Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 160

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 160

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im Grunde genommen, auf das Gute hin gerichtet. Man muß
den Knaben nur von the level of his best'“ finden, schreibt ein
Beamter der Organisation an den Lutheran, und ihn dann
ι%ο the level of our best“ heraufziehen; das sei das ganze
Geheimnis eines fruchtbringenden Unterrichts in der Moral.
„Und weil das Herz des Knaben von Natur gut ist, vermag er
auch ganz aus freiem Willen, ohne Nötigung, ohne „Du sollst“,
die guten Werke zu verrichten, die er in seinen zwölf Geboten
geschrieben findet. (Nναμ8 α Bo/j Scout? S. 1.) Damit
stimmt, wenn in einer Fabel, die für die Truppenführer als
Muster einer moralischen Erzählung im Handbuch abgedruckt
worden ist, die Lehre vorgetragen wird, daß auch ohne Evan—
gelium, nur „weil das Herz rein gewesen ist“, ein Mensch

zur Erkenntnis Gottes und zum Frieden mit Gott kommen

könne. (S. 188—191.)
Natürlich gibt man sich einer großen Täuschung hin, wenn
man meint, die guten Werke geschähen bei den Boy Seouts.

auch wo kein Evangelium den Glauben gewirkt hat, aus lanter

Freude am Guten, ganz aus freiem Willen. Das ganze System
ist vielmehr darauf eingerichtet, eine moralische Erziehung zu
bieten, die, im Grunde genommen,

eine Erziehung zum Tugendstolz und pharisäischen Hochmut

ist. Das tritt fast auf jedem Blatt der Boy Scout-Publika—
tionen hervor. Unzähligemal wird dem Pfadfinder eingetrich—
tert, er dürfe keine guten Werke tun mit Absicht auf einen in
Erwartung stehenden Lohn, sondern müsse das Gute rein um
des Guten willen üben. Mit dieser Lehre steht nun schon in
Widerspruch, daß eine ganze Anzahl von Ehrungen und Be—
lohnungen vorgesehen ist, um zur übung in der Tugend zu
reizen. Für jede Leistung wird ein merit-badge erteilt, wenn
ein gewisses Maß der Vollkommenheit erreicht ist. Es gibt
merit-badges für die Fähigkeit, Hilfe im Falle eines Unglücks
zu leisten, verletzte Tiere zu verbinden, die öffentliche Gesund—
heit zu schützen, oder auch für Geschick im Schreinerhandwerk,
in der Bienenzucht, Buchbinderei, Forstwirtschaft, im Garten—
bau oder in sonst einer nützlichen Beschäftigung. Für jede
dieser Leistungen ist ein besonderer badge vorgesehen, und wer
zehn solcher Abzeichen hat, erhält einen Stern und den Titel
Stur Scout; wer aber einundzwanzig merit-badges verdient
hat, erhält ein Band mit angehängtem goldenen Adler, und
er heißt jetzt Adler-Scont. Daimit hat er die höchste Staffel
der Vollkommenheit in der Pfadfinderwelt erklommen. Hierzu
kommen nun eine Anzahl Ehrenmedaillen, die von dem Natio—
nalen Ehrengericht (National Court of Ilonor) für Lebens—
rettung erteilt werden. Je nach den Umständen erhält der
Lebensretter, wenn er ein Boy Scout ist, eine bronzene, eine
silberne oder eine goldene Medaille.

Wie man da noch davon reden kann, wie das in allen
Publikationen der Pfadfinder geschieht, daß diese Knaben das
Gute lediglich tin, weil sie in dein Vorbild ihres Truppen—
führers (scout master) die Schönheit der Tugenden erkannt
und das Gute lieben gelernt haben, ist nicht recht verständlich.
Wenn es einen Verein gibt, der seine Glieder förmlich dazu
dressiert, nach Anerkennung und Ehren zu haschen, so ist es
dieser. Mit unermüdlicher Wiederholung wird dem Scout vor—
gehalten, daß er stolz sein solle auf seine Ehre, daß er
schon, um seinem Verein keine Schande zu machen, das Böse
meiden und das Gute tun müsse. „Ein Scoutist ist stolz darauf

