Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 167

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 167

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Eine Anerkennung der Seelsorge der katholischen Geistlichkeit
in den Spitälern bringt die „Allg. Ev. Kirchenzeitung“. Es heißt
da in einem „Notruf aus den Lazaretten“ überschriebenen Artikel:
„Da berichtet ein junger Arzt von seinen Verwundeten, von ihren
Charakterzügen, von der Pflege, die ihnen zuteil wird, und den
Unterhaltungen, die man ihnen bereitet. Aber wie steht es mit
der religiösen Pflege? Kommt kein Pastor zu euch?“ „Selten;
der katholische Priester erscheint regelmäßig und besucht seine
Leute. Der Besuch des evangelischen Pastors ist kaum erwähnens⸗
wert.“ Oder eine pflegende Schwester beschreibt die Gutartigkeit
der deutschen Verwundeten, die man wirklich liebhaben muß, und
wie dankbar sie seien, wenn ihnen die Schwester einmal einen
Psalm und Abendsegen vorliest. „Ja, wo bleibt denn der Pastor?“
„Der kommt nur wenig. Wenn er einmal eine Ansprache hält,
ist sie ein patriotischer Appell, wie man jetzt so viele hört.“ Das
Blatt hebt auch den Eifer des katholischen Geistlichen hervor, der
oft und regelmäßig komme, den Verwundeten alle persönliche
Teilnahme bezeuge, aber auch nie versäume, als Priester der
Kirche zu reden. Um Weihnachten sei es charakteristisch gewesen,
den beiden Feiern, der evangelischen und der katholischen, anzu⸗
wohnen. Der evangelische Geistliche war wieder der Patriot und
erweckte wenig Weihnachtsstimmung; der katholische redete schlicht
und schön von der Geburt des Heilandes, so daß alle andächtig
zuhörten, und viele bewegt waren. Und ein drittes Lazarett!
Auch dort wird auf die Frage, wie es mit der evangelischen Seel⸗—
sorge stehe, in negativem Sinne geantwortet. Man möchte sagen,
das sei nur Zufall, gerade solche drei Lazarette hintereinander!
Wenn es so wäre, würden diese Zeilen nicht geschrieben. Nein,
seien wir ehrlich, es ist vielfach Notstand da — nicht bei den
Katholiken.“ Es stand zu erwarten, daß gegen diese Darstellung
Einwand erhoben werde, und es ist geschehen. Aber die genannte
Zeitschrift blieb die Antwort nicht schuldig, und die Antwort, die
sie gab, bildet nur eine neue schwere Anklage. „Vor dem Kriege“,
sagte sie, „war die ganze kirchliche Presse voll davon, daß viele
Pastoren in einer gebrochenen Stellung zu Schrift und Bekennt⸗
nis stehen; Synoden verhandelten darüber, Erlässe der Kirchen—
regierungen klagten, Eingaben von Gemeinden und Vereinigungen
wurden fast zur Tagesordnung. Und das sollte mit dem Kriege
plötzlich anders geworden sein?“ — Vorstehendes haben wir einem
katholischen Blatt entnommen, das sich natürlich darüber freut,
daß ein „evangelisches“ Blatt von seinen eigenen „evangelischen“
Pastoren dergleichen Dinge sagt und ihnen gegenüber die katho—
lischen Priester als „bessere Leute“ hinstellt. Uns interessiert be⸗
sonders der Erklärungsgrund, den die „Ev. Kirchenzeitung“ an—
gibt: „daß viele Pastoren in einer gebrochenen Stellung zu Schrift
und Bekenntnis stehen“, das heißt auf dentsch, ungläubig sind.
Ja, das ist der ganze Jammer der Kirche Deutschlands, daß so
viele Pastoren der Landeskirchen sich auf den Universitäten diese
„gebrochene Stellung zu Schrift und Bekenntnis“ holen, und ihrer
viele ihr Leben lang darin verbleiben. Und was den ganzen
Schaden in seiner Jämmerlichkeit darstellt, ist eben dies: „Syno⸗
den verhandelten darüber, Erlässe der Kirchenregierungen klagten,
Eingaben von Gemeinden und Vereinigungen wurden fast zur
Tagesordnung.“ Das heißt: Es gab noch Christen, die über den
Jammer schrien und klagten; sie suchten Babel zu heilen, aber es
wollte sich nicht heilen lassen. Die sollten aber wissen und be—
deuken, daß es weiter im Text heißt: „So laßt sie fahren! Fliehet
aus Babel, damit ein jeglicher seine Seele errette, daß ihr nicht
untergehet in ihrer Missetat!“ (Jer. 51, 9. 6.) Sie begehen die
alte Torheit, daß sie hoffen, Babel soll selbst erklären, daß es eben
ein Babel ist, oder Babel soll Babel aus Babel hinaustun. Dar⸗
über hat Luther unter ähnlichen Umständen schon gesagt: „Ja,
fürwahr, das ist weislich und wohl geredet: wenn die Schafe nicht
eher vor den Wölfen fliehen sollen, denn bis die Wölfe durch ihr

