Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 9 › Seite 170
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 27. April 1915, Seite 170
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„„Vutheraner
kommen. Bedenke ferner: Unsere Trustees dürfen doch nicht mit
unserm Gemeindeeigentum schalten und walten, wie sie wollen,
und wir bezahlen dann hinterher die Rechnungen! Und wenn
unsere Vorsteher Regeln und Ordnungen machen wollten, denen
wir uns einfach fügen müßten, ei, da gäbe es bald ein Drunter
und Drüber in der Gemeinde. Nein, Willem, die Gemeinde
ist innerhalb ihres Kreises das höchste Gericht und nicht der
Kirchenvorstand. Und darum sollen sich auch die Gemeindeglieder
zu Gemeindeversammlungen einfinden.“
„Fritz, du hast mich nicht recht verstanden. Das war nicht
mein Sinn. Wenn ich vorhin gesagt habe: „Auf mich kommt's
in der Gemeindeversammlung nicht an“, so war dies meine
Meinung: Was soll ich so wichtig tun und mich vordrängen?
Was die Majorität beschlienst, damit bin ich zu⸗
frieden.“
„Wenn aber jeder so dächte wie du, Willem, dann gäbe es
gar keine Majorität, ja, schließlich wäre alles unserm Pastor
überlassen. Neue Glieder aufnehmen, Glieder entlassen, Glieder
in Kirchenzucht nehmen, die Gottesdienstordnung ändern, Gelder
verwalten, Lehrer anstellen, das Eigentumn instand halten, das
alles und noch viel mehr soll unser Pastor tun? Ja, ja, so
macht's der Priester an der Broadway. So will's aber unser
Pastor, Gott sei Dank, nicht machen, und ich halte auch mehr von
den Rechten und Pflichten eines Gemeindegliedes, als daß ich alles
aus den Händen geben möchte. Selbst die hohen Apostel haben,
wie der Pastor das neulich erst wieder ausgeführt hat, die Menge
der Gläubigen einberufen, wenn etwas in der Gemeinde zu ord—⸗
nen war, zum Beispiel die Versorgung der armen Witwen in der
Gemeinde zu Jerusalem durch Armenpfleger. Damals sind die
Glieder auch zusammengekommen und nicht daheim geblieben.
Einer hat dem andern ein gutes Beispiel gegeben. Und wenn
du dir alles nochmals überlegtest und mit gutem Beispiel voran⸗
gingest, so würden gewiß auch andere“ —
„Hat sich was mit dem guten Beispiel, Fritz! Was soll ich
denn in der Gemeindeversammlung tun? Durch Schaden wird
man klug. Da habe ich einmal in der Versammlung gesessen und
hatte den Kopf voller Gedanken, daß ich eine Predigt hätte machen
können bis dort 'naus. Und ohne recht zu bedenken, was ich tat,
hob ich meine Hand auf und meldete mich zum Wort. Als dann
über eine Weile der Vorsitzer sagte: „Willem hat das Wort!“ da
stand ich auf, und mit einem Mal waren alle meine Gedanken
wie fortgeflogen. Da stand ich nun; mein Herz hat geklopft, und
alle haben mich angesehen, daß es mir ganz elend zumute ge—
worden ist. Und alles, woran ich denken konnte, war: „Herr
Vorsitzer und liebe Brüder, ich meine, der gemachte Vorschlag ist
gut, und wir sollten alle dafür stimmen.“ Dann habe ich mich ge—
setzt und bin so schwach gewesen, als hätte ich eine Tagesarbeit
geleistet. Geärgert habe ich mich wie noch nie, daß ich so hinein—
gefallen bin. „Willem“, habe ich mir gesagt, ‚du warst wie der
Esel, dem's zu wohl wurde, und der dann aufs Eis ging.
Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ Nie wieder will ich so eine
Angst und Herzbeklemmung durchmachen. Darum nochmals:
Was die Majorität beschließt, damit bin ich zufrieden.“
„Übung macht den Meister, Willem. Es war dein erstes
Mal, daß du öffentlich bei uns geredet hast. Und der Pastor
hat damals zu mir gesagt: „Es hat mich gefreut, daß unser neues
Gemeindeglied, der Willem, seine Meinung ausgesprochen hat.
Ich wünsche nur, es würden alle in der Gemeinde dasselbe tun.“
Übrigens, wenn du später ab und zu in den Versammlungen, die
gleich nach dem Gottesdienst abgehalten wurden, aufgestanden bist,
habe ich nie gemerkt, daß dir das Reden schwer wird. Wenn man
einmal die erste Angst überwunden hat und ein rechtes Interesse
nimmt an den Verhandlungen der Gemeinde, da finden sich schon
die Worte. Und je freier man sich ausspricht, desto besser ist es.
