Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 10 › Seite 190
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. Mai 1915, Seite 190
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— utßeraned 5.2
hoch, zu behaupten, jetzt habe Rußland im Vergleich mit Deutsch⸗
land eine gerechte Sache, denn in Deutschland trinke man
nach wie vor sein Bier, während Rußland Buße getan und den
Alkohol verbannt habe! Daß die deutschen Heere Maß halten
können, auch ohne Getränk gehen können, wenn es gilt, aktiven
Kriegsdienst zu leisten, hingegen die russischen Truppen voll⸗
ständig außer Kontrolle geraten wären, wenn man ihnen den
Branntweingenuß gestattet hätte, also sicherlich im deutschen Heere
das höhere Maß sittlicher Kraft hierin zutage getreten ist, über⸗
sehen solche Beurteiler. G.
——
Kriegsbilder.
Aus Tsingtau,
der von den Japanern nach heldenmütigem Widerstand eroberten
deutschen Festung an der Küste Chinas, schrieb am 23. Januar
Missionssuperintendent C. J. Voskamp folgendes:
„Als ein Leser des Lutheraner“, der seit dreißig Jahren
durch Verwandte in Pittsburgh das Blatt erhält, erscheine ich
vor Ihnen. Wie Sie aus den Zeitungen erfahren haben, ist
Tsingtau, die deutsche Kolonie im Norden Chinas, nach einem
hartnäckigen Widerstande bon den Japanern erobert worden. Von
meinen beiden Söhnen, die auf den Schanzen standen, ist der
zweite, Gerhard, in der Nacht vom 4. zum 5. November durch
einen Schuß tödlich getroffen worden. Ich durfte noch andert—
halb Stunden lang im Lazarett an seinem Bette sitzen und des
Knaben Sterben mit ansehen. Er betete das „Christi Blut und
Gerechtigkeit' und schied im Frieden. Der Gouverneur der
Kolonie, der Hauptmann der Schanze, auf der er fiel, sandte mir
im dicksten Kugelregen einen Soldaten mit einem Briefe, in dem
er mir sagte, daß er in dem knabenhaft aussehenden Jüngling
einen unerschrockenen Helden kennen gelernt habe.
„Als am 7. November morgens unsere Verschanzungen von
den Feinden, die sich wie in Port Arthur durch den Felsenboden
bis unter die Stacheldrahtverhaue gearbeitet hatten, genommen,
und das arme, abgemattete Häuflein Deutscher umringt war, und
die Leute, wie geblendet vom Sonnenlicht, nach dem neuntägigen
Bombardement auf die Infanteriewerke wie verwirrt dastanden,
erscholl plötzlich das Kommando des frommen Feldwebels meines
Sohnes, Bunge: „Wir singen das Lied „Ich bete an die Macht der
Liebe.““ Und die Helme in der Hand, sangen die Soldaten, und
der Gesang zog wie ein heiliger Gruß des Friedens von Schanze
zu Schanze, von Meer zu Meer, und aus den andern Ver⸗
schanzungen erklang es zum Staunen der regungslos dastehenden
Japaner: „Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der
Liebe mich versenken.“
„Mein ältester Sohn, der in Pittsburgh sich treu zu der
lutherischen Kirche gehalten und im Kirchenvorstand gewirkt hat,
ist in der Gefangenschaft. Er mußte ins Lazarett, verwundet an
den Händen, und nach seiner Genesung wurde er mit den übrigen
aus dem Lazarett in die Gefangenschaft geführt. Gottes Wille
geschehe! ‚„O IEsu, daß dein Name bliebe! Ins Herz mir
drück' ihn tief hinein!“
„Unter dem furchtbaren Feuer, das hintereinander neun
Tage und Nächte anhielt, und das die Japaner, unterstützt von
dem englischen Panzer ‚Triumph“, auf die schier offene Stadt er⸗
öffnet hatten, sind auch unsere Missionshäuser arg beschädigt
worden.“
Der greise Kaiser Franz Joseph
hat folgenden wahrhaft bewegenden Brief an die Kinderwelt sei⸗
nes Reiches gerichtet:
„An die lieben Kinder unsers Reiches. Wenn ich, an der
Schwelle des Grabes, in so ernster Stunde an Euch mich rihnr
Zeit.
