Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 271

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 271

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Tutherantd

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Schlossermeister, der nun längst begraben ist. Er befand sich
in angenehmen Vermögensverhältnissen, war aber in zweiter Ehe
nicht glücklich verheiratet. Sein Weib, eine resolute, zungen⸗
fertige Frau, übte eine zwingende Herrschaft über ihn aus. Trotz⸗
dem er sich dadurch in seinem Mannesstolze tief verletzt fühlte,
konnte er sich doch nicht dagegen wehren. So fing er an, je mehr
und mehr ein Wirtshausbummler zu werden, wobei er gewöhnlich
über den Durst trank, und dann gab's bei seiner Heimkehr hef⸗
tige Auftritte, schlimme Szenen.

Jedenfalls verstand es die herrschsüchtige und zungenböse
Frau nicht, den armen, gebundenen Mann richtig zu behandeln
und ihm sein Heim lieb und angenehm zu machen.

Eines Nachts hatte er im Kreise lustiger Zechbrüder den
Saufteufel wieder über sich Herr werden lassen, und als er am
Morgen in einem Schlafzimmer des Wirtshauses aus seinem
Rausche erwachte, da wagte er sich aus Scham und mehr noch aus
Furcht vor einer wüsten Szene nicht nach Hause, sondern ver⸗
lehte noch den ganzen Tag in Gasthäusern und Destillationen.
Aber je länger er vom Hause entfernt blieb, um so schwerer
wurde ihm die Rückkehr.

Während er so im Dusel die Straße entlang schwankt, fährt
ihm plötzlich ein Gedanke durch den dumpfschweren Kopf, ein Ge⸗
danke, den er auch sofort ohne langes Besinnen in die Tat um⸗
setzt. Eiligst, so schnell nur seine unsicheren Füße ihn tragen
können, läuft er zum Bahnhof und fährt mit dem nächsten Zuge
zuerst nach Leipzig und dann nach Dresden.

Auch hier trieb er sich zweck- und ziellos in der Stadt herum
und blieb zuletzt auf der großen Elbbrücke stehen und schaute so
eigentümlich in die an den Brückenpfeilern sich brechenden und
schäumenden Fluten hinab. Da war ihm zumute, als ob ihm
jemand zurufe: „Was zögerst du? Spring hinab! Hier oben
bist du doch zu nichts mehr nütze; nach Hause kannst du doch nicht
zurückkehren.“ ö

Während er da so stand und unschlüssig mit sich kämpfte,
trat ein frischer, treuherziger Knabe an ihn heran und schaute
auch in das Wasser hinunter, natürlich mit ganz andern Ge⸗
danken.

„So hoch ist die Elbe lange nicht gewesen wie heuer“,
meinte der Knabe. „Das kümmert mich nicht“, antwortete mür⸗
risch der Alte.

Diese Antwort gefiel dem Knaben nicht, darum ging er
weiter. Sogleich aber rief der Alte das Bürschlein zurück und
fragte ihn: „He, willst du mir 'n Gefallen tun?“ Bei diesen
Worten zog er seine Schnapsflasche aus der Rocktasche, gab sie
dem Knaben und ein Zweigroschenstück dazu mit der Bitte, ihm
in der nächsten Schenke Branntwein zu holen; das übrige Geld
sei seine Belohnung.

Mancher andere Junge hätte dem Alten am Brückenge⸗
länder ohne Gewissensskrupel den Gefallen getan, zumal ein
gutes Taschengeld dabei abfiel; allein hier waltete Gottes rettende
Hand.

Der treuherzige Knabe sah den Alten mit großen, wunder⸗
baren Augen an und sagte: „Mein Vater trinkt gar keinen
Vranntwein; er sagt immer: Der Branntwein macht die Men-—
schen dumm, roh, wüst, gottlos und zuletzt zu Selbstmördern.
Trink' du auch keinen; folg' meinem lieben Vater! Da hast du
dein Geld und deine Flasche wieder!“

