Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 24 › Seite 376
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. November 1905, Seite 376
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VuißeraneE
sonst einen guten Zweck, daß Gott ihr Kind so weit gebracht und
gesegnet hat. Und wie viele solcher Gelegenheiten gäbe es noch:
Wiedergenesungen aus schwerer Krankheit, Gebetserhörungen, Kind⸗
taufen, Hochzeiten. Wenn man sieht, mit wie viel Aufwand und
Verschwendung diese Familienfeste oft gefeiert werden, muß man an
des deutschen Dichters Rückert Wort denken:
ö Gäben wir die Hälfte dessen
(Oder doch das Geld dafür),
Was wir krank uns machend essen,
Denen, die macht Hunger krank,
Könnten wir und sie gesunden
Und uns für die guten Stunden
Gegenseitig sagen Dank.
Daß aber nicht bloß aus einem Haus, in dem die Freude ein⸗
gekehrt ist, sondern auch aus einem Trauerhaus und über einem Ent⸗
schlafenen ein Dankopfer kommen kann, das hat ein noch lebender
Pastor erfahren. Nach dem deutsch⸗französischen Krieg kam ein älterer
Bauersmann zu ihm. „Was führt Sie zu mir, lieber Freund?“
„Ich möchte gern dem HErrn ein Dankopfer bringen“ — und damit
zog er ein Goldstück hervor und fügte hinzu: „Heute vor zwei Jahren
ist mein Sohn in St. Privat gefallen; er stand bei der Garde im
Regiment Königin Elisabeth.“ „Und dafür bringen Sie ein Dank⸗
opfer?“ „Ja“, sagte der Vater, und sein Auge wurde feucht, und
auf seinem Gesicht lag ein wunderbarer Freudenschein, „denn ich weiß,
daß dieser mein Sohn selig gestorben ist.“ „Woher wissen Sie denn
das?“ „Er hat in seinem letzten Brief, am Abend vor der Schlacht
noch einmal seinen Glauben an IEsum, seinen Heiland, und an die
Vergebung der Sünden durch sein Blut fest bekannt, und im Glauben
an ihn ist er gestorben! Darum weiß ich, daß dieser mein Sohn mir
unverloren ist und daß ich ihn einmal wiederfinden werde. Sollte
ich dafür nicht danken?“
Ja, wahrlich, einen Menschen, den man lieb hat, selig gestorben
und ewig geborgen zu wissen, das ist auch etwas, wofür man ein
Dankopfer bringen kann. Ein Dichter singt:
HErr IEsu, unser Leben,
Mit Thränen dankt man dir,
Daß du uns Trost gegeben,
Denn davon leben wir.
Was tröstet uns? Das Hoffen,
Wie gut ist's Christi sein!
Man sieht den Himmel offen
Und nicht das Grab allein.
Ja, laßt uns das Dankopfer nicht vergessen!
Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.
Unter der Nummer 416 findet sich in unserm Gesangbuche ein
kurzes, aber ergreifend ernstes Lied. Es beginnt mit den Worten:
„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“ Die Melodie
des Liedes ist etwas schwierig und fremdartig, und so wird es mancher⸗
orts in der Kirche und Schule nicht gesungen und bleibt darum leider
von vielen ziemlich unbeachtet. Das Lied wäre es aber werth, daß
wir alle es auswendig wüßten. Der erste Vers stammt von Notker
dem Aelteren, dem Vater der lateinischen Kirchenlieder des Mittel⸗
alters, die beiden brigen sind von Luther hinzugefügt, der auch den
ersten Vers umdichtete. Notker der Aeltere, oder Balbulus, das heißt
der Stammler, ist ums Jahr 850 bei St. Gallen geboren und in dem
dortigen bekannten Kloster als Benedictinermönch im Jahre 912 ge⸗
storben. Ein Geschichtsschreiber St. Gallens, der in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts lebte, gibt uns über die Entstehung der ersten
Strophe einige Auskunft. Er erzählt, daß über die Goldach in der
fürchterlichen Schlucht des Martinstobels in der Schweiz eine Brücke
geschlagen worden sei. Notker habe dem gefährlichen Baue zugeschaut
und beim Blick in die schauerliche Tiefe, UÜber der die Männer schweb⸗
ten und arbeiteten, habe er in seinem Herzen den Gedanken bewegt:
Media in vita in morte sumus, das heißt: „Mitten im Leben sind
wir im Tode.“ Aus solchen Betrachtungen heraus sei das kleine und
berühmte Lied entstanden. Da und dort wurde dann das ernste Lied
als Schlachtgesang angestimmt, in späterer Zeit ist es bei Beerdigungen
und dann Überhaupt „in allen großen Nöthen“ gesungen worden.