Das Gebrumm und Gemunkel hinten herum nützt nichts und
Gerad' und
bessert nichts, sondern schadet nur der Gemeinde.
ehrlich zum Punkt gesprochen, das ist die Hauptsache. Wenn die
Worte auch nicht immer die gewähltesten sind, was macht das
aus? Wir sind nicht daraufhin einstudiert. Die Meinung ver⸗
steht man doch, und als verständige Christen gehen unsere Mit⸗
glieder darauf ein.“
„Gerad' und offen zum Punkt soll man sprechen, sagst du,
Fritz? Jawohl!
kann man sich nur, sich um die Nachtruh' bringen und sich Feinde
machen! Wenn man seine Meinung rund heraus gesagt hat,
steht manchmal so ein Mitbruder auf, der gar keine Einsicht in die
Sache genommen hat, aber recht klug sein will, und sagt das
gerade Gegenteil und möchte einem alles über den Haufen werfen.
Die „Krenk könnte man kriegen. Und überhaupt, wenn ein
Reicher etwas sagt, so hat das Gewicht; wenn aber unsereins
dasselbe sagt, hört kein Mensch drauf. Ja, ja, ich bin es nicht
allein, der so denkt. Der Hermann hier im nächsten Block hat
mir einmal ganz tiefsinnig gesagt: „Willem, wir Gemeindemit⸗
glieder sind alle Brüder untereinander. Das ist richtig! Den
Unterschied merkt man aber oft in der Gemeindeversammlung.“
„Ruhig Blut, Willem, ruhig Blut! Rede dich nur nicht in
die Hitze hinein! Du läßt dir doch sonst nicht dein nüchternes
Urteil trüben durch allerlei albernes Geschwätz. Wozu sind denn
die Gemeindeversammlungen da? Doch dazu, daß ein jeder seine
Meinung für oder gegen eine Sache ausspricht, offen und ehrlich,
aber ohne zu zanken und zu poltern; denn das ziemt sich nicht für
einen vernünftigen Christenmenschen. Wenn darum ein Bruder
eine andere Meinung hat als du, vielleicht gar das Gegenteil für
angebracht hält, darf er sich dann nicht aussprechen? Erwartest
du wirklich, daß er um deinetwillen schweigen soll? Und was du
da von den reichen Gliedern in der Gemeinde gesagt hast, ist
nichts anderes als dumme Rederei, die du selber nicht glaubst,
die aber viel Unheil anrichten kann. Sieh einmal: Wenn ein
wohlhabender Bruder, der Herz und Hand auf dem rechten Fleck
hat, bei der Beratung über etwaige Neuausgaben einen vernünf⸗
tigen Vorschlag macht, ei, sollte das nicht Eindruck machen? Wie
ganz anders hört sich aber solch ein Vorschlag an, wenn er aus⸗
geht von einem, der immer nur glatt sprechen kann, aber sonst
nicht Hand anlegen will, obgleich er es könnte, um die Sache
durchzuführen! Macht da die Gemeinde einen Unterschied
und zieht den einen dem andern vor? Doch nicht!
Willem, nimm dich in acht, daß du dich nicht von Verdacht und
Argwohn hinreißen läßt! Doch, wenn die wohlhabenden Glieder
immer den Ausschlag geben sollen, nur weil sie ein wenig mehr
Geld haben, dann brauchten wir ja am Ostermontag gar keine
Versammlung abzuhalten. Es wäre dann nur nüötig, unsern
reichen Mitbruder Peters zu fragen, ob unser Herr Lehrer bleiben
darf oder gehen soll.“
„Was sagst du da, Fritz! Ob unser Herr Lehrer bleiben
soll? Unser Lehrer? Natürlich bleibt er! Einen besseren Lehrer
könnten wir doch gar nicht bekommen. Die Kinder gehen gerne
zu ihm in die Schule, sie lernen tüchtig und hängen an ihm,
daß es eine Freude ist. Die jungen Leute, die im Kirchenchor
singen — mein Heinrich und meine Marie gehören dazu —, sind
ganz begeistert über ihren Dirigenten. Und unser Jungmänner⸗ 44
verein — ja, aber, was hat denn Herr Peters mit unserm Lehrer T
zu tun?“
„Du weißt doch, Willem, daß der Lehrer den Herrn Peters
ein wenig energisch anfassen mußte wegen seines Jungen, der
ein rechter Ausbund zu werden drohte, und wie Bruder Peters
Nun könnte es möglich sein, Y
dann so hitzig darüber wurde.
daß Herr Peters in der Gemeindeversammlung sich dahin äußert,
daß unser Lehrer gehen“ —
Und wenn man's tut, was dann? Urgern
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