Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 25 › Seite 387

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Dezember 1904, Seite 387

385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400

Scan: Internet Archive, from the Graduate Theological Union's copy (one item per issue).

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

8Der „Huthe ranerS

387

enn ein Pastor oder ein Lehrer davon, wenn er mit seinen Amts⸗
d Glaubensbrüdern nicht verkehrt, sich von ihnen zurückzieht?
Eitel Schaden und Nachtheil. Oder worin bestände der Nutzen
solcher Absonderung? So gereicht es ganz gewiß auch der ein⸗
zelnen Gemeinde zum Schaden und Nachtheil, wenn sie sich nur
um sich selber kümmert und auf keinerlei Weise mit denen, die
ihres Glaubens sind, Gemeinschaft pflegen wollte.
„Aber freilich, wenn wir Christen glaubensbrüderliche Ge⸗
meinschaft unter einander pflegen — wie wir denn sollen —, so
werden wir dann auch mit einander nach unserm alten Adam be⸗
kannt. Das ist ja nicht Schuld der Pflege der brüderlichen Ge⸗
meinschaft, sondern wir haben eben überall den alten Menschen,
und da fällt allerlei vor, was eben nicht vorfallen sollte. Aber
laßt uns doch um Gottes willen dahin trachten, daß der alte
Mensch nicht die Oberhand gewinne und uns um den Segen des
glaubensbrüderlichen Umgangs betrüge.

„EEs sei hier folgende schöne Stelle aus der Apologie ange⸗
führt: „Gleichwie in einer Stadt oder in einem Hause die Einig⸗
keit dadurch erhalten wird, daß einer dem andern zu gute halte,

und kann nicht Friede noch Ruhe bleiben, wo nicht einer dem an⸗
dern viel versiehet, wo wir nicht einander tragen: also will Pau⸗

lus da vermahnen zu der christlichen Liebe, daß einer des andern
Fehler, Gebrechen dulden und tragen soll, daß sie einander ver⸗

geben sollen, damit Einigkeit erhalten werde in der Kirche, damit
der Christenhaufe nicht zerrissen, zertrennet werde und sich in aller⸗
lei Rotten und Secten theile, daraus denn großer Unrath, Haß
und Neid, allerlei Bitterkeit und böses Gift, endlich öffentliche
Ketzerei erfolgen möchte. (Müller, S. 126.)“ F. P.

Der heutige Materialismus in seinem Einfluß auf
das Christenleben.

10.
In den bisher erschienenen Artikeln ist an einer ganzen
Reihe von Beispielen der Einfluß des Materialismus auf das
Christenleben gezeigt und damit die Gefahr geschildert worden,
der wir Christen heutzutage ausgesetzt sind. Wie aber ein Arzt
nicht dabei stehen bleiben darf, die Eiterbeule bloßzulegen, son⸗
dern darauf bedacht sein muß, den Eiter zu entfernen und die
Wunde zu heilen, so dürfen auch wir uns nicht mit der Erkennt⸗
niß des Schadens zufrieden geben, sondern müssen zusehen, wie
der Schaden zu heilen oder doch der Einfluß des Materialismus
möglichst abzuschwächen ist. Obwohl nun die besprochenen Punkte
in so viele verschiedene Gebiete gehören, so gibt es doch nicht
auch ebensoviele verschiedene Mittel dagegen, sondern wir haben
nur Ein Mittel, das heilige Evangelium, die frohe Gnadenbot⸗
schaft von Christo, dem Sünderheiland. Wer Sünden durch ein
anderes Mittel bekämpfen will, erzieht nur Heuchler. Wohl gibt
es Mittel, durch die wir Hindernisse aus dem Wege räumen
können, aber die eigentliche Heilung bewirkt nur das Evangelium.
Es bleibt ewig wahr, was der Apostel Paulus Röm. 8, 9. schreibt:
„Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“, und 1 Cor. 12, 3.:
„Niemand kann IEsum einen HErrn heißen, ohne durch den Hei⸗
ligen Geist.“ Wer daher Christi Geist nicht hat und IEsum nicht
als seinen HErrn anerkennt, wer den Glauben nicht hat, der kann
auch nicht wider die Sünde recht kämpfen. Es mag sein, daß