Diese Worte des Kindes ergriffen den Alten wie eine Got⸗
tesstimme. In diesen wenigen Worten sah er sein ganzes Leben
aufgerollt und — gerichtet, gerichtet aus Kindesmund. „Dumm
— roh — wüst — gottlos — Selbstmörder!“ — o alles in ihm

geriet in Aufregung, und heiße Tränen liefen über seine ge⸗

furchten Wangen. „Reich' mir deine Hand, Kleiner. Gott segne
dich und deinen Vater! Du hast mir einen großen Dienst ge⸗

leistet, du hast einen Verzweifelnden gerettet, einer Seele vom
Tode geholfen. — Doch das verstehst du noch nicht. Hier, diesen
Taler bewahr' als Andenken an diese Stunde auf der Elbbrücke.
Leb' wohl!“

Der Alte hatte seinen Entschluß gefaßt. Er kehrte in herz⸗
licher Reue nach Hause zurück, bekannte dem gestrengen Weibe
seine Sünde und Irrfahrt und wurde durch Gottes Gnade wieder
ein Gotteskind, an dem der Saufteufel keine Macht mehr finden
konnte. Ich habe ihn, wie gesagt, gekannt und weiß, wie glücklich
er sich fühlte, als er durch Kindesmund von dem furchtbaren
Tyrannen Alkohol befreit wurde. Nicht unerwähnt darf gelassen
werden, daß der ganze Vorgang und die sichtliche Umwandlung
des Mannes auch auf sein Weib einen entscheidenden Einfluß
ausübte; sie wurde eine neue, von Gottes Geist erfüllte Kreatur,
die fortan dem Manne untertan war und mit ihrer Zunge Gottes
Gnade rühmte.

Lieber Leser, du stehst auch an einem wilden Strome. Du
kennst und siehst vielleicht auch manchen, der in einen noch schreck—
licheren, tieferen Abgrund hinabschaut als in den von der Elb⸗
brücke hinab zur gurgelnden Stromtiefe.

Tritt frisch und tapfer hinzu; hilf, rette, halte, stärke,
tröste! Vielleicht kannst auch du einer Seele vom Tode helfen.

„Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern
die Kranken.“

Hofprediger Frommel befand sich einmal zur Erholung in
dem Badeort Karlsbad. Eines Tages, als er in der Morgen⸗
frühe, von einem Spaziergang ausruhend, an einem Tisch saß,
kam ein fremder Herr an ihn heran und fragte ihn, ob er ein
Prediger sei. Als er die Frage bejahte und sogleich forschte,
was er von ihm wolle, sagte jener, er wolle nur ein Gespräch an⸗
fangen, und fing dann auch gleich an, aber ziemlich merkwürdig,
nämlich so:

„Sehen Sie, ich halte wenig von der Religion; Gott Vater
lasse ich mir noch gefallen, denn er ist zu notwendig; aber Gott
Sohn — da weiß ich mir gar nichts anzufangen damit. Das
brauche ich alles nicht!“

„So, so?“ erwiderte Frommel in aller Ruhe, wenn auch
erstaunt ob solchen überfalls. „Na, da wird sich ja Gott freuen,
daß Sie ihn noch leben lassen. Aber sagen Sie einmal: Was
sind Sie denn in der Welt?“

„Ein Pelzhändler.“

So, und sind auch reich und gesund, wie?“

„Nun, reich gerade nicht, aber was so wohlhabend heißt,
das bin ich; doch gesund bin ich leider nicht, sonst wäre ich ja
auch nicht hier in dem schönen Karlsbad.“

„So“, sagte Fromniel weiter, „wie oft sind Sie denn schon
in Karlsbad gewesen?“

„Zum erstenmal.“

„So, und wie alt sind Sie denn?“

„Vierundsechzig Jahre.“

„Ja, aber warum sind Sie denn nicht früher nach dem schö⸗
nen Karlsbad gekommen?“

„Ja, sehen Sie“, erwiderte der Pelzhändler, „ich war gesund
wie ein Fisch im Wasser; da kriege ich im Winter Schmerzen in
der Leber. Es sind Gallensteine, sagte der Doktor; nach Karls⸗
bad, nichts als nach Karlsbad, das hilft!“

„So, so“, sagte nun Frommel, „also vierundsechzig Jahre
nicht nach Karlsbad, da konnten Sie in der langen Zeit nichts mit
Karlsbad anfangen, und jetzt, da Sie Gallensteine haben, da kom⸗
men Sie her? Ich will Ihnen was sagen: Sehen Sie, nicht weit
von der Leber, da ist noch ein so fatales lebendiges Ding, das

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