Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 12 › Seite 230
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juni 1915, Seite 230
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230 Der Tutheranes
schrieb, trage ich neben meinem Soldbuch bei mir. Gebe Gott,
daß er nicht in die Hände meiner Lieben zu kommen braucht!
Den Tod Lis habe ich erfahren, und soeben lese ich in der
Zeitung, daß Leutnant R. auch gefallen ist. Zwei Schulkame⸗
raden; Gott gebe ihnen die ewige Seligkeit! Ich zage darum
nicht. Ich stehe in des Allmächtigen Hand. Sein Wille ge—
schehe! Hofft und betet zu ihm!
(Aus einem Lazarettbrief. Beschreibung einer Schlacht.)
Da sahen wir auch schon vor uns die Franzosen. Die Ent⸗
fernung war nicht abzuschätzen, da es schon zu dunkel war. Nun,
da wir ganz allein waren, glaubten wir, unser letztes Stündlein
hätte geschlagen. Die Franzosen brauchten nur einen Sturm-—
angriff zu machen, und wir wären der übermacht erlegen. Wir
eröffneten ein rasendes Feuer, und — gleich nach den ersten
Schüssen war der Feind verschwunden. Sofort ließ ich das Feuer
einstellen, Patronen zurechtlegen und eingraben, so schnell es
ging. Jeder horchte gespannt in die Dunkelheit hinein. Furcht⸗
bare Augenblicke waren es für uns; bei jedem Geräusch vor uns
flogen die Gewehre an die Backe, denn für uns schien dies nur
die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Da rasselte es hinter uns,
nachdem wir vielleicht eine Stunde so gelegen hatten. Unsere
Maschinengewehre kamen heran und gingen sofort zwischen und
neben uns in Stellung. Nun waren wir einigermaßen beruhigt.
Wir gruben uns tiefer ein, arbeiteten furchtbar; die Erregung
verlieh uns neue Kraft. Da kam unser Regiment im Laufschritt
heran und ging gleichfalls sofort in Stellung, uns von unserer
schweren Arbeit ablösend.
Jetzt erst atmeten wir auf, als wir erfuhren, daß auch andere
Regimenter links und rechts von uns schon in Gefechtsbereitschaft
wären. Auch frische Bedienungsmannschaften der Artillerie kamen
heran, und wir konnten einem Nachtangriff der Franzosen getrost
entgegensehen. Jedoch nichts ließ sich hören; nur in unsern
Reihen hörte man in den Ruhepausen der Grabenden ein
leises Murmeln. Lieber Leser, dieses Murmeln habe ich
oft gehört, selbst im stärksten Granatfeuer. Dieses Murmeln ist
Gebet. Hier hat ein jeder ohne Ausnahme das Beten wieder
gelernt.
Selbst die Verpflegungsanstalten für Krüppel
hatten in Ostpreußen Schweres unter dem Kriege zu leiden.
Superintendent Braun in Angerburg versendet namens der ost⸗
preußischen Krüppelanstalten folgenden Bericht:
„Unsäglich Schweres erduldeten unsere Krüppelanstalten mit
ihren 600 Pfleglingen durch Russeneinfälle. Beim ersten Einfall
erschossen sie grundlos drei alte Krüppel. Dann achtzehn Tage
voll Schrecken in Gewalt der Russen, die Anstalten völlig ausge⸗
plündert, die Krüppelscheunen mit voller Ernte niedergebrannt.
Beim zweiten Einfall, als die Russen in die Nähe kamen, er⸗
folgte angstvolle Flucht aller Krüppel. Sechs Tage im Eisen⸗
bahnwagen unterwegs. Nirgends Platz. Daher Rückkehr trotz
Geschützdonner. Die Krüppelanstalten dienen dem Vaterland
opferfreudig durch das Reservelazarett mit 250 Betten, Be⸗
speisung durchziehender Truppen und Beherbergung für Tausende
von Flüchtlingen.“
Welch unbeschreibliches Elend dieser Krieg doch im Gefolge
hat! Sind wir auch dankbar genug, daß unserm Land bisher
der Friede erhalten geblieben ist?
Todesanzeigen.
