Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 168
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 168
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168 S er „Tuthsranse
auf ihre Lippen — gestorben! Hier hat man einen Jüngling Wie gibst du?
gebettet. Komm, laß uns eilen! Es ist so traurig, wenn junge,
glückliche Herzen brechen müssen. Dort ist noch ein Grab, eine
Mutter schlummert darin. Hügel an Hügel in langen Reihen.
Hier ist ein halb gefallener Stein; er muß schon viele Jahre hier
sein. Wir können das Moos ein wenig abreißen; so — nun kann
man die Inschrift lesen: Gestorben!
Hier ist eine Bank, sollen wir rasten? Es ist noch nicht
Abend. Sieh, ein Blatt dreht sich im Winde und fällt zu unsern
Füßen nieder, ein gelbes, verwelktes Blatt. Es war auch einmal
grün und zart und frisch. Ein Windstoß hat es mit sich geführt,
es ist tot. Da liegt ein Blümchen im dürren Grase, es ist ver—
welkt. Der Sonnenstrahl hat es geküßt, der Tau hat es gelabt.
Aber ein kalter Hauch wehte es an, da hat es das Haupt traurig
gesenkt, und als es zur Erde niedersank, flüsterten die Blumen und
Sträucher: Gestorben!
Horch! Ein Glöcklein läutet. Man begräbt einen Toten.
Dort trägt man den Sarg zwischen den Hügeln hin. Eine große
Schar folgt ihm, und alle weinen. Man senkt ihn ein. Ein Gebet
wird gesprochen. Drei Schaufeln Erde poltern auf den Deckel
nieder. Jetzt ist das Grab zu. Der Zug geht still wieder hinaus.
Die Bäume wiegen sich und flüstern leise: Gestorben!
O dieses Sterben! Alle Bande reißen, alle Ketten brechen,
Hoffnungen, Pläne, Glück, Liebe — alles, alles muß sterben.
Hier wird alles zusammengetragen, hier auf dem Friedhof. Alles,
was das Menschenherz geliebt hat, alles, was ihm teuer war, in
diese Gräberstadt wird es gebracht — und endlich das müde Herz
selbst. Das Totenglöcklein auf der Kapelle läutet einen letzten
Gruß, dann wird alles ganz still, und nur die Bäume rauschen
weiter und flüstern: Sterben, sterben!
* * **
„Christ ist erstanden aus des Todes Banden. Halleluja!“
O wie das Herz jubelnd schlägt: Erstanden! Erstanden! Die
Wolken sind geschwunden, die Sonne lacht fröhlich, hell und warm
vom Himmel. Tausend Strahlen leuchten hernieder und küssen
die Erde. Da sind keine Gräber mehr, es sind lauter Blunien—
beete, rings um uns her Blumen, holde Kinder unsers Gottes,
die mit ihren hellen Auglein so treuherzig und so glücklich zum
Lichte streben. Auch sie sind erstanden. Des Winters Hauch
streckte sie danieder, aber des Frühlings Odem hat sie erweckt.
Und nun schimmern sie in tausendfacher Farbenpracht und ent—
zücken das Auge. — Dort breitet ein Schmetterling seine glänzen—
den Schwingen aus. Willkommen, du herrliches Sinnbild der
kommenden Verklärung! Du warst ja auch tot, lagst in langem
Schlafe am Boden, und nun lebst du, schöner, herrlicher als je
zuvor.
„Christ ist erstanden!“ Siehe, die Sonne neigt sich dem
Untergange zu. Aber bald steigt sie mit nener Glorie im Osten
wieder auf. Der erste Strahl, der am Morgen über der Berge
Riicken zieht, jauchzt laut in die Welt hinein: Erstanden!
Christ ist erstanden! Nun muß alles erstehen, denn er hat
dem Tode die Macht genommen, Leben und unvergängliches Wesen
ans Licht gebracht. Sterben — nein, nein! Nur schlummern,
ausruhen bis zum Morgen, wo sich alle Gräber öffnen werden,
und von unzählbaren Scharen deni glorreich erstandenen Lebens⸗
fürsten ein ewiges Halleluja entgegenbrausen wird.
Lebt wohl, ihr Schläfer! Ihr ruht nun aus. Schlummert
weiter! Das Leben ist ein schweres Tagewerk, und wenn es
Abend wird, legt man sich gern hin und sagt: Laßt mich ein
wenig schlummern!
