Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 269
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 269
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bare Schlacht in unserer nächsten Nähe, so daß ein großer Teil
der Vorstädte stark beschädigt wurde. Aber nicht nur das, selbst
bis ins Zentrum der Stadt flogen Granaten, explodierten hier
und säten Tod und Verderben. Häufig sah man beschädigte Ge⸗
bäude, und in vielen Häusern fehlten sämtliche Fensterscheiben.
Täglich wuchs der Transport der verwundeten Vaterlandsver⸗
teidiger. Die Leichtverwundeten wurden zum Teil in Privat⸗
häusern untergebracht; die Schwerverwundeten lagen in Hospi⸗
tälern, Bankgebäuden und Schulen, die alle zu diesem Zweck
eingeräumt waren.
Von diesen Schreckenstagen wird uns die Nacht vom 1. De⸗
zember ewig unvergeßlich bleiben. Es schien, als hätte die Hölle
ihre Pforten geöffnet, und als sollte in diesem Krachen und
Donnern die Welt untergehen. Die Scheiben klirrten, die Häuser
erzitterten, und die Erde erbebte unter dem Druck der sich ent⸗
ladenden Geschütze.
Wie schrecklich solche Tage sind, läßt sich wohl besser mit⸗
erleben als beschreiben. Tausende von Menschenleben sind dem
Kriege zum Opfer gefallen. Ist das aber alles, was ein so
blutiger Krieg wie der gegenwärtige mit sich führt? Wie sieht
das Land, in dem gekämpft wird, die Gegend, in der große,
wochen lange Schlachten geschlagen werden, aus? Ist es nicht,
als ob ein mächtiger Sturm verwüstend über Berg und Tal
dahinbraust und ein schauerlich ödes Bild zurückläßt? Ja, was
man im Kampf und Sturm der letzten Monate weniger beachtete,
das entrollt sich nun nach dem Sturm dem Auge um so deutlicher:
geknickte Bäume, zusammengeschossene Häuser, starre Leichen mit
offenen Augen und gekrümmten Gliedern und eine grausame —
Hungersnot.
ö Welch trauriges Bild entfaltet sich vor den Augen derer, die
Gott in den Wochen des Schreckens, Bangens und Zagens er⸗
halten hatte! Traurig waren die Stätten anzusehen, die die
Merkmale des Todes trugen. Schlichte Kreuze kennzeichneten
die Gräber der gefallenen Braven. Andere lagen gekrümmt oder
zurückgebeugt in den mit Stroh gepolsterten Schützengräben und
starrten mit weitaufgerissenen Augen ins Leere. Ach, sie alle
ließen ihr Leben für Vaterland und Heimatherd! Schrecklich
war das Bild der Verwüstung, das ein kleiner Nachbarort, Kon⸗
stantynow, darbot. Rechts und links von der Hauptstraße lagen
Häuser in Trümmern. Nur zum Teil Außenwände, einzelne
Schornsteine und an manchen Stellen blieben, wie zum Hohn,
die Ofen stehen. Wie traurig! Viele sind nun ohne Dach über
ihren Häuptern geblieben. Ihr Hab und Gut ist in Flammen
aufgegangen, und was vom Feuer verschont geblieben, ist auf
andere Art und Weise verschwunden. Unsern Geschwistern ist es
an diesem Ort nicht besser ergangen. Wohl sind sie alle am
Leben geblieben, aber verloren haben sie alles: Kleider, Wäsche,
Nahrung und Feuerung. Die meisten sind am Bettelstab.
In Alexandrow sieht es auch sehr traurig aus. Viele Ein⸗
wohner dieses Ortes fanden einen jähen Tod. In einem Hause
verbrannten 27 Personen. Welch ein Anblick, die verkohlten
Leichen! Unsere Kapelle blieb unbeschädigt, doch weist unser
Waisenhaus ein Bild der Verwüstung auf. Zwei Granaten tra⸗
fen das Haus, durchschlugen die Wände und richteten einen großen
Schaden an. Menschliche Hände vervollständigten das Werk der
Vernichtung. Die Türen wurden gesprengt, zertrümmert, alle
Produkte herausgeholt, und das ganze Haus wurde in einen
Pferdestall verwandelt. Welch eine gnädige Führung von Gott,
daß wir einige Tage vorher sämtliche Kinder in verschiedenen
Familien verteilten, und sie so dieser großen Gefahr entzogen
wurden!
