Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 259

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 259

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeit · Kirchengemeinſchaften 3

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Was haben wir für Anzeichen dafür, daß wir in der
Zeit des letzten, großen Abfalls leben?

Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du,
daß er auch werde Glauben finden auf Erden?
Luk. 18, 8.

Die Liebe wird in vielen erkalten.

III.

Auf die Zeichen eines großen Abfalls innerhalb der
Christenheit wollen wir jetzt unser Augenmerk richten. Bisher
ist geredet worden von den Mächten der Verführung, die außer⸗
halb der sichtbaren christlichen Kirche tätig sind und durch ihre
Gewalt und große Zahl viele zum Abfall von der einst er—
kannten Wahrheit bringen.

Es hat niemals an falschen Lehrern innerhalb der
christlichen Kirche gefehlt. Schon Paulus hatte solche Leute
zu bekämpfen, wie der Leser aus den Briefen an die Galater,
an die Thessalonicher und an die Korinther erkennen kann.
Und wenn wir die große Zerspaltenheit der christlichen Kirche
in unserer Zeit betrachten, so liegt auch darin ein Beweis, daß
falsche Lehrer „Zertrennung und Argernis angerichtet“ haben.
Es bestehen zurzeit sechzehn methodistische Gemeinschaften, zwölf
mennonitische, fünfzehn baptistische, einundzwanzig lutherische
usw. Das ist Trennung genug, und das Argernis ist auch da;
denn schon allein durch diese Gespaltenheit der äußeren Chri⸗
stenheit wird mancher irre an seiner Kirche, dann an der
Religion überhaupt, verfällt in Zweifelsinn und geht schließ⸗
lich im Unglauben unter. Nichts erschwert die Missionstätig⸗
keit der Kirche so sehr wie die Trennung in ihren eigenen
Gliedern. Und daß es so steht, wie ist das gekommen? Durch
den Anhang, den Irrlehrer im christlichen Volk gefunden
haben.

In manchen Kirchengemeinschaften ist es schon so weit ge⸗
kommen, daß sie nur noch den christlichen Namen tragen, wohl
noch beim Volke als christliche Denominationen gelten, aber
ganz und gar von dem Boden christlicher Lehre abgewichen sind.
Durch die Schwarmgeister, die schon zur Zeit der Reformation
die Kirche wieder zu zerrütten drohten, sind die baptistischen
Gemeinschaften aufgekommen. Von den Baptisten wiederum
sind vor etwa hundert Jahren Alexander Campbell und dessen
Vater Thomas ausgetreten und haben die Gemeinschaft der
Disciples (Cam pbellites, auch CRurch of Ofrist genannt) ge—
gründet. Diese Leute haben kein Glaubensbekenntnis, sondern
sie geben vor, „die ganze Bibel“ sei ihr Bekenntnis. Alexander
Campbell, ihr Gründer, war von den Baptisten, und vorher
schon von Presbyterianern, ausgetreten, weil er einen Haupt⸗
artikel des Christentums, nämlich den Artikel von der Gott—
heit Christi, leugnete. Auch die Campbelliten unserer Tage
reden so zweideutig von der Dreieinigkeit, von der Gottheit
Christi und der Gottheit des Heiligen Geistes, daß man Zweifel
hegen muß, ob diese Gemeinschaft überhaupt noch christlich ge—
nannt werden darf. Und doch ist keine Sekte so eifrig an der
Arbeit, Lutheraner in ihr Garn zu locken, wie die Disciples.
Sie versuchen, besonders mit der Redeweise Lutheraner irre—
zumachen, daß Luther ein großer Mann Gottes gewesen sei;
nur hätte er noch fünfzig Jahre leben sollen, dann hätte er
auch durch Untertanchen getauft. Da gilt es, diese Leute über
die Gottheit Christi zu befragen; man wird finden, daß sie
noch demselben Irrtum huldigen, der zum Austritt ihres

Matth. 24, 12.

