Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 25 › Seite 389

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Dezember 1904, Seite 389

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TuiberaneE

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—

ur Nahrung, sondern auch die Kür und Wahl zu Ehren und
chmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja,
größer Schmuck, Nutzen, Ehre und Frommen sind, beide zur hei⸗
ligen Schrift zu verstehen und weltlich Regiment zu führen, wollen
wir verachten, und der ausländischen Waaren, die uns weder
noth noch nütze sind, dazu uns schinden bis auf den Grat (Rück⸗
grat), der wollen wir nicht entrathen. Heißen das nicht billig
deutsche Narren und Bestien?“ Seite 89 heißt es: „Denn das
konnen wir nicht leugnen, daß, wiewohl das Evangelium allein
durch den Heiligen Geist ist kommen und täglich kommt, so ist's
doch durch Mittel der Sprachen kommen und hat auch dadurch
zugenommen, muß auch dadurch behalten werden.“ Seite 93
und 94: „Und hie“ (nämlich wie man geschickte Leute zum welt⸗
lichen Regiment bekomme) „bieten uns die Heiden einen großen
Trotz und Schmach an, die vor Zeiten, sonderlich die Römer und
Griechen, gar nichts gewußt haben, ob solcher Stand Gott ge⸗
fiele oder nicht, und haben doch mit solchem Fleiß und Ernst die
jungen Knaben und Mädchen lassen lehren und aufziehen, daß
sie dazu geschickt wurden, daß ich mich unserer Christen schämen
muß, wenn ich daran denke, und sonderlich unserer Deutschen,
die wir so gar Stöcke und Thiere sind und sagen dürfen: Ja, was
sollen die Schulen, so man nicht soll geistlich werden? Da wir doch
wissen oder ja wissen sollen, wie ein nöthiges und nützes Ding es
ist und Gott so angenehm, wo ein Fürst, Herr, Rathsmann oder
was regieren soll, gelehrt und geschickt ist, denselben Stand christ⸗
lich zu führen. Wenn nun gleich (wie ich gesagt habe) keine Seele
wäre und man der Schulen und Sprachen gar nicht bedürfte um
der Schrift und Gottes willen, so wäre doch allein diese Ursache
genugsam, die allerbesten Schulen, beide für Knaben und Mäd⸗
chen, an allen Orten aufzurichten, daß die Welt, auch ihren welt⸗
lichen Stand äußerlich zu halten, doch bedarf feiner, geschickter
Männer und Frauen.“ R. v. A.

Visitation in Brasilien.

I.

Unsere im Jahre 1902 versammelte Delegatensynode faßte
in Bezug auf unsere Mission in Brasilien unter anderm auch
folgenden Beschluß: „Beschlossen, daß die Synode dem Präses
des Südlichen Districts empfiehlt, so bald als möglich eine
Visitation in Brasilien durch die Allgemeine Missionscommission
ins Werk setzen zu lassen.“ Der Unterzeichnete wurde mit der
Ausführung dieses Beschlusses beauftragt. So schwer es ihm

Naus naheliegenden Gründen auch wurde, sich zu einer solchen
Visitationsreise zu entschließen — handelte es sich doch auch um
eine fünf Monate währende Abwesenheit von seiner Gemeinde —,
so erkannte er es doch als Gottes Willen, den Auftrag der
Synode auszuführen, nachdem auch seine Gemeinde die Er⸗
laubniß zu dieser Reise gegeben hatte. Nun, da die Visitation
unter Gottes Schutz und Segen geschehen ist, beeilt sich der
Unrterzeichnete, den werthen „Lutheraner“⸗Lesern einen vor⸗
läufigen Bericht über seine Visitationsreise zu geben.“) Da

*) Der Bericht ist schon seit Anfang October in unsern Händen, konnte
aber aus Mangel an Raum nicht früher im Druck erscheinen.
Die Redaction.

der nächsten Delegatensynode ein ausführlicher Bericht vorgelegt
werden wird, so soll für diesmal nur im Allgemeinen berichtet
werden.

