Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 4 › Seite 71
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Februar 1916, Seite 71
Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner72_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
SNr V„Tutheraned
71
DR. L. Schneller unter den gefangenen Turkos. Der be⸗
mkannte Verfasser der reizenden Bücher über Bibelkunde wie
„Kennst du das Land?“ „Apostelfahrten“ usw., Dr. Ludwig
Schneller, der früher in Jerusalem eine langjährige Tätigkeit
hatte, ist jetzt „Turkopastor“ geworden. In einem großen Kriegs⸗
gefangenenlager vermittelt er die Verständigung mit den ge—
fangenen Turkos, die dafür außerordentlich dankbar sind. Als
er zum ersten Male die verwundeten Turkos im Lazarett be⸗
suchte, entstand eine große Erregung unter ihnen. Sie freuten
sich wie die Kinder, im Feindesland ihre geliebten heimatlichen
Harabischen Laute zu hören. Ein besonders hochgewachsener Turko
hatte eine schwere Unterkieferverletzung. Die Arzte haben ihn
mit großer Mühe und Sorgfalt wiederhergestellt. Als ihn
Dr. Schneller fragte, wie er die Deutschen fände, hob er mit
Tränen den einen Arm auf — der linke war ihm abgenommen —
Tund sagte: „Wir Söhne der Araber können alle nicht fassen,
warum man uns hier in Deutschland so gut behandelt. Ihr geht
ja mit uns inn, als ob wir eure eigenen Kinder wären! In
unserer Heimat hätten wir es nicht so gut haben können.“ Die
unverwundeten gefangenen Turkos waren zunächst zurückhaltend.
Als aber Dr. Schneller ihnen von ihrer Heimat erzählte und ihnen
bewies, daß er dort Bescheid wußte, gewann er ihr Vertrauen,
und sie betrachteten ihn als ihren Freund. Sie erzählten, wie
sie ungern in den Krieg gegen Deutschland gezogen seien, aber
man habe sie mit blanken Säbeln in die Dampfschiffe hinein⸗
getrieben; wer sich geweigert hätte, sei niedergeschossen worden.
Selbst noch in Frankreich hätten sie versucht, dem verhaßten
Kampfe zu entgehen, aber man habe die Maschinengewehre hinter
ihnen aufgefahren, und so sei ihnen nichts übriggeblieben, als
vorwärtszugehen. (Apologete.)
Die zweite Kriegsweihnacht.
Meine Lieben!
Ich will heute wieder berichten. Es ist weiter nichts Neues
vorgekommen, und wir stehen dem Feind gegenüber, wie ich schon
in Brief 3 schilderte.
Unser Quartier liegt am Fuße der L.
zu reinigen und seine Sachen in Ordnung zu bringen. Da gibt's
Appell mit Waffen, Mänteln, Stiefeln, sauberem Drillich, ge—
waschener Wäsche usw. Auch ist allerlei sonst zu tun. Da wird
Dung gefahren, Kartoffeln ausgelesen, Straßen und Höfe ge—
säubert. An Ruhetagen findet Feldgottesdienst statt.
Am 25. ging unsere Abteilung in Feuerstellung; zwei Batte—
rien lagen vorne an der Front. Wir lagerten in einer tiefen
Waldschlucht hinter dem Dorfe D. Unsere Pferde hatten einen
großen, langen Stall, aus Holz gebaut. Wir wohnten in Wald—
hütten. Bei gutem Wetter war die Sache ganz schön. In den
letzten Tagen gab's aber Regen, dann war es nicht mehr gemütlich.
Abends fuhr unsere Batterie über dem Dorf in Feuerstellung,
daß, wenn die Franzosen einen Durchbruch versuchten, wir gleich
eingreifen konnten. Als Wache blieben drei Mann und ein Unter—
offizier bei den Geschützen.
Jene Nacht schliefen wir in der Kirche; das war kein Ver⸗
gnügen. Auf dem Steinboden war's kälter als in dem Wald.
Wir legten an beide Seiten Stroh. Es zog durch alle Ritzen,
die großen Fenster waren zertrümmert, da früher eine feindliche
Granate im Innern der Kirche krepierte, während Zivilisten vom
Dorfe darin waren. Zweiundzwanzig Personen, darunter auch
Kinder, fanden dabei den Tod. So trafen die feindlichen Schüsse
die eigenen Leute. Wir sahen die getrockneten Blutlachen auf
dem Boden und an der Wand, und es war nicht so schön, den
Kopf an die blutige Wand zu legen. Am Freitagabend sangen
war ein großer, schön geschmückter Baum aufgestellt.
