Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 9 › Seite 162

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. April 1916, Seite 162

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SVer 2„TutheranetN

Stadt in Aufregung versetzt wie sonst kein anderer. Es läßt sich
denken, daß das nicht spurlos an der Einwohnerschaft vorüber⸗
gegangen ist. Zunächst hat Sunday auf bürgerlichem Gebiet
Erfolge erzielt. Alte Schulden, die fast vergessen waren, wur⸗
den bezahlt; viele haben dem Tanzen, Kartenspielen, Theater⸗
besuchen entsagt; Whiskyflaschen wurden fortgeworfen; Ehe—
leute wurden versöhnt und wieder vereinigt. Das alles mag
für die Stadt einigen Wert besitzen. Solche, die den Erfolg
der réevivals bemessen nach der Zahl der Saloons, die geschlossen
werden, mögen das gewünschte Resultat erleben. Neuntausend
erklärten sich an einem Abend für Prohibition.

Wir glauben auch, daß etwas Erfolg auf geistlichem Gebiet
vorhanden sein wird.
abgebranntem Feuerwerk zurückbleiben. Sunday hat neben
allerlei Falschem, Irrigem auch biblische Wahrheit vorgetragen.
Und Gottes Wort kommt nicht leer zurück. Die eingerichteten
Bibelklassen (man spricht von 150) sollen zu einer dauernden
Einrichtung gemacht werden. Auch daraus könnte noch Segen
entspringen.

Dennoch haben wir unsere Vermutung, daß der wahre
Erfolg verhältnismäßig gering sein wird. Es haben sich 13,000
„bekehrt“; aber unter diesen waren viele, die schon jahrelang
zu einer Kirche gehörten und sich nur aufs neue zu Christo be—
kannten. über die Hälfte unter diesen waren Erwachsene. Wie
viele Kinder von sieben Jahren an aufwärts wurden mitgezählt!
Ob sie alle das rechte Verständnis dafür hatten, was vor sich
ging? Nach einer Predigt gegen Saloons, in der kein Wort
Evangelimn vorkommt, „bekehrten“ sich 138. Wie manche
mögen den Vorsatz, ein anständiges, äußerlich christliches Leben
zu führen, für eine Bekehrung angesehen haben! Das Evan—
gelinm war verborgen im tabernacle. Manche Predigt war
Gesetzespredigt durch und durch. Kann man auch durch das
Gesetz zu Christo bekehrt werden? Wie manche mögen bloß
in der Aufregung an die Bußbank getreten sein, oder weil
andere es taten, oder weil sie von Sundays persönlichen Arbei—
tern (Workers), die die Zuhörer beeinflussen, so lange gequält
wurden, bis sie nachgaben! Wie oft die Engel sich wirklich
frenten über die Buße eines Sünders wir vermögen es
nicht zu sagen.

Auf der andern Seite darf man aber auch den Schaden
nicht übersehen, den Sunday überall anrichtet, wo er hinkommt.
Durch seine Predigtweise bringt er Schmach und Verachtung
über die ganze Kirche und trägt dazu bei, daß die Kirche mehr
und mehr an Einfluß verliert. Die Freidenker in Omaha
jubelten. Wenn das, was ihnen hier vor Augen geführt wurde,

Kirche“ ist, wie viele Ungläubige mögen in ihrem Unglauben
befe tigt worden sein! Und wie vielen Kirchenlenten mag Sun—
day den guten Geschmack an Kirche gänzlich verdorben haben,
wenn er nicht bereits vorher verdorben war.

In den weltlichen Zeitungen Omahas haben sich Hunderte
über Sunday und seine Arbeit ausgesprochen. Viele preisen
ihn als den größten Prediger unserer Zeit, der unschätzbaren
Segen über die Menschheit bringt. Aber ebenso viele und noch
mehr Zeugnisse gegen ihn sind lant geworden. Man wüundert
sich, wie lange das christliche Volk ein solches Schauspiel duldet.

S reist herum im ganzen Lande und wird bald
nach St. Lounis und Chicago kommen. Wir können nicht mit
ihm zusannnenarbeiten. Im Gegenteil, wir miüssen vor ihm
als vor einem falschen Propheten warnen. E. E.

