Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 261

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 261

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeit 3 · Kirchengemeinſchaften 3

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lässig Gottes Wort getrieben wird, muß verderben.“

SVer 2„Dutheraner

261

„Die Presbyterianer fordern von ihren Altesten und Predigern
nicht mehr allgemein eine Verpflichtung auf das Bekenntnis.“
In den Lehranstalten der Presbyterianer ist der moderne Un⸗
glaube tief eingefressen. Bei dem Examen, das mit den Pre⸗
digtamtskandidaten des Union Seminary in New York nach
Beendigung ihrer Studien vorgenommen wird, hat es sich in
den letzten sieben Jahren immer wieder gezeigt, daß die meisten
Kandidaten die Schrift nicht für Gottes Wort hielten, stark an
den Wundern zweifelten, das Dasein eines Teufels leugneten
und in andern Artikeln der christlichen Lehre vom Bekenntnis
ihrer Kirche abwichen. Dennoch sind sie ins Predigtamt ent⸗
lassen worden. Auch auf der presbyterianischen Princeton⸗
Universität ist der Liberalismus in letzter Zeit immer mehr
zur Herrschaft gelangt. „Gleicher Hirt, gleiche Herde“! — wo
die Prediger selbst in den wichtigsten Artikeln des Glaubens
nicht mehr fest stehen oder sie gar leugnen, wie kann da eine
Gemeinde aus Gottes Wort zur Seligkeit unterrichtet werden?
Zwar sind die Presbyterianer sich der drohenden Gefahr wohl
bewußt. Viele ihrer Prediger beobachten mit Schrecken den
Abfall, der sich anbahnt, und versuchen, ihm einen Damm ent⸗
gegenzusetzen, indem sie Protestbeschlüsse gegen die Verführer
fassen und sich von der gottlosen Lehre, die auf manchen ihrer
Anstalten vorgetragen wird, lossagen. Doch scheuen sie sich,
den einzig wirksamen Schritt zur Abhilfe zu tun, nämlich die
Kirchengemeinschaft mit solchen, die offenbar vom Chri⸗
stentum abgefallen sind, aufzuheben. Und solange sie an dem⸗
selben Joch ziehen mit den Ungläubigen, kann auch ihr Zeugnis
keine bleibende Frucht schaffen, der Schade wird vielmehr
immer ärger.

Die Methodisten. Auch von den Methodisten gilt
der Hauptsache nach das schon Gesagte. Vor zwei Jahren schrieb
ein gewisser Dr. L. W. Munhall ein Buch, betitelt: Breahers!
Metodism Adrift. Darin wird eine ganze Anzahl von metho—
distischen Bischöfen, Professoren und Redakteuren namhaft ge⸗
macht, die dem Unglauben huldigen. Seine Ausführungen
über die Zustände in methodistischen Lehranstalten leitet Mun⸗
hall mit den Worten Luthers ein: „Ich befürchte, die Universi⸗
täten werden sich noch als eine große Tür zur Hölle erweisen,
es sei denn, sie befleißigen sich, die Heilige Schrift zu treiben
und in die Herzen der Jugend zu pflanzen. Ich rate nie—
mandem, sein Kind dahin zu tun, wo die Heilige Schrift nicht
das höchste Regiment führt. Jede Schule, in der nicht unab⸗
Als An⸗
stalten, in denen der Unglaube Hausrecht erhalten habe, nennt
Munhall die Universität zu Syracuse, N. Y., die Wesleyan⸗
Universität zu Middletown, Conn., die Wesleyan-Universität
zu Delaware, O., das Garrett Biblical Institute zu Chicago,
die Boston⸗Universität, das Drew⸗Seminar und die Ilifk School
of Theology zu Denver. Auch die Sonntagsschulliteratur sei
von der modernen Theologie nicht frei. Die Hauptredakteure
derselben sympathisierten mit vielem, was die ungläubigen
Gelehrten als Ergebnisse der modernen Forschung hinstellten.
Eine Ausführung über das große Book Concern der Metho—
disten schließt Munhall mit den Worten: „Hätten diese Gründer
gewußt, was für Zeug das Book Concern in unserer Zeit zutage
fördert, sie würden es gewiß nicht ins Leben gerufen haben.“
Von einem Buche Rev. George Jacksons, das von dem Verlag
herausgegeben wird, schreibt derselbe Methodist: „Paine und