christlich Konzilium und öffentlich Urteil die Schafe hießen fliehen,
da würde der Schafstall gar bald ledig sein, und der Hirte in
einem Tage weder Milch, Käse, Butter, Wolle, Fleisch noch
einen Klauen finden; das würde dann heißen der Schafe gehütet!
Was hat denn unser HErr gemacht, da er uns heißt und gebeut,
vor den Wölfen uns zu hüten ohne Harren auf der Wölfe
Konzilium? Es hat ja nicht allein die ganze Herde Schafe, son⸗
dern auch ein jeglich Schaf für sich selbst allein Recht und Macht,
zu fliehen vor den Wölfen, wo es anders immer vermag, wie
es auch tut (Joh. 10, 5): „Meine Schafe fliehen die Fremden.“
(XVII, 102 f.) E. P.
Der ungarische Ministerpräsident Tisza, von dem man öfters
in den Zeitungen lesen kann, ist Protestant und hat in einer großen
kirchlichen Versammlung in Budapest das Wort ergriffen. Er
sagte unter anderm folgendes: „Jetzt erst können wir es fühlen,
welch wichtiges Seelenbedürfnis die Religion für jedermann ist;
jetzt erst sehen wir, auf welch schwankendem Grunde der Törichte
steht, der, auf die Macht seiner irdischen Verhältnisse oder seiner
sogenannten Bildung pochend, den festen Boden des Glaubens
unter seinen Füßen wegstößt. Diese Wahrnehmung möge uns
kräftigen auch in der Arbeit der Zukunft. Sie möge uns an⸗
spornen, die erhebenden Kräfte des Glaubens und die durch sie
gespendete Wärme in die Seele unserer Mitmenschen zu leiten,
die uns anvertrauten hohen Interessen an Werk⸗ und Feiertagen,
bei Tag und Nacht, im Guten wie im Bösen, im Frieden wie im
Kriege zu pflegen und diesem erhebenden Dienst keinerlei Neben⸗
rücksichten je unterzuordnen.“ Es wäre interessant, zu wissen,
wie sich der Ministerpräsident den „festen Boden des Glaubens“
vorstellt. (Th. Bl.)
Götzendienst in Indien. In einer Stadt Indiens ging es
hoch her in der heißen Zeit. Das Steinbild der Schiwa Rudrawa
wurde unter Musik und in einem Tragsessel zum Tempelteich ge⸗
tragen. Dort wurde die Göttin gebadet, mit Teppichen sorgfältig
getrocknet und am Rand des Teiches auf einen Thron gesetzt, wo
sie göttlich verehrt wurde. Es war das die Feier ihrer Wieder—
einsetzung in die Gottheit. Es hatte nämlich lange nicht geregnet,
und Regen zu verschaffen ist die Pflicht dieser Göttin. So hatte
man sie auf den Kopf geschlagen und zum Tempel hinausgeworfen
mit der Drohung: „Wenn esregnet, setzen wir dich wieder auf den
Thron, vorher nicht.“ Das machte Eindruck! Zwei bis drei Tage
später begann es zu regnen, und darum wurde sie wieder so feier—
lich in ihr Amt eingesetzt. Allerdings bei einer derartigen Feier
sieht man nun doch viele, die über die Torheit lachen und spotten,
aber auch sie machten die Geschichte mit, und die Masse träumt
den alten Traum weiter. Manchem aber ist es recht ernst zumute
bei der Sache, und das ist vielleicht der beste Teil der Bevölkerung
Indiens. (Luth. Miss.⸗Volksbl.)

Ostergedanken auf dem Gottesacker.

Siehe, die da liegen, sind alle still; kein Pulsschlag treibt
das unbändige, rastlose Blut durch die Adern; kein Wunsch be⸗
wegt das Herz mehr; keine Hoffnung zieht mit leisem Flügel—
schlage durch die Brust; kein Schmerz umflort mehr das Auge —
sie sind alle ganz still, sie sind gestorben. Gestorben! Es steht
auf jedem Grabstein. Komm, lies es! Sieh, da ist's einge⸗
meißelt: Gestorben! Und hier und dort, überall. Da ist ein
kleines Grab, ein ganz kleiner Hügel; einen Rosenstock hat man
darauf gepflanzt, ein zartes Kind aus der Mutter Arm gerissen.
Gestorben heißt's auf dem Stein. Hier liegt eine Jungfrau.
Ihre Augen schauten so hell ins Leben hinein; die Zukunft war
ihr solch ein goldener Traum. Der Todesengel drückte einen Kuß

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