Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 12 › Seite 218

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juni 1915, Seite 218

217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wiederkunft · Zeit

⤓ Download .txt · copy text

218

S Der 2 utherane

Lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des
Glaubens Genossen!“ (XII, 337.) Es ist ein Stück unserer
christlichen Freiheit, daß wir das Wieviel unserer Gaben selbst
bestimmen.

Es ist aber ein erschrecklicher Mißbrauch der christ—
lichen Freiheit, wenn die Christen die Freiheit vom Zehnten
dahin gebrauchen, daß sie Christo für sein Reich nun möglichst
wenig oder gar nichts geben. Sie gebrauchen dann die Frei—
heit zum Deckel der Bosheit ihres Fleisches. Sie tun dann
das, wovor der Apostel Petrus mit den Worten warnt: „Als
die Freien und nicht, als hättet ihr die Freiheit zum Deckel
der Bosheit“, 1 Petr. 2, 16. Gott hat den neutestamentlichen
Christen das Joch der Knechtschaft, des Zwanges, des Zehnten,
abgenommen in der Absicht und Erwartung, daß sie ihm nun
nicht weniger, sondern mehr dienen, ihm williglich opfern
in heiligem Schmuck, ihr ganzes Gut ihm zur Verfügung
stellen und ihm tatsächlich inmmer das einhändigen, was er
gerade nötig hat. Und siehe da, sie enttäuschen nun Gott,
so zu sagen. Gott hatte seine Not mit den Juden, die ihn am
Zehnten betrogen und entweder an der Quantität oder Quali—
tät des Zehnten abzubrechen suchten. Man lese zum Beispiel
nach Mal. 1, 8; 3, 8ff. An der letzteren Stelle heißt es:
„Ist's recht, daß ein Mensch Gott täuschet, wie ihr mich
täuschet? So sprechet ihr: Womit täuschen wir dich? Am
Zehnten und am Hebopfer.“ So hat Gott auch jetzt seine
Not mit den Christen. Den Zehnten hat er ihnen abgenom—
men in der Absicht, daß sie ihm nun in Freiheit desto fleißiger
dienen. Aber sie mißbrauchen die Freiheit. Statt in Freiheit
etwa 11 Prozent zu geben, benutzen sie die Freiheit, um Gott
mit 1 Prozent oder noch weniger abzufinden.

Es hat jemand nicht uneben gesagt, daß der schwächste
Christ inuchristlicher Freiheit da anfangen sollte, wo der Jude
aufgehört hat, nämlich mit 10 Prozent, um dann in chrift—
licher Freiheit danach zu trachten, immer höher zu kommen.
Das tun ja auch manche unter uns. Aber wir müssen auch
klagen mit Luther: Viele, viele Christen mißbrauchen die Frei—
heit zum Deckel der Bosheit! Dieser Mißbrauch der Freiheit
fand sich freilich schon in der apostolischen Kirche, und Paulus
bezeichnet denselben als eine Verhöhnung Gottes mit den Wor—
ten: „Irret euch nicht; Gott läßt sich nicht spotten!“ Gal. 6, 7.
Nach dem Zusammenhang redet der Apostel hier gerade vom
Geben der Christen. Das Fleisch der Christen in der aposto—
lischen Kirche war gerade so boshaft wie das Fleisch der Chri—
sten zu unserer Zeit. Daher gebraucht der Apostel Paulus
auch so starke, erschreckliche Worte: „Irret euch nicht; Gott
läßt sich nicht spotten!“

Dieser Mißbrauch der christlichen Freiheit fand sich auch
zu Luthers Zeit. Es ist ja bekannt, welch bittere Klagen Luther
darüber anstimmt. Er sagt: „Zuvor, da man dem Teufel diente
im Papsttum, war jedermann barmherzig und milde; da gab
man mit beiden Händen fröhlich und mit großer Andacht, den
falschen Gottesdienst zu erhalten. Jetzt, da man billig sollte
milde sein, gerne geben und sich dankbar erzeigen gegen Gott
für das heilige Evangelium, will jedermann verderben
und Hungers sterben, niemand nichts geben, sondern nur
nehmen. Zuvor konnte eine jegliche Stadt, danach sie groß
war, etliche Klöster reichlich ernähren, will geschweigen der
Meßpfaffen und reichen Stifte; jetzt, wenn man nur zwo oder
drei Personen, die Gottes Wort predigen, Sakrament reichen,