(prides himself on), daß er hilfreiche Dienste leistet. Er weiß. !
daß Leute mehr von ihm erwarten als von andern Knaben,
und wird sich so aufführen, daß kein Wort des Vorwurfs gegen
die große Bruderschaft erhoben werden kann, der er die Treue
gelobt hat.“ (5½ Scou's Vear Boch, 1914, S. 200.) Der
Boy Scout ist demnach ein höheres Wesen als andere Knaben,
nachdem er seinen Eid geleistet hat. Was man bei andern hin⸗
gehen läßt, rechnet man ihm als Schande an. Seine zwölf Ge—
bote fordern ganz andere Tugenden als die altmodischen zehn
Gebote des lutherischen Katechismus; daran soll ein Scout fort—
während denken und wissen, daß seine Ehre als Scout „das
Höchste ist, was er auf der Welt hat“. (Wörtlich so in 50½/8
Life, Dez. 1915, S. 26.) Durch tägliche Hilfsbereitschaft be—
weist er seinen „Glauben an das Gute“ (Handbuch, S. 274)
und verdient sich „den Lorbeerkranz des Beifalls der ganzen
Bürgerschaft“. (7½εe Bo Scout Scheme, S. 8.) Um sich in
allen Tugenden zu vervollkommnen, wird außer den zwölf
Pfadfindergeboten noch auf Seite 274 des „Handbuchs“ eine
Reihe von vierzehn Tugenden beschrieben, die der Boy Scout
haben muß; denn „jeder Pfadfinder ist ein ehrenvoller Knabe
(every scout is à boy of honor) “. (S. 165.)

Als ein gutes Mittel, sich in dem allerwichtigsten Stück,
dem „daily good turn“ (der täglichen Hilfleistung), zu üben,
wird im „Handbuch“ (S. 12) dei Pfadfinder empfohlen, daß
er morgens beim Aufstehen einen Knoten in seine Halsbinde
mache und diesen erst auflöse, wenn er einen oοd turn“ getan
habe. Seite 348 wird folgendes Spiel in Vorschlag gebracht:
„Die Pfadfinder gehen einzeln aus oder auch gemeinsam. Sind
sie in einer Stadt, dann suchen sie eine Frau oder ein Kind,
das einer Hilfleistung bedarf, und berichten dann auf Ehre,
was sie getan haben. Sind sie im Lande, so sprechen sie in
Wohnungen vor und bieten sich an, unentgeltlich einen Dienst
zu leisten.“

Solche Berichte werden auch schriftlich eingereicht, gelangen
etwa auch an das Hauptquartier in Washington, D. C., und
werden dann abgedruckt. In Nιπν MHen ν εhε lesen wir,

daß in Milbank, S. Dak., die Pfadfinder für einen kranken

alten Herrn die Sturmfenster aufgesetzt haben. Ein Helden—
stück, nicht wahr? In Virginia City, Nev., haben sie gar in
einem Rinnstein (gutter) auf eine Strecke von siebzig Fuß die
angesammelte Erde ausgeschaufelt. Ein anderer Tugendheld
berichtet, er habe der Schwester das Kleid zugeknöpft, weil die
Mutter beschäftigt war! Ein anderer machte einen Gang für
eine alte Fran, noch ein anderer — man traut seinen Augen
nicht! — fütterte einen hungrigen Hund, und von einem andern
wird sogar erzählt, er habe der Mutter beim Geschirr—
waschen geholfen!! Das wurde dann tatsächlich nach
Washington, D. C., berichtet. Und die Haupttugend bei all
diesen Leistungen sei gewesen: die Dienstleistungen seien in
jedem Falle „freiwillig“ geschehen. Als ob das noch Tugend
zu nennen wäre, was zwar nicht gegen Bezahlung, wohl aber
gegen den höchsten Lohn, den Menschen einander zuerteilen
können: Anerkennung von seiten der Genossen, wohl gar in
Erwartung öffentlicher Belobung, geschehen ist! Selbst ein
weltliches Blatt, die CVααο riduné, die eine Reihe ähnlicher
selbstgefälliger Berichte von Boy Scçouts anführt, ruft aus:
„Eine einfachere und mehr effektive Weise, Pharisäer zu
fabrizieren, ist uns nicht bekannt.“ G.
(Schluß folgt.) ö

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