Nach seinem unerforschlichen Ratschluß hat Gott unsern
treuverdienten P. G. Büscher in der Kraft und Fülle seiner
Jahre aus gesegneter Amtswirksamkeit heraus zu sich in den
Himmel genommen. Am 30. Januar dieses Jahres dahinge⸗
*
schieden, erreichte Büscher, am 30. Dezember 1864 in Wittlage,
Hannover, geboren, ein Alter von 50 Jahren und 1 Monat. ö
Nach seiner Konfirmation wanderte er mit seinen Eltern und
Geschwistern nach Beardstown, Ill., aus. Er bezog im Jahre
1880 unsere Anstalt in Springfield, Ill. Nach zwei Jahren trat
er in unser Gymnasium zu Fort Wayne ein, wo er nach vier
Jahren sein Examen wohl bestand. Darauf bezog er unser Semi⸗
nar in St. Louis, wo er den dreijährigen Kursus absolvierte. +
Von der Missionsbehörde des Minnesota-⸗ und Dakota⸗Distrikts
wurde er als Missionar nach Sioux Falls, S. Dak., berufen, wo
er am 4. August 1889 ordiniert und eingeführt wurde. Mit
Eifer ging er ans Werk und predigte mit freudigem Auftun
seines Mundes das Evangelium vom Reich. Selbstverständlich
übernahm er auch die Schule, wie ihm überhaupt die Jugend
besonders am Herzen lag. Zehn Jahre lang wirkte er unter den
schwierigsten Verhältnissen in großem Segen in Sioux Falls.
Außerdem machte er im Auftrag der Missionsbehörde Missions⸗
reisen nach dem südwestlichen Minnesota und dem nordwestlichen
Jowa. Unter den größten Entbehrungen und in häufiger Lebens⸗
gefahr bereiste er auch das damals noch schwach besiedelte South
Dakota, besonders die neueröffnete Indian Reservation zwischen
den Black Hills und dem Missourifluß, wo jetzt überall blühende
Gemeinden anzutreffen sind. Büscher wandte auch seine Gaben?
an zum Dienst der Kirche, zum Beispiel durch Ausarbeitung der
Statistik im „Jahrbuch“ und durch übernahme des Visitatoren⸗
amtes. Im Jahre 1899 nahm er einen Beruf an nach Lester
Prairie, Minn., wo er im Segen wirkte. Nach drei Jahren jedoch
bekam er eines Sonntags auf der Kanzel infolge eines Herz⸗— 1
fehlers einen Ohnmachtsanfall. Solche Anfälle wurden mit der
Zeit so häufig, daß ihm die Ärzte Ruhe anrieten. Nach fünf⸗
monatiger Ruhe nahm er seine Arbeit wieder auf, bis er am
Karfreitag 1912 schier zusammenbrach. An dem Tage hielt er
seine letzte Predigt über „Christum, den Gekreuzigten“. Mit
schwerem Herzen mußte er dann sein Anit niederlegen und siedelte
mit seiner Familie nach St. Paul, Minn., über, wo er fast immer
ans Bett gefesselt war, bis der treue Gott ihn am 30. Januar
von seinem Leiden befreite und zu sich in seinen Himmel nahm.
— Eine große Trauerversammlung stellte sich am 2. Februhr
ein, zu welcher sich seine früheren Nachbarpastoren, Pastoren von
St. Paul und Umgegend, die Professoren unserer Anstalt sowie
auch Glieder seiner früheren Gemeinde bei Lester Prairie ein⸗
fanden. Im Hause amtierte der Unterzeichnete. In der Kirche
spendete P. Kuntz, sein Seelsorger, Trost unter Zugrundelegung
von Röm. 8, 28. Sein früherer Klassengenosse, Prof. Mönke⸗
möller, hielt ihm einen Nachruf in englischer Sprache über Phil.
3, 20, und in der Kapelle auf dem Gottesacker leitete P. Erthal
die Schlußfeier. — „Die Lehrer aber werden leuchten wie des
Himmels Glanz und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie
die Sterne immer und ewiglich.“ Theo. Rolf.
Am 15. Mai starb im Glauben an seinen Heiland nach
längerem Leiden P. C. H. Bursiek im Alter von 47 Jahren
und 24 Tagen. Er wurde geboren am 21. April 1868 in West⸗
falen, Deutschland. Er kam 1883 nach Amerika und studierte
auf unserm Seminar zu Springfield. Nach Vollendung seiner
Studien trat er 1894 das heilige Predigtamt an als Pastor der
Gemeinde zu Lake Ridge, Mich. Später bediente er die Ge⸗
meinde zu Matteson, Ill. Zuletzt diente er seinem Heilande im
Amt an der Gemeinde in Chandlerville, Ill. Hier mußte er vor
neun Jahren sein Amt, das ihm lieb geworden war, wegen kör⸗
perlicher Gebrechen, die er sich in einem Eisenbahnunglück zu⸗
gezogen hatte, niederlegen und zog aufs Land in Wyoming.
Seine letzte Krankheit ergriff ihn sechs Wochen vor seinem Ende.
Ganz zuletzt begleitete ihn seine treue Gattin noch nach Excelsior
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