Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 12 › Seite 229

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juni 1915, Seite 229

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Hast du ihm aufgetan?

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“

Hörst du des Heilands Klopfen wohl, mein Kind?
Wenn dir aus deiner Mutter süßem Munde
Von seinem Lieben kommt die erste Kunde,

Dir wird die Seele weit, die Träne rinnt:
Dann tritt dein Heiland an dein Herz heran,
Dann steht er vor der Tür und klopfet an.

Hast du ihm aufgetan?

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“
Die Welt mit ihrem Lärm umrauscht dein Herz;

1 Doch horch! auch durch das laute Weltgetriebe

Tönt heil'ges Glockenläuten seiner Liebe;

Und deiner Schuld und deiner Sehnsucht Schmerz
Löst dir, o Jüngling, deiner Seele Bann;

Dann steht er vor der Tür und klopfet an.

Hast du ihm aufgetan?

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“

Du gehst im Mittag schon, gebeugt von Last;
Es flattern um dein Haupt des Lebens Sorgen.
Doch hast du Stunden, vor der Welt verborgen,
Da sitzt du nieder, still, zu kurzer Rast;

Und sieh, es naht dir sündenvollem Mann

Mit heil'gem Gruß der HErr und klopfet an.
Hast du ihm aufgetan?

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“
Der andren Klopfen ist dir längst verhallt,
Denn es ist Abend, und die dunklen Schatten
Umzittern geisterhaft den Lebenssatten.
Die Gnadenzeit verrinnt, wer weiß, wie bald?
Doch tritt noch einmal IEsus Christ heran,
Noch einmal klopft er leise bittend an.
Hast du ihm aufgetan?
E. Quandt (Weihrauch und Myrrhen).

—— 2
——

Kriegsbilder.

Wozu soll der Krieg auch dienen nach Gottes Willen?
Der Sohn eines lutherischen Gemeindevorstehers, Gefreiter
im 2. Brandenburgischen Ulanenregiment, Nr. 11, hat vor fünf⸗
zig Jahren an seine Eltern vom Felde vor den Missunder Schan⸗
zen mit Bleistift einen Bief geschrieben (3. Februar), den das
„Luth. Kirchenblatt“ (Breslau) mitteilt als praktischen Beitrag
zur Beantwortung der Frage: „Wozu soll uns der Krieg nach
Gottes Willen dienen?“ und als lebendigen Anreiz zu ernstlichem
Gebete für die im Felde stehenden Söhne und Brüder, für den

König und das Vaterland insgemein in dieser ernsten Zeit.
ö „Die Gnade Gottes sei mit uns allen! Amen. Liebe
Eltern! Da es mir gelungen ist, glücklich und gesund von dem
!ersten und zweiten Gefechte mit zurückzukommen, fühle ich mich

Ietrieben, Ihnen bald Nachricht zukommen zu lassen. Liebe gute

Eltern und Geschwister! Gestern, als am 2. Februar, waren
x wir vorne. Aber es ist schrecklich; wer es nicht gesehen hat, kann
sich keine Vorstellung machen, wie das zugeht! Das dringt durch
alle Glieder, dies Gedonner der Unmasse von Geschützen, und wir
immer mit vorne! Wir waren zwar immer noch ein bißchen ge⸗
deckt; aber einen Ulanen und zwei Husaren dicht bei mir haben
sie gräßlich verwundet; einer fiel tot nieder — ohne die Un—
masse von Blessierten und Toten der Infanterie und Artillerie.
die Kugeln kamen in Masse angesummt, daß jeder dachte: Wann

