Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 260
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 260
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften 2 · Kirchengemeinſchaften 3
260 S Der „„Tutgeraneds
darauf hinweisen: „Unser Bekenntnis ist gar nicht so sehr ver⸗
schieden von eurer Augsburgischen Konfession.“ Wie steht es
nun bei den Episkopalen? Vor einigen Jahren hielt ein
Episkopalpriester, G. C. Richmond in Rochester, N. N., eine
Predigt, in der er folgende Aussagen machte: „In manchen
Kirchen hört man noch immer jene unmenschliche, schreckliche
Lehre, die gegen die Liebe und das Gesetz verstößt, die Lehre
vom stellvertretenden Leiden und Sterben Christi: Christus
hat für alle deine Sünden genuggetan; glaube nur, daß Chri⸗
stus für dich gestorben ist, und du wirst selig. Dies ist der
größte Irrtum, insofern von dem Leiden Christi als einem
stellvertretenden geredet wird. Dir Kirchen, in welchen diese
Lehre von der stellvertretenden Genugtuung Christi gepredigt
wird, könnte man geradesogut morgen anzünden und ver—
brennen oder in Hospitäler oder Irrenasyle verwandeln.“
Und am folgenden Sonntag predigte derselbe Mann: „Für
das zwanzigste Jahrhundert müssen wir eine neue Bibel haben.
Und in der Tat, das Volk ist jetzt daran, sie zu schreiben. Es
ist in dieser Bibel wohl kein Raum für solche Namen wie Abra—
ham, Moses, David, Jesaias oder Hosea. Sie waren treffliche
Leute in ihren Tagen; aber man hat jetzt berühmtere Namen.
Und solche sind Napoleon, Hildebrand, Heinrich VIII., die
Königin Viktoria, Gladstone, Parnell, Benedict Arnold, Jona⸗
than Edwards, John Wesley, Florence Nightingale, Beecher,
Brooks, John D. Rockefeller und Kanzler Day. Ein ganzes
Kapitel wird dem Darwin gewidmet werden und seiner großen
Offenbarung. In der neuen Bibel wird man auch ein Kapitel
darüber finden, welche Torheit es ist für die Kirche, den Glau⸗
ben zu verteidigen oder Gelder für die Bekehrung der soge⸗
nannten Heiden zu sammeln.“ „Das ist ja entsetzlich“, spricht
der Leser; „so haben früher doch nur Freigeister und Gottes-
leugner reden dürfen; den Mann hat seine Gemeinde doch ab⸗
gesetzt?“ Das hat sie nicht, und er ist weit davon entfernt,
der einzige Episkopale zu sein, der so predigen darf. Erst vor
kurzem schrieb der Episkopale Dr. Sanday einen Brief an den
Bischof von Oxford, in dem er als die Lehre einer großen
Partei innerhalb der englischen Staatskirche Sätze vortrug, in
denen die Wunder der Bibel frech geleugnet, die Lehre von
der Gottheit Christi schlankweg verworfen, und die Berichte
von der Auferstehung und Himmelfahrt Christi als Dichtung
bezeichnet wurden. So schreibt ein berühmter Führer einer
großen Partei in der Episkopalkirche. Der episkopale Bischof
Gore hat vor einigen Wochen im englischen Parlament gesagt:
„Ohne Zweifel geht in unserer Kirche eine Auflöf ung der
Kirchenlehre vor sich, die ohnegleichen ist in der Geschichte
unserer Kirche, so daß es in absehbarer Zeit unmöglich sein
wird, zu sagen, wie unsere Kirche in bezug auf die Grundlehren
des Christentums steht!“ ö
Die Baptisten. Vor einigen Jahren hielt Rev. W. C.
Bitting, Pastor der größten Baptistenkirche in St. Louis, vor
einer Versammlung von Pastoren einen Vortrag über die Bibel.
