Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 165
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 165
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Was ist das unter so viele?
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20 —
ö er „Tutherantdss
165
b. Schlechte segensreich arbeitet. Während letztere von den luthe—
E, rischen Gemeinden in Chicago und Cook County geführt und unter—
halten wird, ist die neue Mission etwas, was die Synode führt
und unterhält. Diese neue Mission ist eingerichtet und wird ge—
führt auf Beschluß des Nord-Illinois-Distrikts unserer Synode.
Deswegen ist sie aber nicht eine Mission, die uns nichts angeht,
sondern wir sollen für sie ebenso des HErrn Segen im Gebet er—
flehen wie für die eigentliche Stadtmission, die ihre Tätigkeit be—
kanntlich vornehmlich in den Cook County-Anstalten hat. Wir
hoffen, daß wir später berichten können, daß auch diese neue Mis—⸗
sion mit Segen gekrönt worden ist.“ — Ja, das ist auch eine
Mission, und zwar eine sehr wichtige. Wir haben öfter im
„Lutheraner“ darauf hingewiesen, wie viele Glieder, besonders
gerade in den großen Städten, durch Ziehen und Wandern den
Zusammenhang mit der Gemeinde verlieren und so nach und nach
in Gleichgültigkeit geistlich ersterben. Wir haben öfter berichtet,
wie andere Kirchengemeinschaften dieselbe Klage erheben. Und
doch haben noch nicht alle dieser gleichgültig Gewordenen alles
kirchliche Bewußtsein verloren; manch einer von ihnen würde,
wenn er gefragt würde, welches Glaubens er ist, prompt ant—
worten, er sei ein Lutheraner. Viele von denen könnten durch
Aufsuchen und freundliches Zureden wieder der Kirche zugeführt
werden. Nun versteht es sich ja, daß jeder Pastor in seinem Be—
zirk in dieser Sache tut, was er kann. Noch wirksamer wäre es
freilich, wenn alle Glieder der Gemeinden ihre Augen hierin offen
hielten. Gerade auch Chicago ist ja mit einem Netz lutherischer
Gemeinden durchzogen. Und doch ist gewiß sehr viel Raum für
eine derartige Mission. Nur drängt sich einem die Frage auf:
Man bedauert einen Mann, dem
ein so schier unübersehbares Gebiet angewiesen wird. Aber es
ist ja die Weise unserer Synode immer gewesen, daß bei ihr alles
klein anfängt. Dies ist doch ein Anfang; und wir würden
uns gar nicht wundern, wenn diese Einrichtung sich so segensreich
erwiese, daß dem einen Missionar bald mehr hinzugefügt
werden. Und was in Chicago gut und nötig ist, das ist gewiß
auch anderswo gut und nötig. Dank der Politik Englands, die
die Missionare aus Indien verjagt und andere nicht hineinläßt,
werden wir jetzt wohl kaum Kandidaten in die ostindische Mission
schicken kömeen. Und die Kandidaten haben wir. Dies wäre
dann gewiß die Zeit, der Inneren Mission besonderen Eifer zu—
zuwenden, und gerade auch an solchen Orten, wo die Menschen
zu Tausenden und Hunderttausenden nahe beieinander wohnen,
nämlich in den großen Städten. Wir haben ja immer die Leute
unter uns, die, wenn man sie für Heidenmission begeistern will,
das kaum für recht halten, weil es im eigenen Lande noch so viel
zu tun gibt. Die hätten dann jetzt ihre Gelegenheit, sehr viel
Gelegenheit, und man gebe sie ihnen und erinnere sie an das,
was sie immer gesagt haben. E. P.
Daß Reinheit der Lehre viel wichtiger ist für die Kirche als
äußere Einigkeit, führt der Preshyterian gut so aus: „Organische
Einigkeit ist nicht die Quelle der Leistungsfähigkeit der Kirche.
Diejenigen, die so nach organischer Vereinigung schreien, reden
viel von Staatsmannskunsté; das heißt aber nichts anderes als
menschlicher Scharfsinn in der Verwaltumg.
