Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 161
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 161
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften. 4„99
um 25. Oktober.
8er 7 utheranede
161
Billy Sunday.
Billy Sunday, der bekannte „Evangelist“, war in Omaha,
Nebr., und hielt „revival méetings“ vom 5. September bis
In dieser Zeit hat er 95mal gepredigt.
Das Volk strömte ihm in Haufen zu. Die Zuhörerschaft belief
sich jeden Abend auf 10,000 bis 12,000 Menschen. Tausende
mußten manchmal umkehren, weil sie keinen Einlaß mehr finden
konnten. Die große Halle war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Die Zahl derer, die ihn in diesen Wochen hörten, wird auf
930,000 geschätzt. Ähnlich lauteten jüngst die Berichte über
Sundays Tätigkeit in Baltimore.
Wie hat man sich diesen Zulauf zu erklären?
Zunächst wird die “revival meeting“ schon lange Zeit, ehe
Sunday ankommt, vorbereitet. In den weltlichen Zeitungen
4 wird monatelang darauf hingearbeitet. Die ganze Stadt wird
Tin Distrikte eingeteilt, und überall werden prayer-meetings ab⸗
gehalten. Vor Sundays Eintreffen waren bereits 1350 Gebets⸗
versammlungen in Häusern und Kirchen abgehalten worden und
während seines Daseins fanden noch weitere 2100 statt. Tau—
send Gehilfen stehen Sunday zur Seite, und alles ist wohl
organisiert. Sodann darf man nicht vergessen, daß hier eine
ganze Anzahl von Kirchengemeinschaften zusammenenbeitet;
49 Kirchen waren in Omaha daran beteiligt. Sie alle setzten
diese Wochen hindurch ihre Gottesdienste aus und sahen das
tabernacle als ihr Gotteshaus an. Ferner werden die Zu—
hörer zum Teil in Delegationen herbeigeführt. Geschäfts—
häuser, Schulen, Gesellschaften, Logen lassen sich im voraus
500 oder 1000 Sitze reservieren und marschieren dann in
corpore herein. Ferner hat auch das Ganze kaum mehr das
Gepräge eines Gottesdienstes, sondern eher das einer Volks—
Nversammlung. Studenten gaben ihren ollege vell“ zum
besten. Die Kniglits Templar (Freimaurer) kamen in ihren
Uniformen und mit fliegenden Fahnen an. Die Zeitungen be—
richteten öfters, daß die Leute lachten, applaudierten und mit
Händen klatschten, daß Sunday seine Rede drei Minuten lang
unterbrechen mußte, und die Halle von einem Ende bis zum
andern erbebte. Männer warfen ihre Mützen in die Luft.
Ein weiterer Anziehungspunkt war ein Massenchor von ein—
taufend Stimmen, der allabendlich revival-Lieder sang.
Mittelpunkt des Ganzen aber war Sunday selbst. Durch eine
Sprache, die eines Predigers gänzlich unwürdig ist, durch leb—
hafte Anekdoten und Vergleichungen fesselte er die Zuhörer.
Dabei stellte er allerlei gymnastische übungen an, legte sich auf
den Bauch und streckte die Beine in die Luft, sprang auf den
Tisch der Zeitungsschreiber usw.
Was hat Sunday gepredigt? Zunächst müssen wir darauf
hinweisen, daß er manches Gute gepredigt hat. Er hat den
Zuhörern den Weg zur Seligkeit öfters vorgehalten. Er hat
ihnen oft gesagt, daß allein in Christo Heil und Seligkeit ist,
3 daß nichts als das Blut des Erlösers uns helfen kann; er hat
uns erlöst von unsern Sünden; diesen Heiland muß der Mensch
im Glauben ergreifen. Sunday hat auch in gewaltigen Worten
die Gottheit Christi und die Lehre von der wörtlichen Inspira⸗
tion bezeugt. Er glanbt an eine Hölle und an die Ewigkeit
der Höllenstrafen. Er hält die Wunder der Heiligen Schrift
fest und verwirft alle „höhere“ Kritik. Er hat die Lehren
Russells, der Christian Science und der Unitarier als Heiden—
tum gestempelt. Insonderheit hat er gepredigt, wie ein Christ
nach Gottes Geboten leben und wandeln soll. Sunday ist ein
Gesetzesprediger. Er hat die Sünden und Laster der Menschen
nach allen Seiten hin bloßgestellt und in scharfen Worten ge⸗
straft. Daß dabei Tanzen, Theaterbesuch, Saufen und das Lesen
von Romanen nicht übersehen wurde, versteht sich von selbst.