Die Sonne sinkt im Glutmeer des fernen westlichen Himmels;
die Abendglocken läuten, und die Bäume rauschen mächtig zum
Choral der erlösten Menschheit: „Christ ist erstanden!“
Die Mitglieder einer Negergemeinde auf Jamaika hatten- 4
beschlossen, die nötige Summe zur Erhaltung eines eingebornen 3
Evangelisten aufzubringen, um ihren noch unwissenden Brüdern
das Evangelium predigen zu lassen. Zu diesem Zwecke wählten
sie einen Kassierer und bestimmten einen Tag, um die gewünschte
Summe einzusammeln. Als der Tag herankam, und alle ver—
sammelt waren, nahm der Kassierer, ein bejahrter Mann, das
Wort und stellte drei Grundsätze auf, die einstimmig angenommen
wurden: 1. Wir wollen alle etwas geben. 2. Wir wollen geben,
soviel wir können. 3. Wir wollen fröhlich geben.
Aber diese drei Grundsätze waren mehr als bloße Form für
den alten Kassierer; sie sollten auch durchgeführt werden. Nach—
dem mehrere Personen ihre Gaben gebracht hatten, trat ein alter
Neger, von dem man wußte, daß er reicher war als die andern,
vor und legte zwei Dollars auf den Tisch. Der Vorsitzende gab
sie zurück und sagte: „Diese Gabe ist wohl nach dem ersten Grund—
satz gegeben, aber nicht nach dem zweiten.“ Der Neger nahm sein
Geld zurück und ging sehr verdrießlich auf seinen Platz zurück.
Nach einigen Augenblicken kam er wieder, warf zwanzig Dollars
auf den Tisch und sagte mürrisch: „Hier, ist das vielleicht genug?“
Ruhig gab ihm der alte Neger sein Geld zurück und sagte: „Dies
ist vielleicht nach dem ersten und zweiten Grundsatz richtig, aber
nicht nach dem dritten.“ Der Neger nahm noch einmal sein Geld
zurück und setzte sich in eine Ecke der Kirche voll Zorn über die ⸗
ihm widerfahrene Behandlung. Bald jedoch kam er wieder, dies⸗
mal mit lächelnder Miene, und legte sanft eine Hundertdollarnote
auf den Tisch mit den Worten: „Ich gebe dies fröhlich im Namen
des HErrn IEsu.“ Der alte Kassierer sprang auf, ergriff die
beiden Hände des Negers und rief: „So ist es recht; das stimmt
mit den drei Grundsätzen überein!“ — ö
Es wäre schön, wenn bei uns diese drei Grundsätze auch
überall in Geltung wären.
Du wirst mich noch mit in den Himmel kochen.
Er war eine echte Westfalennatur, inein alter Onkel, derb,
wahr, arbeitsam. Im Schweiße seines Angesichtes hatte er sich
sein Vermögen erworben und hatte es zu etwas gebracht. Doch
blieb er einfach und sparsam.
er wie der alte Vincke, sein Oberpräsident, über Land und be—
suchte so die über diesen Anfzug nicht immer erfreuten Ver—
wandten. Auch seine Kinder hielt er zu ernster Arbeit und emsi⸗
gem Schaffen an und tadelte es noch an ihnen, als sie bereits 3
Haus und Geschäft hatten, wenn sie mit dem redlich erarbeiteten
Gelde sich das Leben bequemer machten. Dabei hatte er von
Natur ein teilnehmendes Herz; wo er in der Nachbarschaft oder
Verwandtschaft Not wußte, da gab er. Noch mehr aber tat seine
Frau; unermüdlich war sie im Geben und Helfen. Allgemein
bekannt waren ihre Kranken- und Armensuppen, deren täglich
vicle ausgeteilt wurden. Ob der Onkel sonst viel ans Himmlische
gedacht hat, weiß ich nicht, aber wenn er seine fromme Fran in
ihrem selbstlosen Tun beobachtete, dann pflegte er wohl zu sagen: 4
„Adelheidechen, du wirst mich noch mit in den Himmel kochen.“ 4
Die Tante ist gestorben, der Onkel auch. Ob sie sich selber, 1
ob sie ihn mit in den Himmel gekocht hat? Der, welcher gesagt 3
hat: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir getan“, der hat sicherlich auch der
Tante Armen- und Krankensuppen gezählt. Aber ob sie sich in
den Himmel gekocht hat? Nein, denn nicht deshalb hat sie die
Suppen gekocht, um dadurch in den Himmel zu kommen — wer
Gutes tut um des Lohnes willen, hat seinen Lohn dahin —, son⸗
Im blauen Fuhrmannskittel zog 3
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