nische Einheit würde dieser Staatsmannskunst die größte Stiitze
und die beste Gelegenheit geben. Das ist im Grunde nichts
anderes als ein Sehnen nach dem alten Regiment von Papst, Kar—
dinal, Erzbischof und Bischof. Es wäre das freilich ein gewaltiger
Fortschritt für die bloße äußere Verwaltung. Aber darin liegt
nicht die Stärke der Kirche. Diese Stärke ist nicht menschlich, nicht
natürlich, sondern göttlich und übernatürlich; es ist die Kraft des
Heiligen Geistes und die übernatürliche Wahrheit, die Gott ge—
offenbart hat. Die Rückkehr zu bloßer kirchlicher Staatsmanns-—
kunst würde ganz gewiß eine Rückkehr zur Verderbtheit der Kirche
Man meint, orga⸗
bedeuten. Die größte Gefahr auf den Missionsfeldern besteht nicht
darin, daß die verschiedenen Gemeinschaften äußerlich in Konflikt
kommen, sondern darin, daß man menschlichen Scharfsinn an die
Stelle der Weisheit, Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes
setzt, den Unglauben an die Stelle des Glaubens, eine fehlervolle
Bibel an die Stelle einer unfehlbaren, einen bloß menschlichen
Christus an die Stelle eines Christus, der der wahrhaftige Gott
zugleich ist, eine Erlösung durch eigene sittliche Bemühung an
die Stelle der Erlösung durch das stellvertretende Blutvergießen
Christi, eine nebelhafte Auferstehung an die Stelle der Aufer—
stehung des Fleisches.“ — Das heißt: Die Kirche soll sich vor
allen Dingen den Unglauben und die Ketzerei vom Halse schaffen.
Das ist gewiß das Richtige. Nur dürfte man damit nicht bei den
ganz groben, grundstürzenden Ketzereien haltmachen. Und wenn
man damit Ernst machte und die Einheit und Reinheit der Lehre
und des Bekenntnisses herstellte, dann würde ob diesem größten
Gut das bedeutend geringere der äußeren Einigkeit sich schon von
selbst regulieren. Wenn die Einigkeit im Geist da wäre, wenn
da wäre ein HErr und ein Glaube, dann würde bei den Leuten,
die dann geistlicherweise schon sind ein Leib und ein Geist, die
organische Einigkeit, soweit sie der Kirche zum Betreiben ihres
Werkes nötig und heilsam ist, bald herzustellen sein. E. P.
Von einer einzigartigen Leistung eines Chicagoer, sagen wir,
Kanzelredners — unter „Pastor“ stellen wir uns doch etwas
anderes vor — und über die Wirkung, die solche Leistungen auf
alle einigermaßen verständige Leute ausüben, sagt die „Illinois—
Staatszeitung“: „Man beklagt sehr stark den Niedergang der
Religion. Mit Unrecht. Man verwechselt nämlich Kirche mit
Religion. Das Kirchenleben mag allerdings weniger kräftig pul⸗—
sieren, hieraus allein darf aber schwerlich auf ein Absterben des
religiösen Einpfindens gefolgert werden. Man wäre beinahe ver—
sucht, das Gegenteil zu behaupten und von der Abnahme des
Kirchenbesuchs auf eine Erstarkung des religiösen Gefühls zu
schließen. Denn sehr viele Kirchen haben leider aufgehört, eine
Stätte der Andacht zu sein, und der wirklich Frommgläubige findet
in Kirchen, in welchen denn Sensationalismus die Türen angelweit
geöffnet worden sind, kaum die gesuchte Erbauung, keine Zufluchts—
stätte aus dem nervenzerstörenden, die Seele beleidigenden Rasen
der profanen Welt. Es ist schuld der Sensationsprediger, wenn
die Kirche nicht mehr von Andächtigen, sondern von Schaulustigen
gefüllt wird. Und weil jene Sensationsprediger nicht die Seele,
nicht das Gemüt, sondern die Nerven in Betracht ziehen, müssen
sie täglich neue Sensationen ersinnen, um Menschen nach dem
Gotteshaus zu locken, die darin alles suchen und alles finden, nur
nicht Gott. Ein hiesiger Seelsorger hat für nächsten Sonntag
eine besondere Sensation ersonnen. Er will seinen Zuhörern eine
Botschaft vom Himmel bieten. Die Botschaft wird aus einer
Marconisiation abgeschickt und von einem an der Kanzel ange—
brachten Empfänger drahtloser Telegramme entgegengenommen
werden. Dieser Gottesdienst ist zweifellos neuartig. Und das
Neuartige wird zweifellos eine Meuge heranlocken. Ob aber diese
Menge erbaut, erhoben, gebessert und menschlicher das Gotteshaus
verlassen wird, ist freilich eine andere Frage. JEsus hat sich nicht
der drahtlosen Telegraphie bedient, als er den Weg zu den Herzen
seiner Mitmenschen gesucht hat. Er hat Liebe gepredigt und Liebe
geübt und mit Worten und Handlungen der Güte die unterbrochene
Verbindung zwischen Gott und Menschen hergestellt. Wenn IJEsus
heute wiederkäme, würde er vorerst jene Seelsorger aus dem
Heiligtum jagen, die Gottes Botschaften mittels drahtloser Tele—
graphie verkünden und die Kirche zur Schaubude entwürdigen.“
Eine englische Chicagoer Zeitung berichtet dann hinterher, daß
dieser Vortrag gehalten worden sei. Und zugleich habe der „geist—
liche Herr“ angekündigt, er werde am nächsten Sonntagabend das
Modell eines Unterseebootes und eines Torpedobootes zur Schau
F
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