Lodz ist — dem SErrn sei Dank! — nicht so arg mitge⸗
nommen. worden. Wohl beschädigten einschlagende Granaten hier
und da ein Haus, wohl wurde der eine oder andere friedliche
Bürger ein Opfer der explodierenden Geschosse, doch ist das alles
nichts im Hinblick auf das schreckliche Gespenst, das sich uns mit
Riesenschritten nähert: die immer mehr um sich greifende Hun⸗
gersnot. ö
Sofort nach Beginn des Krieges wurde der Betrieb in fast
allen Fabriken unserer Stadt aus Mangel an Kohlen und Ma⸗
terialien eingestellt. Welche Folgen eine sechsmonatige Arbeits⸗
losigkeit in einer Fabrikstadt wie Lodz, die zum Kriegsschauplatz
geworden ist, hervorruft, kann man sich leicht denken. Dazu kom⸗
men noch die hohen Preise für sämtliche Lebensmittel. Woher
sollte und soll die große Menge die nötigen Mittel nehmen, um
in dieser Teurung leben zu können? Sind doch Hunderttausende
von Arbeitern da, die nur von dem lebten, was sie wöchentlich
verdienten! Wohl wurden verschiedene Hilfskomitees ins Leben
gerufen, die der Not nach Möglichkeit steuern wollten. Mit viel
Mühe nehmen sich auch die Großindustriellen der Notleidenden an
und unterstützen ihre Arbeiter, soviel sie können. Kann aber eine
Familie von sechs bis acht Personen für einen Rubel oder weniger
die Woche leben? Wie viele Familien gibt es aber, die auch
diese Unterstützung nicht erhalten! Was sollen solche Leute nun
zuerst kaufen? Brot, Kartoffeln oder andere Lebensmittel, die
alle enorm teuer und doch zum Leben unerläßlich sind? Sind
sie nun endlich glücklich im Besitze dieser teuren Produkte, so stehen
sie wieder vor der bangen Frage: Woher das nötige Holz zum
Abkochen der Speisen nehmen? Auch dieses ist im Preise so sehr
gestiegen. Mit diesen Schwierigkeiten kämpfen nun hier in Lodz
annähernd 300,000 Menschen.
Kriegserlebnisse im Steintal (Elsässische Vogesen).
Es hieß wohl anfangs: „In unserer entlegenen Ecke wird
verhältnismäßig alles ruhig bleiben.“ Wie sollten auch streitende
Kräfte sich in diesen Bergen und Wäldern, Höhen und Gründen
zurechtfinden können! Zwar war es einem befremdlich erschie⸗
nen, daß sehr oft im Frühjahr eine Zeitlang ansehnliche Truppen⸗
teile gerade unsere Gegend durchstreiften, so daß schon damals
ängstliche Gemüter dieses Manöbrieren als Vorboten irgendeines
schlimmen Ereignisses betrachteten. Als einmal diese Kreuz⸗ und
Quermärsche bei rauher Witterung und strömendem Regen statt⸗
fanden, wie bedauerte man da die armen Jungen, die solchem
Unwetter schutzlos ausgesetzt waren! Ach, und jetzt ist's ein ver⸗
derblicherer Regen, der sich zeitweise über sie ergießt, und sind's
andere Beschwerden und Leiden, die sie zu erdulden haben.
Am 7. August vorigen Jahres und tags darauf kamen sie in
Scharen, unsere deutschen Krieger, um an die Grenze zu ziehen.
Es entspann sich ein Gefecht, das sich bis zum „Climont“ aus⸗
dehnte, wo ein paar Wochen vorher ein so schönes Fest große
Scharen von jugendlichen Pfadfindern, von hüben und drüben
der Vorgesen, in munterem, fröhlichem Treiben vereinigt gesehen
hatte. Inzwischen, und zwar nach lange vorher unternommener
Vorarbeit, hatten sich die Franzosen auf dem ganzen Höhenrücken
längs des grenzebildenden „Donon“ verschanzt und befestigt. Da
gab's nun bald für unsere braven Truppen heiße, harte Arbeit.
Todesmutig zogen sie mit fünfzig Geschützen gegen etwa zwei⸗
hundert französische aus und stellten sich unweit St. Blaise auf.
Leider waren sie in großem Nachteil und mußten nach hart⸗
näckigem Kampf unter schweren Verlusten ihre Stellung aufgeben
und den Rückzug antreten, der zum ersten⸗ und einzigenmal
fluchtartig geschah. Das war am 14. August, wo die ersten Ver⸗
wundeten zu uns nach Rothau gebracht wurden, allwo Vorkeh⸗
rungen getroffen waren, sie aufs bestmögliche aufzunehmen und
zu verpflegen, bis man sie weiterhin befördern konnte. Zwei
Verwundete verschieden noch am selben Abend. Ein stark Fie⸗
bernder fuhr in seinen Fieberphantasien fort, sich mit dem Feind
zu schlagen, und man hörte ihn mehrmals ängstlich rufen:
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