über die Aufgabe der Kirche hat Sunday manches schöne
Wort gesagt. Er bezeugt, daß die Kirche nur die eine Aufgabe
hat, das Evangelium zu predigen und Menschen selig zu machen.
Keine Predigt sollte gehalten, keine Versammlung in der Kirche
veranstaltet, kein Lied in der Kirche gesungen werden, das nicht
dem genannten Zwecke dient. Eine Kirche, die nicht Evange—
lium predigt, ist nicht existenzberechtigt. Auf der andern Seite
aber fällt Sunday über den gegenwärtigen Zustand der Kirche
oder über das Verderben derselben Urteile, die wir nicht unter—
schreiben können. Von der Kirche sagt er, daß sie herabgesunken
sei zu einem Vergnügungsplatz dritter Klasse, wo die Religion
ganz und gar fehle, und daß viele Predigten nichts weiter
seien als literarische Kompositionen. Von unserer Kirche läßt
sich das nicht sagen. Sunday ist ein Sektenprediger und be—
schreibt das Verderben der Kirche, wie es ihm vor Augen tritt.
Ob Sundays Urteil von den Sektenkirchen richtig ist, müssen
die Pastoren wissen, die mit ihm auf der Plattform saßen und
ihm Beifall klatschten.
Über Taufe, Abendmahl, die Kraft des göttlichen Wortes,
darüber, wie man zur Bekehrung, zum Glauben, kommt, und
über manches andere notwendige Stück der christlichen Lehre
wußte Sunday nichts zu sagen.
Sunday hat sich aber auch als falscher Lehrer entpuppt.
Er ist ein Chiliast vom reinsten Wasser. Seine Lehre von der
Wiederkunft Christi ist, wie folgt: Der Leib Christi besteht
aus den Gläubigen. Sobald der letzte Mensch zum Glauben
gekommen ist, offenbart sich Christus — nicht der Welt, son—
dern den Gliedern seines Leibes. Die Gläubigen werden dann
aus der Welt genommen, ohne daß ein Ungläubiger wüßte,
wo sie hingekommen sind; sie werden einfach verschwunden sein.
Allgemeine Verwirrung in der ganzen Welt! Extraausgaben
der Zeitungen werden ohne Zweifel erscheinen. Dann folgt
die große Trübsal, die sieben Jahre dauert, nach welcher der
SErr wiederkommt mit den Heiligen und in Jerusalem das
tausendjährige Reich beginnt. Die Juden bekehren sich nun und
bauen den Tempel wieder auf. Während der großen Trübsal
kommt auch der Antichrist, vermutlich ein großer König, der
in Ferusalem Zeichen und Wunder tut, so daß das auserwählte
Volk ihn als Messias annimmt. Und dann kommt der SErr
zum andernmal und macht seiner ein Ende. Glieder des Leibes
Christi sind aber nur die Gläubigen von Pfingsten an bis zum
ersten Kommen des HErrn. Weder die Gläubigen des Alten
Testaments noch die, welche sich zur Zeit des tausendjährigen
Reiches bekehren, sind Glieder des Leibes Christi. Sie sind
nur loyale Untertaͤnen des Königs. — Wie reimt sich das alles
mit der Schrift?
Auch sonst hat Sunday viel Verkehrtes gesagt. Alle, die
gegen seine revivals sind, nennt er Teufelskinder. Jede Kirche
und jeder Pastor, der nicht gegen den Handel mit geistigen Ge⸗
tränken ist, gehört in die Hölle. Man könne nicht beten:
„Dein Reich komme“ und eine Flasche Bier im Hause haben.
Der ganze revival macht mehr den Eindruck eines Feldzugs
für Prohibition.
Was hat nun Sunday ausgerichtet? Er hat die ganze
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