kommt die Reihe an dich? Das ist schrecklich! Die Toten lagen
alle herumgestreut, auch Pferde, und die Verwundeten schrien
ganz jämmerlich. Wir waren zuerst alle so blaß wie die Leichen.
Wenn so eine Kugel angesummt kam, da bückten wir uns alle
herunter. Ach, so muß ja jedem, mag er so schlecht gewesen
sein, wie er will, sein Gewissen zittern, und er muß zurückdenken
an seine Lebenszeit. Ach! wie ich ja auch seufze; könnte ich bloß
alles noch einmal zurückwünschen! Ja, jetzt ist's zu spät. Aber
Gott, dem Allmächtigen, der so vielen schweren Sündern die
Sünde vergibt, will ich alle meine Sünden nochmal vorbeichten.
Wenn noch eine Rettung für ein verlorenes Schaf vorhanden ist,
ja, so glaube ich, Gott, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat,
die Sünder selig zu machen, der wird mir auch helfen und mich
erlösen. Wobei ich auch einen Schwur ablege: So wahr der
HErr lebt, wenn es beschlossen ist bei unserm HErrn JEsu
Christo, mich noch einmal aus diesem Jammertal herauszuführen,
will ich ihm ein rechtschaffener und gehorsamer Christ sein. Liebe
Eltern und Geschwister, Sie bitte ich noch flehentlich, bin auch
so schon überzeugt, daß Sie mich noch in Ihr Gebet recht oft ein—
schließen. Gott, der Allmächtige, erhört arme Sünder, die Buße
tun; er wird auch diesmal Ihren armen Sohn erhören. Ach,
liebe Eltern, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mir so
schrecklich zumute ist, auch bei all meinem Gebet so schauerlich,
wenn man die Leichen so herumliegen sieht, und sie die Ver⸗
wundeten geschleppt bringen, und wenn die Kugeln um einen
herumsausen, daß man jeden Augenblick denkt: Nun kommt dein
Ende! So muß denn doch ein jeder sich darein fügen und denken:
Du bist dazu berufen, und sich dem Allerhöchsten überlassen.“
.

Das Gebet im Schützengraben.

(Aus einem Feldbrief.) Wenn Tante E. mir den Rat gibt,
meine Kameraden zum Beten anzuhalten, so kann ich zu meiner
Freude versichern, daß ihre Mahnung nicht nötig ist. Ich er⸗
innere mich einer schönen Stelle aus dem Prachtwerk „Krieg und
Sieg 1870/71“. Dort sagt Harttung, der Festtag des Soldaten
sei die Schlacht, ein furchtbarer Festtag, der auch den Gottlosesten
beten lehre. Ja das ist wahr, im Donner der Schlacht, wenn die
Geschosse wie ein verderbenbringender Regenschauer daherprasseln,
Granaten rechts und links mit lautem Knall einschlagen, und der
Tod die Kameraden dahinmäht wie das Gras, wenn die Ver⸗
wundeten stöhnen und schreien, und das Blut in kleinen Bächen
über die Uniform fließt oder in Lachen am Boden steht, da lernt
einer das Beten, wenn er es noch nicht kann. Und viele suchen,
wenn sie kein Feldgebet⸗ oder ⸗gesangbuch beim Zug erhalten
konnten, diese kleine Büchelchen aus dem Tornister der Toten.
Wir haben ein Feldgesangbuch, das neben den schönen alten
Liedern in ihrer ursprünglichen Form einige Gebete und die
schönsten Psalmen enthält. Und morgens und abends sieht man
diese Heftchen in den Händen der Leute. Viele, ja die meisten
von ihnen beten abseits, damit man es nicht sehen soll, oder um
nicht gestört zu werden. Im Zelte abends hört man dagegen auch
leise oder halblaut Gebete sprechen. Mehr als zum Gebet kann
man die Leute dazu anhalten, nicht zu fluchen. Der Altbayer
flucht viel. Aber merkwürdig, vor einem Kampf hört man kein
böses Wort. Am Morgen vor der Schlacht bei B. las ich im
91. Psalm die Stelle: „Ob tausend fallen zu deiner Seite und
zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.“
Dies Wort machte mich ganz ruhig, und im dichtesten Kugelregen
blieb ich kalt und gelassen; nur die herzzerreißenden Schreie des
H., eines Freundes, erschütterten mich. Bei S. dagegen, ich ge⸗
stehe es ganz offen, bedurfte ich meiner ganzen Willenskraft und
Selbstüberwindung, um nicht zurückzubleiben. Aber ich bezwang
mich und ging vor. Ich bin auf den Tod gefaßt. Meinen Ab⸗
schiedsbrief, den ich in H. in Erwartung des ersten Kampfes

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