Gründers aus der Presbyterianerkirche und dann zum Aus—
schluß aus der Gemeinschaft der Baptisten führte.

Eine andere Gemeinschaft, die so weit von den Grund—
wahrheiten des Christentums abgefallen ist, daß man Zweifel
hegt, ob ihr der Name „christlich“ noch gebührt, ist die sogenannte
Kongregationalistenkirche. In dieser Gemeinschaft
finden sich zwei Parteien, von denen die eine noch an den Haupt⸗
lehren der Heiligen Schrift festhält, die andere dagegen ganz
und gar unitarisch, das heißt, ungläubig, ist. Als zu Ehren
des berühmten Unitariers J. F. Clarke vor einigen Jahren
eine Gedächtnisfeier veranstaltet wurde, war außer promi⸗
nenten Unitariern ein Hauptredner der bekannte Kongregatio⸗
nalist Dr. Gordon. Vor uns liegt das Ordinationsprogramm
eines in Lucca, N. Dak., letztes Jahr ordinierten Kongrega⸗
tionalisten. Es enthält dieses Programm ein Glaubensbekennt⸗
nis des Pastors, in dem dieser unter anderm sagt, er glaube
an die Entwicklungslehre, Christus sei der Lehrer der besten
Philosophie und des vollkommensten Gesetzes, und die Kirche
habe die Aufgabe, Christum als das Muster eines frommen
Lebens zu predigen. Von dem Evangelium, das arme Sün⸗
der zu Gotteskindern macht, enthalten die sechs enggedruckten
Seiten dieses Glaubensbekenntnisses auch nicht ein Wort. Daß
die sogenannte liberale Partei in der Kongregationalistenkirche
die Herrschaft hat, beweist das Glaubensbekenntnis, das diese
Gemeinschaft auf der Versammlung ihrer Vertreter in Kansas
City im Jahre 1913 annahm. Dieses Glaubensbekenntnis
hat alle Artikel gestrichen, die das Christentum von andern
Religionen unterscheidet. Man kann also auch hier von dem
Abfall großer Massen von den Grundwahrheiten der christlichen
Lehre reden, wenn man sie nach ihrer öffentlichen Lehre beurteilt.

Aber auch in den christlichen Gemeinschaften, die noch in
ihrem öffentlichen Bekenntnis an den Hauptlehren des Evan⸗
geliums festhalten, die wir auch noch als christliche Gemein⸗
schaften anerkennen, ist ein großer Abfall von den Stücken der
Wahrheit, die sie einst gelehrt haben, zu verzeichnen. Und
das ist eine der betrübendsten Erscheinungen unserer Zeit, ja,
das ist ein so erschreckendes Zeichen, daß niemand davon hören
und lesen kann, ohne an jenes erschütternde Wort IEsu erinnert
zu werden: „Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest
du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?“ Es ist
wahr, jedes Abweichen von der Wahrheit führt Seelen ins
Verderben. Vor jeder falschen Lehre müssen wir warnen.
Wir nennen daher auch die reformierten Gemeinschaften nicht
nur andersgläubige, sondern, wenn wir genau reden wollen,
fal schgläubige Kirchen. Hingegen leugnen wir nicht, daß
es auch in diesen Kirchen fromme Christen gibt, wir hoffen
sogar, daß unter ihnen viele sind, die sich nicht auf die falschen
Lehren ihrer Gemeinschaft, sondern auf solche Stücke des Evan⸗—
geliums, die dort noch im Schwange gehen, verlassen und
durch Gottes Gnade, die sie im Glauben ergriffen haben, selig
werden. Aber gerade hierin zeigt sich der große Abfall, daß
nämlich

in der äußeren Christenheit unserer Zeit vielfach die Hauptstücke
christlicher Lehre geleugnet werdeu.
Sehen wir uns einige Gemeinschaften mit Rücksicht auf
diesen Punkt etwas näher an. Wir reden zuerst von den
Episkopalen. Gerade die Episkopalen machen beson—
dere Anstrengungen, Lutheraner an sich zu ziehen, indem sie

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