Über diesen Vortrag schrieb damals der „Lutheraner“: „In
dem Zeitungsberichte, dem wir dies entnehmen, heißt es, er
habe damit angefangen, daß er die, Walfisch⸗ und Jonageschichter
zertrümmert habe. Er habe behauptet, der Schreiber dieser
Geschichte habe sicherlich selbst nicht erwartet, daß man diese
Erzählung „ernst nehmen“ solle. Das Buch des Predigers
Salomo habe er bezeichnet als ein fix und fertiges Prädestina⸗
tionskapitel für solche, die es gerne haben wollen“', über den
Spruch: „Zerreißen, Zunähen, Schweigen, Reden hat seine
Zeit' habe er solche Witze gerissen, daß die ganze Versammlung
beständig habe lachen müssen. Er habe dann hervorgehoben,
daß man das Bibelwort nicht als einen Götzen sklavisch ver⸗
ehren dürfe; man müsse es vielmehr betrachten im Lichte
seiner Geschichte. Beweissprüche' aus der Bibel solle man
überhaupt nicht mehr gebrauchen; das sei veraltet. Es sei
Unsinn, wenn man meine, man habe die Sache bewiesen, wenn
man dafür einen Spruch aus der Bibel angeführt habe. Der
Erzvater Jakob sei ein ‚Fersengänger und alter Pfandleiher“
gewesen, der wie alle die alten berühmten Männer voll Fehler
gewesen sei. Das Hohelied sei nicht von Salomo, sondern fünf⸗
zig Jahre nach seinem Tode über ihn geschrieben worden, um
zu zeigen, welch ein „Erzwollüstling“ er gewesen sei. In diesem
Liede werde nämlich erzählt, wie Salomo vergeblich versucht
habe, eine reine, keusche Jungfrau vom Lande durch Geld—
geschenke, durch Wollust und hohe Ehrenstellen in seinen Harem
zu locken. Als Bitting seine Schmähungen begann, verließen
etliche Pastoren, meist Presbyterianer, das Lokal. Einer von
diesen entschuldigte später sein Hinausgehen damit, er habe
einen Beamten seiner Gemeinde sprechen müssen; er habe nicht
etwa gegen den Inhalt des Vortrages protestieren wollen, der
sei vielmehr sehr schön gewesen. Der Rest der Versamm⸗
lung aber zollte dem Vortrage herzlichen Beifall, und viele
Pastoren versicherten dem Redner, sie stimmten mit dem wesent⸗
lichen Inhalte des Vortrages überein.“
Bitting hat unter den Baptisten viele, sehr viele Ge⸗
sinnungsgenossen. Einer, der schon viel von sich reden ge⸗
macht hat, ist Dr. Aked, der jetzt, wenn wir uns nicht irren,
in San Francisco an einer Kongregationalistenkirche steht, und
dessen Schmähungen auf Rechtgläubigkeit und Bekenntnistreue
des öfteren in den Zeitungen wiederkehren. Ein rechter Herd
grundstürzender Irrlehren ist die baptistische Universität Chi⸗
cago, aus der Hunderte von Predigern hervorgegangen sind.
Einer der Professoren an dieser Universität (Dr. Foster) sagte
vor einiger Zeit in einem Vortrag, die Bibel lehre keine Recht⸗
fertigung aus dem Glauben, man müsse nur versuchen, ordent⸗
lich zu leben; viele Leute gingen nicht mehr zur Kirche, nicht
weil sie so gottlos, sondern weil sie so gut seien, daß sie die
Kirche nicht mehr nötig hätten. Die Welt sei nicht aus nichts
geschaffen; es gebe keinen dreieinigen Gott; die Bibel sei voller
verwirrender Lehren usw. Dieser Mann, der das nackte Heiden⸗
tum vorträgt, unterrichtet zukünftige Pastoren der Baptisten⸗
kirche. Gewiß gibt es auch Baptistenprediger, die noch an den
Grundwahrheiten der Bibel festhalten; aber die liberale Partei
nimmt stetig zu, und auf einer Kanzel nach der andern wird
das Licht des Evangeliums, wo es noch glimmte, ausgelöscht.
Die Presbyterianer. „Es kann nicht bezweifelt
werden“, schrieb vor einigen Jahren ein hervorragender Pres⸗
byterianer, „daß in den letzten fünfundzwanzig Jahren die
Lehre von der Gerechtigkeit durch eigene Werke immer mehr
die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben verdrängt
hat. In den protestantischen Kirchen wird mehr und mehr
die Lehre von der Versöhnung durch Christi Leiden und Tod
verworfen, und die Lehre von der Erlösung durch eigene Werke
tritt an ihre Stelle; oder, wie ein Prediger das ausgedrückt hat:
„Jeder ist sein eigener Erlöser.“ Das trifft auch bei den Pres⸗
byterianern in immer höherem Maße zu. Dean Brown von
dem Predigerseminar der Universität Hale schrieb letztes Jahr:
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