Am 2. April verließ der Unterzeichnete Chicago und fuhr,
von P. Keyl an Bord begleitet, am 5. April mit dem Dampfer
„Tennyson“ von New Vork ab. Nach einer ruhigen Fahrt lang⸗
ten wir am 23. April in Rio de Janeiro glücklich an, nachdem
das Schiff 6000 Meilen zurückgelegt hatte. Zwei Tage später
wurde die Reise auf einem Küstendampfer nach der 720 Meilen
entfernten Stadt Rio Grande fortgesetzt. Die Fahrt, diesmal
eine sehr rauhe, nahm neun Tage in Anspruch. In Rio Grande
traf der Unterzeichnete mit P. Mahler zusammen, der, weil des
Weges kundig, ihn auf der ganzen Visitationsreise begleitete.
Ohne dessen treue Begleitung hätte die Visitation in der gegebe⸗
nen Zeit nicht nur nicht ausgeführt werden können, sondern der
Unterzeichnete würde bei seiner Unkenntniß von Land und Sprache
in große Verlegenheit gerathen sein.

Am 5. Mai begann die eigentliche Visitationsreise und währte
bis Ende Juni. In dieser Zeit wurden über 1700 Meilen zurück⸗
gelegt, zum großen Theil auf Colonistenwagen. Bei dieser Ge⸗
legenheit sei bemerkt, daß das ganze Missionsgebiet in drei Con⸗
ferenzdistricte eingetheilt ist, nämlich in den Sao Lourenzer, den
Porto Alegrenser und den Nordwestlichen District. Im erste⸗
ren District liegen die Gemeinden der Pastoren Schulz, Brandt,
Stiemke (inzwischen nach Sao Leopoldo berufen), Vogel und
Hartmeister. Im zweiten District stehen die Pastoren Mahler,
Frehner, Stiemke, Müller, Klein und Lehrer Wilke. Zu diesem
District gehören noch zwei neue Gemeinden, die kürzlich Can⸗
didaten berufen haben. Zu dem Nordwestlichen District ge⸗
hören die Pastoren Wittrock, Petersen, Kern, Möller, Harder
und Zander.

Die Visitation begann im erstgenannten Conferenzdistricte,
und der erste Besuch galt der Gemeinde in Sao Pedro, 32 Mei⸗
len von Pelotas, an welcher P. Schulz steht. Diese, wie auch
die Nachbargemeinde P. Brandts, unterscheidet sich von den drei
andern in diesem Gebiet liegenden Gemeinden darin, daß sie von
uns gegründet worden ist, während die übrigen von sogenann⸗
ten Schulmeistern, die zugleich pastorirten, Jahre lang zu deren
großem Schaden „bedient“ worden sind. In Folge dessen ist die
Arbeit in diesen so lange verwahrlosten Gemeinden weit schwie⸗
riger als in den beiden ersten und erfordert viel Weisheit und
Geduld Seitens unserer Pastoren. In der Gemeinde zu Sao
Pedro war es dem Unterzeichneten bei der Visitation nicht an⸗
ders, als ob er sich in einer unserer hiesigen Landgemeinden be⸗
fände. Diese Gemeinde wurde durch P. Broders gegründet, er⸗
hielt nach dessen Rückkehr nach Nordamerica P. Mahler zum
Seelsorger, wurde, als P. Mahler nach Porto Alegre übersiedelte,
zeitweilig von P. Müller bedient und hat nun in P. Schulz ihren
Seelsorger.

Die Visitation wurde in folgender Weise ausgeführt: Pre⸗
digt durch den Unterzeichneten, Gemeindeversammlung, Besuch
der Schule. In einigen Gemeinden mußte Umstände halber die
Predigt wegfallen. In den Versammlungen wurde die Visita⸗
tion in der unter uns üblichen Weise ausgerichtet und unter an⸗
derm auch gefragt, wie viel die Gemeinde für den Gehalt des
Pastors aufbringe, ob und welche Aussicht auf Zuwachs vorhan⸗
den sei ꝛc., und natürlich wurden auch die nöthigen Ermahnungen

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