Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 270

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 270

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SE Der Vutheraned

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„Major, Major! da kommt's her! Retten Sie sich!“ Ein an⸗
derer begehrte als einziges Labsal etwas Milchkaffee mit „Ein⸗
gebrocktem“, so wie man's bei Muttern hatte. Und jetzt, ehe
es zu den „Schreckenstagen“ kam, zog ein wechselvolles Bild an
unsern Augen vorüber. Am 15. trafen die ersten französischen
„Chasseurs“ ein, und in übertriebener Hast nahmen sie sofort
Besitz vom Post- und Bürgermeisteramt sowie vom Stations⸗
gebäude. Der Bürgermeister aber, der Postverwalter und ein
kaiserlicher Förster wurden abgefaßt und, nachdem man ihnen
Handschellen angelegt hatte, über die Grenze hinüber geschafft.
Tags darauf. Sonntag, den 16., war großartiger Einzug von
französischen Truppen zu Fuß und zu Pferd mit einem bedeu⸗
tenden Gefolge von Proviantwagen. Auf einer großen Wiese
wurde ein regelrechtes Lager eingerichtet, wo bald die fröhlichste
Stimmung herrschte. . . . Tags darauf horchte man ganz er⸗
staunt auf, als so gegen 1 Uhr zwölf Glockenschläge ertönten.
Was mochte das bedeuten? Hatte das viele Schießen — denn
die Kanonen hatten schon furchtbar gedonnert — das Uhrwerk in
Unordnung gebracht? Aber bald kam Licht in die Sache. „Ja,
das ist eben französische Zeit, dahin gehören wir jetzt wieder!“
Nun, die französische Zeit sollte nicht viel Stunden schlagen, und
wohl die wenigsten Bewohner richteten ihre Uhren danach.
über den Ort Schirmeck hinaus bis gegen Lützelhausen waren
die Sieger von St. Blaise gezogen;' dann aber wandte sich das
Blatt, und es begannen für sie die unausgesetzten Niederlagen.
Was diese Niederlagen aber an Opfern in den Reihen beider
kämpfenden Heere forderte, und was sie für die Bewohner von
Rothau und der ganzen Umgegend bedeuteten, das läßt sich nicht
schildern. Rings umher auf allen Höhen waren Geschütze auf—
gestellt, die sich gegenseitig „begrüßten“, und so flogen denn tage—
lang Bomben und Granaten über unsere Köpfe hinweg, die
häufig einschlugen, wo sie nicht sollten, und viele Häuser arg
beschädigten. Ganze Tage und halbe Nächte brachten die meisten
Bewohner in den Kellerräumen zu. Schwiegen einmal die Ka⸗
nonen, so bekam man zur trostlosen Abwechslung und oft aus
nächster Nähe Kleingewehrfeuer zu hören. Auf dein Hochfeld und
auf der Bärhöhe, wo die gastliche Blockhütte des Blauen Kreuses
steht, fanden heiße, blutige Gefechte statt, und grausig soll der
Anblick dieser wunderbar gelegenen Punkte nach vollendeter, ent⸗—
setzlicher Tagesarbeit gewesen sein. Endlich am 20. zogen deutsche
Truppenteile wieder ein, und ihre erste Sorge war, alle Häuser
vom Boden bis zum Keller zu durchsuchen, um sich zu überzeugen,
daß keine französischen Flüchtlinge zurückgeblieben seien. Am 22.
trafen weitere Abteilungen ein zur Verfolgung der zurück⸗
weichenden Franzosen. Tags darauf, am Sonntag, wurden
etliche der allerschwersten Geschütze gerade hinter Rothau aufge—
pflanzt, um von dort aus die Beschießung der französischen
Grenze zu unternehmen. Den ganzen Sonntag hindurch dröhn—
ten nun diese Ungeheuer und spien ihr mörderisches Feuer bis
in das französische Gebiet hinein. Am folgenden Montag kam es
nochmals, oberhalb Fondey, zu einem furchtbaren Ringen, wobei
der Tod auf beiden Seiten eine erschreckend reiche Ernte hielt.
Von diesem Tag an war für uns in Rothau die unmittelbare
Gefahr vorüber, und brünstige Dankgebete durften zu dem treuen
Gott hinaufsteigen, der „in viel Not über uns Flügel gebreitet“.
Nun sind in der ganzen Umgegend Massengräber gegraben
worden zur Bergung der vielen, vielen gefallenen Krieger. Im
Tod vereint, was sich in erbittertem Kampf gegenseitig ums
Leben brachte. Ja, und auch im Leiden schon vereint, denn es
wird wohl mehrmals vorgekommen sein, wie es hier geschah, daß
verwundete Gegner, einmal im Lazarett, die Feindschaft ver—
gessen und sich gegenseitig Handreichung leisten. Aber nicht nur
unter den Kriegern auf dem Kampfplatz gab es Opfer, sondern
auch unter der Bevölkerung, namentlich der ländlichen. Gegen

