Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 20 › Seite 320
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Oktober 1908, Seite 320
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tod 3 · Wiedergeburt 10 · Zeit 2
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hilft der Sache des HErrn besser vorwärts als eine feine, große
Kirche, auf welcher eine schwere Schuldenlast ruht, deren Zinsen
allein die Mitglieder mutlos machen. Man erwarte nicht, in
einem Tage selbständig zu werden. Einige Jahre in einer Halle
oder in einem „Storet schaden nichts, sondern können von Nutzen
sein, indem sie den Leuten Kraft geben, später größere Lasten zu
tragen.“ Ohne Zweifel sind diese Worte aus der Erfahrung heraus
geschrieben und auch in unsern Kreisen zu beherzigen. L. F.
Das Neueste auf dem Gebiet des marktschreierischen Kirchen⸗
tums in unserm Lande ist die Man's Ohurch“ in Atlantic City,
N. J. An einem der letzten Sonntage war sie gedrückt voll. Nicht
nur wurden Pfeifen, Tabak und Zigarren frei geliefert, die man
in der Kirche rauchen durfte, sondern es gab auch Darstellungen
lebender Bilder, stereoptische Ansichten biblischer Geschichten und
Gesangsvorträge von professionellen Sängern. Und zwischen den
einzelnen Nummern „predigte“ der „Pastor“ der Kirche, Sidney
Goodman, unter lautem Beifall darüber, daß jeder Mensch mehr
Gott als Teufel in sich habe und man nur das Göttliche in ihm
herauszubringen brauche. Und das bezeichnet man dann mit dem
schönen Namen Gottesdienst! Fleischesdienst wäre passender.
L. F.
Keine Zeit.
Viele sagen: „Ich habe keine Zeit, mich mit Religion, mit
Gottes Wort und Gebet, zu beschäftigen.“ Eine alte Frau er⸗
widerte einmal jemandem, der so sprach: „Alle Zeit, die es gibt,
steht Ihnen zur Verfügung.“ Und das ist auch richtig. Niemand
hat mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage, und du hast nicht
weniger.
Was machst du mit deiner Zeit? Du bist schuldig, einen Teil
deiner Zeit auf Gottes Wort zu verwenden. Und wenn du die
Zeit, die Gott gehört, auf anderes verwendest, so raubst du ihm,
was sein ist.
Hat dir schon je die Zeit gefehlt, dich anzukleiden? Nein,
gewiß nicht; man nimmt sie sich eben. Ganz recht! Warum
nimmt man sich nicht die Zeit, sich in die Gerechtigkeit IEsu Christi
einzuhüllen wie in ein Gewand? Sage also nicht, du habest
keine Zeit!
Oder hast du jer einen ganzen Tag zugebracht, ohne zu essen,
weil du keine Zeit hattest? Du hast dich dreimal zu Tische gesetzt
und dein Frühstück, dein Mittagessen und dein Abendbrot zu dir
genommen. Ganz recht; aber wie, hast du nicht ein einziges
Mal Zeit gehabt, deine Seele mit dem Worte Gottes, dem wahren
Lebensbrote, zu nähren? Das kannst du mir nicht einreden.
Auch hast du Zeit gehabt, dich zu waschen, zu kämmen, dich
im Spiegel zu betrachten. Da solltest du auch Zeit haben, die
Flecken in deiner Seele zu untersuchen und sie durch das Blut
Christi abwaschen zu lassen.
Du hast keine Zeit? Warum verlierst du sie denn noch
in leerem Geschwätz und eitlen Vergnügungen? Wie verbringen
denn die Leute, die sagen, sie hätten keine Zeit, ihre Tage? Das
kannst du täglich in der Welt sehen. Und doch sagen sie, sie haben
keine Zeit!
Du hast keine Zeit? Und doch erweiterst du deine irdische
Tätigkeit. Du hast einen Laden, du vergrößerst ihn oder eröffnest
einen zweiten. Ja, wie willst du einer so ausgedehntent Tätigkeit
genügen? „O, ich werde schon Zeit finden“, antwortest du mir.
So? Ich glaube es auch; aber ebensogut würdest du Zeit finden,
für dein Seelenheil zu sorgen, wenn du nur wolltest. Wenn du
sagst, du habest keine Zeit, so lügst du deinem Gott.
Mensch eine Arbeit unternehmen will, so nimmt er sich Zeit, wenn
er keine hat. Wenn man will, so kann man.
Und laß dir nur sagen, daß deine Geschäfte auch besser gingen.
