren wäre
es zu gönnen, daß das geschähe. Denn wenn die Gemeinden
so klein sind, werden sie ihnen nicht viel Gehalt geben können.
Darum wird ja eben auch immer um Unterstützung für die
Freikirche gebeten. Das geht, wie mir mein Vater sagt, schon
lange so. Er ist vor achtzehn Jahren einmal auf der Synode
unsers Distrikts gewesen als Deputierter. Da ist ein Pastor
von drüben, ich glaube gar, es war der Präses, da gewesen
und hat von der Not der Leute erzählt und auch eine ganz.
schöne Kollekte bekommen. Was soll denn daraus endlich
werden? Die Pastoren werden älter und müssen dann auch
noch etwas bekommen; denn sie werden sich kaum etwas zurück⸗
legen können für ihr Alter. Es sterben welche und hinterlassen
arme Witwen. Die Handvoll Leute können doch unmöglich
neben dem, was sie den Pastoren geben, auch noch die Witwen
unterstützen. Wenn sie aber alle hierher kämen, wäre es für
unsere große Synode kaum zu merken, was dafür etwa mehr
gegeben würde. Ich kann mir also gar nicht denken, daß jene
einen solchen Rat, wenn er ihnen einmal ernstlich vorgelegt
würde von berufener Seite, nicht befolgen sollten. Die Tren⸗
nung von der alten Heimat mag ja schwer sein, aber wie man⸗
cher wandert nur um zeitlichen Gewinnes willen aus, und hier
ift doch beides zu gewinnen, bessere leibliche und geistliche Ver⸗
sorgung. Und zu verlieren hätten sie eigentlich gar nichts!
Gerhard: Ich denke nur, die Leute können dem
Rate nicht folgen.
Ernst: Du meinst wohl, weil sie zu arm sind, um das
Reisegeld zusammenzubringen? Nun, dem wäre ja abzuhelfen.
Anstatt daß wir alle Jahre 1000 Dollars oder mehr hinüber⸗
schicken, müßten wir dann eben einmal eine ordentliche Kol⸗
lekte erheben, um die Überfahrt für die zu bezahlen, die sie
nicht selbst bezahlen können. Dann wäre aber auch Ruhe für
immer!
Gerhard: Nein, an das Geld dachte ich nicht. Ich
möchte dich vielmehr fragen: Kann man den Leuten die Aus⸗
wanderung zur. Gewissenspflicht machen? Kann man
sagen: Gott gebietet euch, wie einst dem Abraham: „Gehe
aus deinem Vaterland und aus deiner Freundschaft und aus
deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will!“?
Ernst: Daran denkt doch niemand!
Gerhard: Nun, man hat schon daran gedacht.
Gründer der Missourisynode aus Sachsen auswanderten, da
hatte ihr Führer, der später als Ver führer offenbar wurde,
ihnen gesagt, Gott geböte jetzt den Auszug. Und weil sie sich
zu sehr an diesen Menschen gehängt hatten, so sahen es wirklich
auch die meisten als eine Gewissenspflicht an, auszuwandern.
Daraus ist viel Herzeleid entstanden, und die, welche damit
wirklich ihre Pflichten vernachlässigt hatten, die sie in der Hei⸗
mat hatten, haben es bitter bereut und ernstlich dafür Buße
getan. Zwar stand es ja damals in Sachsen so, daß ihnen
schließlich nichts übrig blieb als Auswanderung. Denn in der
Landeskirche herrschte der Rationalismus, und die Bildung
freier, vom Staate unabhängiger Gemeinden war nach den be⸗
stehenden Gesetzen gar nicht möglich. Hätte man so etwas da⸗
mals versucht, so wären die Pastoren ins Gefängnis geführt
und die Gemeindeglieder an Geld gestraft worden, wie es in
Preußen und Nassau mit den Lutheranern wirklich geschehen ist,
die sich der Einführung der Union nicht fügten. Aber immer⸗
hin war es unrecht, die Aus wanderung den Leuten zur
Gewissenspflicht zu machen. Denn was Gott nicht geboten hat,
darf kein Mensch uns aufs Gewissen legen. Den Austritt
Als die
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