Voltaire berühmte Gottesleugner! haben nie etwas Schlim⸗

meres über die Bibel gesagt, als was in diesem Buche ge⸗
sagt wird.“

Nach allem Gesagten darf man wohl von einem allge⸗
meinen Abfall innerhalb der sichtbaren Christenheit unserer
Tage reden. Der Zug, der durch alle diese Kirchen geht, ist:
Fort vom alten Bibelglauben und vom kirchlichen Bekenntnis!
Es kann dem Leser auch nicht unbekannt sein, daß von den
reformierten Kanzeln, auch wenn dort nicht der unverhüllte
Unglaube vorgetragen wird, doch die Predigt von dem Sünder⸗
heiland IEsu Christo immer mehr zurücktritt, und Vorträge
über Moral, Politik und Reform an ihre Stelle treten. Die
Folgen dieses Verfalls in der Wortverkündigung zeigen sich
schon in einem immer mehr hervortretenden

Rückgang des kirchlichen Lebens.

Darüber viel zu schreiben, dürfen wir dem Leser ersparen.
Er braucht nur um sich zu schauen, um die Anzeichen dieses
Rückgangs zu sehen. Wie ist doch im allgemeinen in unserm
Volk die Achtung — reverence — vor Kirche, Gottes Wort,
Predigtamt geschwunden! Wie stellt sich doch allenthalben der
kirchliche Teil unserer Bevölkerung der ungläubigen Welt gleich!
Wie groß, wie erschreckend groß, ist die Zahl derer, die der
Kirche und Religion überhaupt den Rücken kehren und sich
wenden zum großen Haufen! Da ist der Bruch vollzogen, der
Abfall vollendet.

Auch in den reformierten Gemeinschaften klagen ernste
Beobachter über den Verfall der Sitten und den Rückgang des
Gemeindelebens insbesondere. Wir lasen kürzlich im „Christ⸗
lichen Botschafter“ folgende Schilderung des kirchlichen Lebens
in unserer Zeit:

„Wieviel Anstoß und Ärgernis wird der Welt durch
Fromme gegeben! Der daraus entstehende Schaden ist un⸗
berechenbar. Sind nicht daran auch solche unter den Unsern
beteiligt, die durch ihr Geschäftsgebaren, durch unehrliche Han⸗
tierung, durch Unwahrhaftigkeit, Gewissenlosigkeit, Unversöhn—
lichkeit, Haß und heimliche Weltliebe unliebsam bekannt wurden?
Zeigen sich nicht gerade auch in diesem Weltkrieg gähnende Tie⸗
fen in den christlichen Kreisen, die uns schamrot werden lassen?

„Der Apostel mahnt: „Stellet euch nicht dieser Welt
gleich!“ Aber trotzdem will man auch bei uns reich werden,
sucht mehr die Ehre bei Menschen als bei Gott, hält sich selbst
für klug, rächt sich selbst, afterredet und richtet wie andere.
Dem Ernst ist man abgeneigt; man wünscht Prediger, die
Frieden predigen, um ungestörter den Neigungen nachzugehen
und den Schlaf falscher Sicherheit weiterzuschlafen. Von einem
sehnsüchtigen Warten auf die selige Erscheinung unsers HErrn
IEsu Christi hört man wenig, bis uns sein Tag schnell wie
ein Dieb in der Nacht überfällt.

„Besonders unser jüngeres Volk zeigt eine auffällige Ver—
flachung und Verweltlichung. Das heutige kommende Ge—
schlecht kann alles, ist aufs sorgfältigste ausgebildet, versteht
sich auf Sport und Politik, aber sie sind nicht immer die ein—
fältigen Jünger IJEsu, beschlagen in der Schrift. Man will
höher hinauf, möchte imponieren, es einst besser haben als die
Eltern, und darüber vergessen sie die großen Bedürfnisse des
Reiches Gottes. Wie man sich vom Geiste Gottes nicht mehr
strafen lassen will, so wird auch die menschliche Ordnung für
nichts geachtet; alles wird als Last angesehen. Auch die best⸗

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