Es wird nicht bloß ein Aschenhaufen von

Aus unserer ostindischen Mission.

Der schreckliche Weltkrieg hält noch immer an, und die
Arbeit unserer Heidenboten im fernen Indien, die an sich schon
schwer genug ist, wird immer schwerer, da wir ihnen nicht die
so dringend nötige Hilfe senden können. Daß Missionar Stall—
mann aus Indien ausgewiesen worden ist, haben wir schon
mitgeteilt. Er ist, Gott sei Dank, nach langer und gefahr—
voller Reise glücklich mit den Seinen in Deutschland ange—
kommen. Auf dem Schiff „Golconda“, das ihn den alten
Seeweg um die Südspitze Afrikas herum, nicht durch den Suez—
kanal, führte, befanden sich rund 500 Missionsleute, die alle
dasselbe Schicksal hatten. Missionar A. Hübener, der schon
seit Jahr und Tag in dem großen Gefangenenlager in Ahimed—
nagar sich aufhalten muß, erwartete bestimmt, in diesen Mona—
ten mit seiner Familie nach Deutschland zurückgebracht zu
werden, ist aber immer noch in Indien. über den ebenfalls
gefangen gehaltenen Missionar J. Williems haben wir noch
keine weitere Nachricht; nur ist unsere Bitte, ihn nach Amerika
zu verweisen, wo er seit seinem Knabenalter sich aufgehalten
und seine ganze Ausbildung empfangen hat, von der englischen
Regierung in London abgeschlagen worden. Unser Missions—
kandidat Lndwig ist Ende Dezember vorigen Jahres noch glück—
lich nach Indien hineingelassen worden, während das Ehepaar
Lorey, das die Stelle der Bergheimeltern übernehmen sollte,
in Ceylon aufgehalten und schließlich ausgewiesen worden ist.
Jetzt würde, nach den Erfahrungen anderer Kirchenkörper, auch
Ludwig nicht mehr Zutritt erhalten, so daß wir, wenn sich die
Weltlage nicht ändert, dieses Jahr keine neuen Missionskandi
daten berufen können. Das alles schädigt unsere Mission auf
das allerempfindlichste, und wir wissen noch nicht, was die
nächsten Monate bringen werden.

Trotz alledem wollen wir nicht die Hände in den Schoß
sinken lassen, sondern um so fleißiger und eifriger wirken, wo
und wie wir können, und vor allem mit dem ernsten Gebete
auhalten, daß Gott dreinsehen, dem Krieg und dem Blutver—
gießen steuern und auch unserer lieben Heidenmission wieder
bessere Tage bescheren wolle. Einer unserer Missionare schreibt
uns unter anderm: „Ich hoffe auch stark, daß die gegenwärtige
Lage unsere Christen nicht entmutigen werde, daß sie nicht etwa
gar einen Fingerzeig Gottes darin sehen, gar keine Heiden—
mission zu treiben. Wo bliebe da das Heldenhafte des wahren
christlichen Glaubens, der immer weiß, wenn es in unsern
Augen krumm geht, da geht es in seinen Augemgrad' und
fein?“ Und wenn man die Kirchen- und Missionsblätter der
deutschländischen Missionskreise liest, deren Missionen noch viel
schlinimer vom Krieg getroffen worden sind, tritt einem überall
Mut, Eifer, Zuversicht und Gottvertrauen entgegen, die Ge—
wißheit, daß, weil die Mission Gottes Sache ist, sie nicht unter—
gehen kann. Als das Schiff „Golconda“, auf dem die oben
genannten 500 Missionsleute nach Deutschland zurückkehrten,
auf dem Ogean fuhr, hatte die deutsche Regierung alle Vor
sichtsmäßregeln getroffen, daß ihm kein Unglück zustoßen möchte:
und es ist, sichtlich von Engeln geleitet, mit seinen Passagieren
glücklich durch die Minengegend gekommen. Als die Missionare
befreundeten Boden betraten, wurden sie wie Sieger empfangen,
und besondere Gottesdienste wurden veranstaltet. Sie halten
jetzt hin und her Missionsvorträge, und es wird uns geschrieben,
daß die Kirchen gedrückt voll sind.

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