Kranke besuchen und trösten, die Jugend ehrlich und christlich ö
unterweisen, in einer Stadt ernähren soll und noch dazu nicht
von eigenem, sondern fremdem Gut, das vom Papsttum her

überblieben ist, da ist jdermann schwer zu.“ (St. L. XI, 301.)
An einer andern Stelle sagt Luther: „Im Papsfttum war kein

Maß, und es hatte kein Ende mit Geben und Zulegen, den
ungöttlichen, falschen Gottesdienst damit zu erhalten. Daher
sind gekommen die Stifte und Klöster, die fürstlichen Bistümer,
die gewaltigen Reiche der Kardinäle und Päpste; da hat der
Teufel können zublasen wider Christum und die Leute zu solcher.
Mildigkeit und ungöttlichen Gaben antreiben. Denn solches

hat ihm wohl geschmeckt, und die Leute dienten damit der Ab⸗

götterei und Gotteslästerung, so zu der Zeit öffentlich gelehrt
worden. Darum haben die Dompfaffen, Bischöfe und Abte
alles vollauf gehabt, so sie doch ein gemeiner Schade und Ver—

derben“ (wir würden jetzt sagen: a public nuisance) „der

ganzen Welt gewesen sind. Sie sind dick, stark und fett ge—
worden.“ Dagegen sagt Luther von der Behandlung rechter
Lehrer zu seiner Zeit an manchen Orten: „Siehe doch die
Pfarrherren auf den Dörfern hin und wieder an, wie ihrer
so viel erbärmlicherweise vor Hunger und Durst schier ver—
schmachten müssen, haben oft nicht, daß sie ihren Kindlein ein
Hemd kaufen.“ (St. L. II. 1235 f.)

Es steht ja, Gott sei Dank, bei uns nicht so schlimm wie
zu Luthers Zeit. Luther hatte es, was er ja auch beklagte,
nit landeskirchlichen Verhältnissen zu tun. Er war noch nicht
dahin gekommen — was er allerdings anstrebte —, diejenigen
zu sammeln und von der Welt abzusondern, die mit Ernst Chri⸗
sten sein wollten. Wir haben in unserer amerikanisch⸗luthe—
rischen Kirche diese Sammlung derer, die mit Ernst Christen
sein wollen. Was bei uns der Welt angehören will, bleibt
von vornherein außerhalb unserer Gemeinden. Aber der Miß—
brauch der christlichen Freiheit in bezug auf das Geben für das.
Evangelium, das wir so reichlich haben, findet sich auch in
unserer Mitte. Wir müßten ja unsere Augen verschließen
gegen offenbare Tatsachen, wenn wir das nicht zugestehen
wollten, und wir müssen durch Gottes Gnade diesen Mißbrauch
derschristlichen Freiheit abzustellen suchen. Das sind wir unserm
Heiland schuldig: das sind wir der Kirche schuldig. Das
sind wir uns selbst schuldig, wie noch näher darzulegen ist.

Was für Anzeichen haben wir dafür, daß wir in der ö
Zeit des letzten, großen Abfalls leben?

Es wird alsdann eine große Trübsal sein, als nicht ge⸗ 4
wesen ist von Anfang der Welt bisher, und als
auch nicht werden wird. Und wo diese Tage nicht.

würden vertürzt, so würde kein Mensch selig; aber

um der Auserwählten willen werden die Tage ver— 4 ö
kürzt. Matth. 24, 21. 22. —

Betrachte nrit Ernst, o Leser, die HErrnworte, die unserer 1
Betrachtung vorangestellt sind, und verstehe sie recht. Sie sind
zu dir geredet, so du ein Jünger JEsu bist, und sollen dir
dienen zur Warnung und zum Trost.

Von kommender großer Trübsal, von einer Trübsal, wie.
sie die Welt vorher nie gesehen hat, redet der Heiland und
nennt damit ein Zeichen des kommenden Gerichts. Wie, ge—
hört auch dieses Zeichen zu denen, die „in großer Zahl ge—
schehen“ sind? Sind die Tage der unermeßlich großen Trüb—

„

English translation

Not yet translated.