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der Grenze zu hielten sich nämlich noch hie und da französische
Soldaten versteckt, und da wurde nach strengem Kriegsbrauch
entweder ein Haus oder eine ganze Ortschaft in Brand ge⸗
schossen. So geschah's in einem Dörfchen Fondey (wo Oberlin
begraben liegt). Plötzlich ertönte daselbst der Schreckensruf:
„Das Dorf soll in Brand geschossen werden!“ obwohl kein Grund
zu solchem Verfahren vorhanden war. Die Panik konnte nicht
ausbleiben. Eine ganze Anzahl der Bewohner, nanientlich
Frauen, raffte schnell etwas von ihrer Habe zusammen und floh
nach der Richtung von Fondey. Dort hielten sich zwei deutsche
Wachtposten hinter Ginsterbüschen versteckt. Als sie die Fliehen⸗
den wahrnahmen, riefen sie ihnen ein gebieterisches „Halt“ zu.
Aber die AÄrmsten beachteten den Befehl nicht und liefen weiter.
Da knallten Büchsen hinter ihnen her; ein Mann wurde zu
Boden gestreckt und starb vor den Augen seiner Frau, die selbst
schwer verwundet war. Einer andern wurde ein Arm beinahe
abgeschossen und die sie begleitende Tochter ebenfalls getroffen.
Ach! und so könnte man noch viele traurige Vorfälle mitteilen,
die sich nur in dieser weltabgeschiedenen Ecke, an idyllisch ge⸗
legenen Orten zugetragen, die in ruhigen Zeiten wahre Friedens—
stätten sind, jetzt aber von der Kriegsfurie auf mancherlei Weise
schwer heimgesucht werden.

Noch einer Begebenheit sei gedacht, die gewiß nicht un⸗
interessant ist. An einem der letzten Tage meldete sich in unserm
Hospital ein Herr in deutscher Uniform, der vorgab, als Stabs⸗
arzt die Einrichtung des improvisierten Lazaretts besichtigen zu
wollen. Er fand alles in bester Ordnung, besah sich auch die
eingebrachten verwundeten Frauen und bestellte dann ein Zim⸗
mer für den Abend. Unterdessen wolle er, so gab er an, noch

eine Inspektionstour nach der Grenze unternehmen, um nachzu⸗

sehen, ob auch dort für die Verwundeten hinreichend Sorge ge—
tragen werde. Dann entfernte er sich, nachdem er nochmals be⸗
fohlen hatte, das von ihm gewählte Zimmer für den Abend in
Bereitschaft zu halten. Aber kaum waren ein paar Minuten nach
seinem Fortgehen verstrichen, als zwei deutsche Offiziere in rasen⸗
dem Automobiltempo angefahren kamen und sich bei der dienst⸗
tuenden Schwester erkundigten, ob ein unifornierter Herr, der so
und so aussah und so und so, nämlich mit fremdländischem Akzent,
sprach, sich gemeldet habe. Sobald sie die gewünschte Antwort
erhalten hatten, machten sie sich auf den Weg, um den auf einem
Zweirad dahinjagenden „Stabsarzt“ einzufangen, was ihnen
glücklicherweise auch gelang. Und nun entpuppte sich letzterer als
ein russischer Kurier, der irgendeinem französischen Befehlshaber
wichtige Depeschen zustellen sollte.

Ebenezer! Bis hieher hat der HErr geholfen; gewiß, er
wird auch weiter helfen, und wir dürfen's ihm auch zutrauen, daß
er aus all dem Schrecklichen, das dieser furchtbare Krieg mit sich
bringt, aus all dem Weh und Herzeleid eine Frucht hervorbringen
wird, die ihm selbst zur Ehre und der armen, sündenverlorenen
und darum in Haß und Feindschaft sich verzehrenden Menschheit
zu ewigem Heil gereichen soll. A. Sch.

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Durch ein Kind gerettet.
Eine wahre Geschichte.

Was die Trunksucht für namenloses Elend anrichtet, dar⸗
über werden wir in unserm Lande täglich belehrt. Doch auch in.
andern Ländern übt der Saufteufel seine furchtbare Macht über4
willensschwache Menschen aus, und es gehört zu den größten
Wundern der göttlichen Gnade, wenn ein von der Trunksucht
Gebundener aus diesen unseligen Banden noch loskommt. Hier
ein Beispiel. ·

In meinen jüngeren Jahren kannte ich einen betagten

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