er es dahin bringt, sich vor diesen oder jenen groben Ausbrüchen
des Fleisches zu hüten, denn Gott hat uns ja sein Gesetz auch
dazu gegeben, daß wir es als Riegel gebrauchen sollen, aber ein
neues, Gott wohlgefälliges Herz bekommen wir dadurch nie und
nimmer. Das können wir allein durch das Evangelium erlangen.
Von diesem sagt der Apostel Röm. 1, 16.: „Ich schäme mich des
Evangelii von Christo nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die
da selig machet alle, die daran glauben“, und Röm. 10, 17.:
„So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch
das Wort Gottes.“ Gal. 3, 2. heißt es: „Habt ihr den Geist
empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt. vom
Glauben?“ 2 Tim. 1, 9. lesen wir: „Gott hat uns selig ge⸗
macht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern
Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns ge⸗
geben ist in Christo IEsu vor der Zeit der Welt.“ Der HErr
Christus selber sagt zu Nicodemus Joh. 3, 3. ff.: „Es sei denn,
daß jemand von neuem geboren werde aus dem Wasser und Geist,
so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Daraus geht
hervor, daß das einzige Mittel, uns zu neuen Creaturen zu machen,
das heilige Evangelium ist. Nur durch dieses kann der sittlichen
Fäulniß gewehrt werden. Aber auch das herrlichste und wirk⸗
samste Mittel hilft nichts, wenn man es nicht gebraucht. Wer
daher ein Christ sein will, der wende dies Mittel an und stärke
und stähle damit seine Seele, der trete ein in den Kampf. Wir
brauchen nicht zu befürchten, daß wir unterliegen, denn Christus,
unser Heiland, der längst als ein Sieger über alle unsere Feinde
hervorgegangen ist, steht uns zur Seite und kämpft mit uns, da
müssen wir ja als Sieger über unsere Feinde und darum auch
als Sieger über den materialistischen Zeitgeist erfunden werden.
Wohl werden wir aus der ungläubigen Welt nur wenige, wie
Brände aus dem Feuer, herausreißen, aber wir werden doch dem
weiteren Eindringen dieses materialistischen Zeitgeistes in das
christliche Leben wehren und steuern, und damit ist schon viel erreicht.

Doch es gilt nun auch, dieses Mittel des Evangeliums recht
zu brauchen. Zuerst müssen wir da bedenken, daß der HErr
IEsus das heilige Predigtamt eingesetzt hat. Er spricht zu seinen
Jüngern, Matth. 28, 18—20.: „Mir ist gegeben alle Gewalt
im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle
Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes. Und lehret sie halten alles, was ich
euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis
an der Welt Ende“; und Marc. 16, 15. f.: „Gehet hin in alle
Welt und prediget das Evangelium aller Creatur. Wer da
glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht
glaubet, der wird verdammt werden.“ Endlich sagt der HErr
IEsus zu seinen Jüngern, Luc. 10, 16.: „Wer euch höret, der
höret mich.“ Das heilige Predigtamt ist zu dem Zweck eingesetzt,
daß die Menschen die Predigt hören sollen. Der rechte Gebrauch
des heiligen Evangeliums ist also zuerst dieser, daß die Christen,
Jung und Alt, Geehrt und Verachtet, Gelehrt und Ungelehrt,
die Predigt des göttlichen Wortes hören. Wollen wir ernstlich
dem materialistischen Zeitgeiste entgegentreten, so sollen wir daher
auch keinen Sonntag ohne Noth vorübergehen lassen, ohne die
Predigt zu vernehmen. Weil aber jeder Zuhörer durch die
Predigt des Evangeliums zum Kampfe ausgerüstet werden soll,
so sollen die Prediger vom HErrn IEsu und den lieben Aposteln
lernen, einfach und verständlich immer und immer wieder die alte

English translation

Not yet translated.