Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 12 › Seite 228

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juni 1915, Seite 228

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228 S= SE Der 2.HuthicranesV.

nicht leicht, ihnen zu helfen. Was wünschen Sie zu wissen?“
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht so freundlich sein wollten
und mir beweisen, daß Christus wirklich existiert.“ „Warum
soll ich das tun? Das interessiert Sie ja nicht, wenn Sie ein
Ungläubiger sind. Das kann Ihnen doch gleichgültig sein.“ „Ja,
ich möchte es wissen.“ „Warum wollen Sie das wissen?“ „Ich
fühle mich sehr elend, und nichts will meine Seele befriedigen.
Da habe ich mich denn heute abend gefragt, ob ich wohl einen
Beweis dafür finden könnte, daß Christus wirklich existiert.“
„Gesetzt den Fall, dies gelänge Ihnen, was dann?“ „Nun,
vielleicht würde ich dann ein Christ.“ „Ist das der Mühe wert,
da Sie ein Ungläubiger sind?“ „Ach, ich fühle mich so elend
und verloren.“ „Das ist kein Wunder; das geschieht Ihnen
auch ganz recht, und ich habe gar keine Lust, Ihnen auch nur
fünf Minuten zu widmen, um zu versuchen, Ihnen zu beweisen,
daß Christus existiert.“ „Warum nicht?“ „Weil es unter den
Umständen nicht der Mühe wert ist. Ich glaube auch nicht, daß
man einem, der die Bibel nicht für wahr hält, das beweisen kann,
weil er sie für Torheit hält.“ „Ich wünsche, Sie würden doch
den Versuch machen. Sie haben keine Idee, wie elend ich mich
fühle.“

„Vielleicht versuche ich es; wir wollen uns aber erst über
einen Punkt verständigen. Wenn Sie mir eine Frage beant—
worten und mir beweisen wollen, was ich zu wissen wünsche,
dann will ich zusehen, ob ich beweisen kann, was Sie zu wün⸗
schen wissen.“ „Darauf gehe ich gerne ein. Was ist es denn,
das ich Ihnen beweisen soll?“ „Ich möchte, daß Sie mir be⸗
weisen, daß Sie Ihrer Mutter eigener Sohn sind.“ „Ich sollte
meinen, das sei leicht genug.“ „Nun gut, dann machen Sie sich
gleich daran. Wie wollen Sie anfangen?“

Er saß eine Zeitlang nachdenkend da, und dann sagte er:
„Ich weiß wirklich nicht, wie ich das anfangen soll.“ „Da liegt
eben auch bei mir die Schwierigkeit, zu beweisen, daß Christus
existiert. Ich weiß nicht, wo anzufangen. Sehen Sie einmal zu.
Alles, was Sie mir sagen können, ist, daß Sie sich erinnern
können, daß in Ihrer Kindheit eine Person Sie gelehrt hat, sie
Mutter zu nennen, und diese Person nannte Sie ihren Sohn,
und das haben Sie beide bis auf diese Stunde getan. Ist das
richtigß?“ „Gewiß.“ „Sind Sie überzeugt, daß sie Ihre
Mutter ist?“ „Vollkommen.“ „Können Sie es beweisen?“
„Nein, aber ich bin vollkommen davon überzeugt.“ „Nun, ebenso
gewiß bin ich, daß Christus existiert. Vor vielen Jahren fing
ich an, ihn im Glauben meinen Heiland zu nennen und ihm nach
seinem Wort zu dienen; und er nennt mich sein eigen. Das
macht mich glücklich und zufrieden.“

„Wie kann ich denn mich selber davon überzeugen, daß er
existiert?“ „Um Ihnen zu helfen, will ich ein Beispiel ge⸗
brauchen. In Australien gibt es große Strecken Landes, die
mit Wald bedeckt sind, und die in der Volkssprache Busch“ ge⸗
nannt werden. Gesetzt, Sie wären dort und wären in den Busch
gegangen und, wie es schon so vielen armen Menschen gegangen
ist, hätten sich verirrt und könnten sich nicht aus dem Busch her⸗
ausfinden. Da bliebe denn nur eins übrig, nämlich stillzustehen
und aus Leibeskräften um Hilfe zu rufen. (Man hat in Austra⸗
lien einen besonderen Notschrei, der sehr weit hörbar ist.) Wenn
nun jemand, von dessen Existenz und Gegenwart Sie bisher keine
Kenntnis hatten, Ihren Notschrei hört, so antwortet er Ihnen,
und wenn Sie beide damit fortfahren, bis er seinen Weg zu
Ihnen und Sie Ihren Weg zu ihm gefunden haben, dann wird
er Sie den Weg führen, auf dem er zu Ihnen gekommen ist.