geliebte Kinder, geschieht es aus mehrfachen Gründen. Einmal
wart ihr immer die Freude, der Trost, ja oft in schweren Zeiten
meines langen Lebens der einzige Trost und die einzige Freude
Eures Kaisers und Königs. Wenn ich Euch sah, traf mich in den
Schatten meines Daseins wieder ein Sonnenstrahl. Ihr seid es,
Kinder, die dem Herzen Eures Kaisers und Königs am nächsten
stehen, die Blumen meines Reiches, die Zierde meiner Völker, der
Segen der Zukunft. Gott ist allmächtig; in seiner Hand liegt das
Schicksal aller Völker. Seinem Willen beugt sich alles, nach ihm
lenken sich die Sterne und die Menschen. Daß diese allmächtige
Gotteshand Ssterreich-Ungarn hüte und bewahre, es über seine
zahlreichen Feinde siegen und im Siegen erstarken lasse zu Gottes
Ehre und Verherrlichung, das ist noch das einzige, was mir nach
einem an Trübsal reichen Leben zu wünschen übrigbleibt. Es war
mein Wunsch, als ich so jung und hoffnungsfreudig auf den Thron
meiner Väter stieg; es wird der Wunsch sein, der bald vielleicht
auf meinen sterbenden Lippen als das Wort der letzten Liebe und
Sorge für meine Länder, meine Völker verweht. Gott lenkt alles
so, wie er es will. Wir Menschen vermögen nichts außer ihm
und ohne ihn. Da ihr, liebe Kinder, Gott zunächst steht, bittet
Euch Euer Kaiser und König: Betet, daß er uns segne und unserer
Sache seine Gnade schenke! Darum laßt nicht ab, zu beten mit
gefalteten Händen, ihr Kleinen und ihr Kleinsten! Wenn des
Reiches Kinder für ihr Vaterland beten, weiß ich, unser Stern
steht gut. Dann seid Ihr mit teilhaftig am Sieges⸗ und Ehren⸗
tage des Reiches.
Fahnen, auf unser Heer. Liebe Kinder, vergeßt nicht das Reich,
dem ihr auf Erden zugehört, und seinen alten Kaiser!“
Königin Wilhelmina von Holland
richtete folgenden schönen Weihnachtsgruß an ihr Volk: „Wir
haben viel Ursache zum Danken in unserer großen, aber schweren
Es herrscht ein erhebendes Gefühl der Einigkeit und Zu⸗
sammengehörigkeit. Je mehr die Not steigt, um so stärker wird
die Liebe. Kräftig regt sich das Bedürfnis zu innerer Einkehr,
zum Gebet; es wird viel, es wird heiß gebetet. Kein größerer
Widerspruch ist denkbar als die Verheißungen Gottes zum Heile
der Menschheit und das Leid und der Schmerz, unter dem jetzt
die Welt leidet. Aber nie hat uns das Licht jener ewigen er⸗
barmenden Liebe heller entgegengestrahlt als in diesem Feste
unsers Heilandes. Hat er doch auch, um uns in dem Elend zu
trösten, dessen Zeuge wir augenblicklich sind, unsere Gestalt an⸗
genommen! Wie die sonnenbestrahlte Landschaft sich im Glanze
der Ruhe und des Friedens badet, so strahlt Friede und Freude
herab auf das Herz, das sich ihm aufschließt, sooft seine Liebe es
bescheint. Darüber jubelt die Engelschar auf Bethlehems Ge⸗
filden. Das Kindlein IEsus ist zu jeder Zeit mit dem Anspruch
auf viel Vertrauen aufgetreten. Diese Forderung erhebt es im⸗
mer noch. Uns geziemt es, ihm dieses Vertrauen zu schenken.
Laßt uns mit den Hirten im Gebet mit all unsern Nöten und
Fragen zur Krippe und zum Kreuz gehen, bis schließlich unser
Fragen verstummt, und unser Gebet und Glaube zur Anbetung
werde. Wilhelmina.“
Todesanzeigen.
P. em. Karl Richard Riedel wurde am 8. Juni 1822 f
zu Rottersdorf im Herzogtum Sachsen geboren und daselbst von
seinem Vater, P. E. F. Riedel, getauft. Im Jahre 1849 wan⸗
derte er nach Amerika aus. Durch die große Predigernot be—
wogen, trat er im Jahre 1851 in das theologische Seminar zu
Fort Wayne ein und bestand dort sein theologisches Examen im
Jahre 1853. Nachdem er von dem seligen D. Wunder ordiniert
Ihr habt den Segen herabgefleht auf unsere ö
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