Wenn ein
wenn du mit deinem Gott im reinen wärest. Wenn es mit ihnen
schlecht steht, so kommt es wohl daher, daß es mit dir selbst schlecht
steht. Gott widersteht denen, die ihm widerstehen
In einex kleinen Bergkirche in Italien sah ich einmal unter
vielen Bildern eins, das mir zu denken gab. Es stellte einen
Ackersmann dar, der seinen Pflug auf einen Augenblick verlassen
hat, um zu beten, und vor dem geöffneten Himmel kniet. Damit
er aber ob dem Gebet keine Zeit verliere, ackert indessen ein Engel
für ihn. Ich weiß kein Beispiel, daß je ein Engel für jemanden,
der gebetet hat, geackert habe; aber ich weiß, daß für einen, der
betet, der Erfolg derselbe ist. Ich glaube, daß, wenn wir am
ersten nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit trachten,
uns alles andere zufallen wird, Matth. 6, 33.
Das Sterben eines Zuchthäuslers.
Selbst unter den Zuchthäuslern galt er als ein sonderlicher
Verbrecher. Zehn Vorstrafen hatte er schon verbüßt. Jetzt war
er zu fast vierzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt! Diese
Verurteilung hatte ihn in hohem Maße verbittert und sein Herz
verschlossen. Einen grimmigen Haß hatte er auf den Anstalts⸗
direktor geworfen und ihm wegen einer mit Recht zuerkannten
Strafe den Tod zugeschworen, ja schon den bestimmten Plan ge⸗
faßt, ihn mit seiner ganzen Familie zu ermorden. Jede Annähe⸗
rung des Anstaltspredigers wies er zurück. So dauerte es lange
Zeit. Aber endlich wurde auch dieses harte Herz erweicht.
Was hat diese Veränderung hervorgebracht? Sicher ist das
Wort Gottes ihm nach und nach doch zu mächtig geworden. Viel⸗
leicht trug auch ein Wechsel im Direktorat und ein freundlich teil⸗
nehmendes Wort des neuen Vorstehers dazu bei. Die erste Ver⸗
änderung merkte man aus den Briefen des Gefangenen, die dem
Direktor und dem Prediger vorgelegt werden müssen. Es war dem
Gefangenen etwa ein Jahr vor seinem Ende gelungen, die Adresse
seiner Kinder zu erfahren und mit ihnen die lange unterbrochene
Verbindung wiederherzustellen. Mit dem Gedanken an seine Kin⸗
der scheint die Sehnsucht nach dem einst glücklichen irdischen Heim
erwacht zu sein und damit nach und nach auch das himmlische
Heimweh. Er demütigte sich vor seinen Kindern. Er bekannte
ihnen, daß er wieder im Zuchthause weile. Er warnte sie vor
einem Leben, wie er es geführt habe. Daneben wies er sie auf
Gott den HErrn und bat sie, sein Wort nicht zu verachten und den
öffentlichen Gottesdienst nicht zu versäumen. In zarter Weise,
wie es zarter kaum ausgesprochen werden kann, ermahnte er sie,
das Grab ihrer Mutter in Ehren zu halten und am Grabe der
Mutter gemeinsam zu geloben, ein frommes, gottesfürchtiges Leben
zu führen. ‚ 7
Seitdem war er empfänglich für jeden Beweis menschlicher
Teilnahme; er wurde in seinem ganzen Wesen ein anderer. Da
legte ihn Gott auf ein schweres Krankenlager. Monatelang hatte
er ein schmerzliches Lager. Aber gerade da zeigte es sich, daß
seine Umkehr echt gewesen war. Keine Klage kam in diesen Mona⸗
ten von seinen Lippen, selbst dann nicht, wenn er mit seinen Lei⸗
densgenossen allein war. Auf seinem Angesichte leuchtete der
Friede, den er gefunden hatte. Immer und immer wieder ver⸗
sicherte er: „Ich bin vollkommen zufrieden; ich bin glücklich; ich
habe gar keine Wünsche mehr.“ Eine besondere Freude bereiteten
ihm die Briefe und Besuche seiner Kinder; seine einzige Sorge und
sein Wunsch war, daß seine Kinder gottesfürchtig und christlich
leben möchten. Das versicherte er ihnen schriftlich wie mündlich
in der herzlichsten Weise. Das sagte er aber vor allen Dingen
seinem Gott in täglicher treuer Fürbitte für seine Kinder.
In seinem Leiden war er dankbar für das geringste Gute,
das man ihm erwies, für das kleinste Zeichen der Teilnahme, für
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