Allmählich wurde es zum Volksliede, das man bald auch aus der
lateinischen Sprache ins Deutsche übertrug.
Schlicht und einfach, aber ergreifend sind die Worte, mit denen
der Dichter anhebt: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod um⸗
fangen.“ Wer auf der Höhe des Lebens steht und sich seiner frischen
Kraft und seiner vollen Gesundheit erfreut, der meint wunder wie
lange noch leben, streben und arbeiten zu können. Aber finstere Todes⸗
mächte umgeben uns von allen Seiten, wir schweben in steter Todes⸗
gefahr, und gar oft heißt es: „Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
es reißt ihn fort vom vollen Leben.“ Mit tausend Masten segelt
der Jüngling hinaus auf den Ocean des Lebens; aber Klippen drohen
überall, an denen das Schifflein zerschellen kann. Stürme toben,
Mast und Segel brechen, der Abgrund sperrt den Rachen auf, das
Schifflein zu verschlingen. Wie an einem Faden hängt unser Leben,
und wie leicht bricht der Faden gleich dem schwachen Garn des Webers.
Wie mancher hat schon mit dem Psalmisten ausgerufen: „Mein Gott,
nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage!“ Ps. 102, 25.
Wie mancher sieht seine Sonne am hellen Mittag untergehen, Amos
8, 9., und muß klagen: „Du machst es mit mir ein Ende den Tag
vor Abend“, Jes. 38, 12.
In solcher Todesnoth schaut der fromme Dichter sich nach Hülfe
um. „Wen suchen wir, der Hülfe thu, daß wir Gnad erlangen?“
Bei Menschen findet er sie nicht; wie ohnmächtig sind wir alle dem
Tod gegenüber! Darum schaut er in seiner Angst und Noth aufwärts
zu dem, der allein aus dem Tode retten kann. „Das bist du, HErr,
alleine!“ Doch, dürfen wir auch zu ihm kommen? Er ist heilig,
wir sind Sünder und haben durch unsere Missethat den HErrn erzürnt,
bei dem allein unsere Hülfe steht. Und diese Sünde stellt sich berge⸗
hoch zwischen uns und den, der Augen hat wie Feuerflammen. Wie
ein Blitz in dunkler Nacht die weite Landschaft erhellt und sichtbar
macht, so werden in unserer bittersten Noth unsere Sünden ins Licht
gestellt. Sollen wir fliehen? Der Dichter unsers Liedes thut es
nicht. Das ist nun eben das Merkwürdige, daß er sich gerade zu dem
HErrn wendet, vor dem er zurückweichen und fliehen möchte. Er
thut es, weil er ihn nicht nur als heiligen, gerechten und zürnenden
Gott, sondern auch als gnädigen, barmherzigen Heiland kennt. Vor
ihm wirft er sich nieder und fleht in seiner Leibes⸗ und Seelennoth:
„Heiliger HErre Gott! Heiliger, starker Gott! Heiliger, barmher⸗
ziger Heiland!“ Dreimal ruft er den HErrn an, immer lauter und
kräftiger dringt der Ruf aus dem gepreßten Herzen, immer flehender
wird der Nothschrei, der zum Himmel emporsteigt. Bei seinem Hei⸗
landsnamen nennt er den heiligen Gott, und weil er diesen köstlichen
Namen in den Mund nehmen darf, hofft er auch zuversichtlich, daß
Gott das Schreien des Elenden hören werde. „Du ewiger Gott!
Laß uns nicht versinken in des bittern Todes Noth! Kyrie Eleison!
Erbarm dich unser!“
Gewiß, ein herrliches Lied, ein Kleinod ist es, das wir vor uns
haben, wohl werth, daß wir uns in seine Gedanken versenken. Luther
hat das gethan, und weil er in einen noch fürchterlicheren Tobel, in
einen schrecklicheren Abgrund hinuntergeschaut hat als Notker, „in der
Höllen Rachen“, so hat er noch zwei weitere Verse hinzugedichtet und
dadurch das Lied zu einer wahren Perle im Liederschatze unserer Kirche
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