„Und nun sehen Sie: Sie haben Ihren Weg verloren,
und Ihnen bleibt nichts übrig, als daß Sie zu dem HErrn IEsu
Christo rufen. Er ist in der Nähe und wird Sie hören, ja, er
wird Ihnen antworten, darauf können Sie sich verlassen; und

—

wenn Sie ihn in seinem Worte suchen, wird er Sie aus der
Finsternis hinausführen in sein seliges Licht.“

„Das klingt einfach genug. Ich bin im Busch, in der
Finsternis, und kann keinen Ausweg finden.“ „Wollen Sie den
HErrn IEsum um Hilfe anrufen?“ „Ja, das will ich tun.“
„Dann knien Sie nieder und fangen Sie leid damit an.“

Er fiel auf seine Knie und fing an:

glaube es jetzt und komme als Verlorner zu dir. Hörst du mich?
Willst du mich retten?“ Er hielt inne. Nun fing ich an und
trug dem HErrn im Gebet vor, was jener mir von sich selber
erzählt hatte. Dann redete ich zu ihm von dem Sünderheiland
JEsu Christo, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen,
was verloren ist. Jetzt schaute ich ihm ins Gesicht, das zuerst
totenbleich war. Dann aber kam wieder Leben in die Gesichts—
züge, und zuletzt glitt ein seliges Lächeln über dieselben. Ich
fragte ihn nun: „Haben Sie eine Antwort auf Ihr Rufen ge⸗
hört?“ „Ja“, sagte er. „Existiert Christus?“ „Ohne allen
Zweifel.. „Wie wissen Sie das?“ „Er hat mich aus der
Finsternis geführt — er ist mein Heiland.“ „Sind Sie glücklich
und zufrieden?“ „Vollkommen.“

Nach einigen weiteren Worten schieden wir voneinander.
Nach mehr als Jahresfrist wurde ich eines Tages auf der
Straßenbahn von einem jungen Mann angeredet. „Erinnern
Sie sich meiner?“ fragte er. „Nein“, erwiderte ich. „Ich bin
der junge Mann, der Sie in H. an einem Abend nach der Ver⸗
sammlung um eine Unterredung bat.“ Er hatte eine Bibel in
der Hand, und indem er auf dieselbe zeigte, sagte er: „Ich lese
fleißig in diesem Buch; es ist herrlich, und es wird immer besser.
Ich bin sehr glücklich!“

—————

Das größte aller Güter.

Der berühmte Dichter Samuel Taylor Coleridge schrieb
zwölf Tage vor seinem Ende an einen jungen Freund einen
Brief, woraus nachstehendes ein Auszug ist:

„Ich habe erfahren, was es mit den Freuden und Gütern
dieser Welt auf sich hat, und welch edle Vergnügungen Gelehr—
samkeit und geistige Kraft geben können, und mit all der Er—
fahrung, welche mehr als sechzig Jahre geben, erkläre ich Dir
jetzt an dem Ende meiner Tage, daß Gesundheit ein großes
Gut ist; Auskommen, erworben durch ehrenvollen Fleiß, Ver—
wandte und treu zärtliche Freunde sind ebenfalls ein großer
Segen; das größte aller Güter, das Vorrecht, das mehr als
alle veredelt, indes ist — ein wahrer Christ zu sein. Lange
genug bin ich in meinem Leben ein Dulder gewesen, der mit
schweren Sorgen und immer wechselnden Schicksalen gekämpft,
die letzten drei oder vier Jahre die Krankenstube nicht verlassen
hat, und in diesem Augenblicke der größten Schwäche und Hin⸗
fälligkeit schreibe ich dies auf dem Krankenbette, ohne Hoffnung

auf Genesung und ohne Aussicht auf eine baldige Auflösung.

Und so am Rande des Grabes bekräftige ich Dir feierlich, daß
der allmächtige Erlöser gnädig in seinen Zusagen gegen alle die
ist, welche ihn suchen, treu erfüllt, was er verheißen hat, und
mir in allen meinen Schmerzen und in meiner Gebrechlichkeit
den inneren Frieden, der höher ist denn alle Vernunft, samt der
Gewißheit, einen versöhnten Gott zu haben, erhalten hat; der
in der Todesstunde seinen Geist nicht von mir nehmen und mich
zur rechten Zeit von allem übel erlösen wird. Unendlich beglückt
sind die, die schon früh Gott suchen, fürchten und lieben und 1
alles dem gerechten Walten ihres Erlösers und Heilandes an⸗
heimstellen, dem ewigen Hohenpriester IEsu Christo.“

„O SErr JEsu, ich
habe bisher nicht geglaubt, daß du wahrhaftig existierst; aber ich

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