Nun galt es, sich
wir patriotische Lieder. Ich lag unter meiner Decke und gedachte
der Lieben daheim. Die Kaméèraden sangen Lieder von der Hei—
mat, von Kindern, die hoffnungsfreudig auf den Vater warten,
der aber schon in Frankreichs Erde liegt. Es wird einem schwer
ums Herz. Neben mir hörte ich leises Schluchzen. Es war ein
Familienvater, der daheim Weib und Kinder hatte. Das Heim⸗
weh überkam ihn. Es ist nicht leicht, wenn dies über den Krieger
kommt. Montag ist Ablösung, wieder geht's hinab in die Quar⸗
tiere nach V.
Als wir zwei Tage im OQuartier lagen, kam die Nachricht,
daß beim zweiten Geschütz, welches wir vorher besetzt hatten, ein
Volltreffer einging. Drei tot, drei verwundet. Wären wir noch
dort gewesen, so hätte es mich und meine Kameraden getroffen,
und wäre ich heute wohl nimmer unter den Lebenden. Ich war
in der letzten Zeit ins Lazarett kommandiert zum Arbeitsdienst.
Ich konnte dabei den Verwundeten Traktate geben. Wir mußten
auch etliche Tote beerdigen, einen Reservisten aus Freistadt und
einen Vater, von dem wir wußten, daß daheim mehrere Kinder
auf ihn warten. Am Vormittag des 25. ging's wieder in Feuer—
stellung. Am 28. ging ich gerade in den Wald, als plötzlich die
feindliche Infanterie tüchtig zu schießen anfing; die Kugeln kamen
nur so brummend und pfeifend durch den Wald. Wie ist es da so
köstlich für ein Gotteskind zu wissen: Ich bin in des HErrn Hand!
Am Weihnachtstag hatten wir Bescherung, und abends trat
die ganze Batterie zur Weihnachtsfeier an. In einer Scheune
Wir sangen
das alte Weihnachtslied „O du fröhliche“. Dann hielt unser
Hauptmann eine Ansprache, in der er anführte, daß wir richtige
Weihnacht feiern, nämlich in einem Stall zwischen Heu und Stroh,
und daß vor 1900 Jahren die Erlösung der Welt auch im Stalle
sich offenbarte. Ferner wies er uns hin auf die Lieben daheim,
sprach über das Vorausliegende; dann gedachte er der Lieben, die
überall gefallen sind. Nach der Ansprache betete er laut das
Vaterunser. Das Lied „Stille Nacht“ war der Schluß. Manche
sangen mit feuchten Augen. Ich werde diese Weihnacht nie ver—
gessen. Ich dachte an diesem Abend an die Lieben in der Heimat
und glaube, daß wir hier draußen ein fröhlicheres und ruhigeres
Fest feierten als manche daheim.
Um vier Uhr nachmittags war noch Bescherung für die fran—
zösischen Kinder und Erwachsenen. Ihr hättet den Jubel der
Leute hören sollen. Deutsche Soldaten und französische Zivilisten
lachten und schrien durcheinander, gerade als wären wir nie Feinde
gewesen. Leider kam abends noch der Befehl zum Abmarsch in
Feuerstellung. Mit Kisten, Sack und Pack ging es am andern
Tage fort. Als bwir nach D. kamen, war gerade in der Kirche
Weihnachtsfeier der Infanterie, die eben aus dem Graben abge—
löst war. Sämtliche Fenster waren bedeckt, damit der Feind nicht
die Lichter sehen konnte, da die Kirche nicht ganz zwei Meilen vom
Feind entfernt war. In dieser Kirche war vor etlichen Wochen
noch Schrecken und Tod; jetzt war alles schön geschmückt mit
grünem Reis und großen Bäumen. Viele Kerzen erleuchteten den
Raum. Es war eine wunderbare Weihnachtsfeier so nahe am
Feinde. Als wir in unsere Artilleriestellung kamen, wurde ich
allerdings krank, ich hatte Koͤpfschmerzen und Stechen im Rücken.
Ich mußte mich von dem Arzt untersuchen lassen, der mich drei
Tage in das Revier steckte. Ich lag da in D. unten im Keller.
Das Dorf wurde von den Franzosen immer beschossen, und ich
saß unten im warmen Keller auf dem Strohsack. Um 12 Uhr
erscholl vorne in den Schützengräben ein dreifaches Hurra. Im
Dorf wurde es lebendig, Schüsse krachten; denn als die Fran—
zosen unser Hurra hörten, glaubten sie, wir wollten stürmen,
deshalb das starke Infanteriefeuer, das aber bald wieder nachließ.
Am 2. Januar konnte ich wieder in Stellung, und es fanden
einige Beerdigungen statt. Da jetzt weniger Opfer sind, bekommen
English translation
Not yet translated.